Solarindustrie: Negativpreise stehen Ausbau in EU im Weg
Die EU muss aus Sicht einer Gruppe von Verbänden der Solar- und Erneuerbaren-Branche das Problem angehen, dass im Falle von Solarstromüberschüssen Potenzial vergeudet wird und die Preise zeitweise ins Negative rutschen.
Die EU muss aus Sicht einer Gruppe von Verbänden der Solar- und Erneuerbaren-Branche das Problem angehen, dass im Falle von Solarstromüberschüssen Potenzial vergeudet wird und die Preise zeitweise ins Negative rutschen.
Die Solarindustrie wächst in Europa rasant: 2022 wurden 40 Gigawatt (GW) installiert, fast 50 Prozent mehr als im Jahr 2021.
Während 2023 aus Sicht der Verbände einen „weiteren Rekordsommer“ für die Solarstromerzeugung bringen dürfte, warnen sie in einem am Dienstag (1. August) an EU-Energiekommissarin Kadri Simson gesendeten Brief, Schwachstellen der Stromnetze, mangelnde Flexibilität im System sowie volatile Preise würden sich negativ auf die Rentabilität von Solarprojekten auswirken.
„Die Energie- und Klimakrise zwingt uns, den Ausbau der Solarenergie auf ein noch nie dagewesenes Niveau zu bringen. Mehr denn je ist es notwendig, Maßnahmen zu ergreifen, um das Wachstum der Solarenergie zu beschleunigen und die Energieverschwendung zu verringern“, schreiben die 19 Verbände, von denen 16 die Industrie in den EU-Ländern vertreten.
Die weiteren Unterzeichner vertreten die Branche in der EU als Ganzes sowie in Norwegen und die Schweiz.
Drosselung und negative Preise
Ein großes Problem für die Branche ist, dass die Solarenergie in Zeiten geringer Nachfrage zunehmend vom Netz genommen wird, teils zugunsten der klimaschädlichen Kohleverstromung.
In diesem Jahr kam es in EU-Ländern, vor allem in Polen und der Tschechischen Republik, zu Drosselungen, bei denen die Solarstromproduktion aufgrund unerwartet niedriger Nachfrage eingestellt wurde, während die Kohlekraftwerke weiter produzierten.
„Aufgrund der Abhängigkeit von der sogenannten Grundlast und des Mangels an sauberer Systemflexibilität wird Kohle mit hohem Schadstoffausstoß verbrannt – und saubere, kostengünstige Solarenergie wird verschwendet“, heißt es in dem gemeinsamen Schreiben.
Außerdem warnt die Branche davor, die unkontrollierte Volatilität der Energiepreise und die „zu häufigen“ negativen Preise würden Investitionsbereitschaft in neue Solaranlagen gefährden.
„Eine höhere Preisvolatilität, die sich heute in Preisspitzen oder negativen Preisen äußert, wird zur neuen Normalität“, schreiben die Verbände. Dies bedeute größere Unsicherheit und potenzielle Einnahmeverluste für erneuerbare Energien.
Netze besser vorbereiten
Viele Lösungen für diese Probleme wurden bereits in dem 2018 verabschiedeten EU-Gesetz zur Förderung der Erzeugung erneuerbarer Energien vorgeschlagen. Allerdings wurde es in vielen EU-Ländern nicht richtig umgesetzt.
Um die Probleme zu lösen, fordern die Verbände die EU-Länder auf, die Netze besser vorzubereiten und die Genehmigung und den Bau der Netzinfrastruktur zu beschleunigen.
Angesichts des zu erwartenden Wachstums der erneuerbaren Energien könnten die Netze nicht warten und müssten bereits jetzt ausgebaut werden, auch mit vorausschauenden Investitionen, so die Verbände.
Zudem müsse das gesamte Stromsystem flexibler werden, von der Anpassung der Netze bis hin zu einer stärkeren Reaktion der Haushalte auf Preissignale. Daneben brauche Europa zusätzliche Speicherkapazitäten und Anreize für die Nutzung von Strom in Zeiten niedriger Nachfrage und damit niedriger Preise, beispielsweise in der Nacht.
Die Verbände fordern auch, dass regulatorische Engpässe und Doppelbelastungen bei Hybridprojekten beseitigt werden, bei denen die Solarstromerzeugung mit der Speicherung oder einer anderen Erzeugungsquelle wie der Windkraft kombiniert wird.
Investoren müssten die richtigen Signale erhalten und wissen, dass Investitionen in Solaranlagen langfristig stabil sind, so die Verbände.
Dies könne mit Differenzverträgen erreicht werden, die eine garantierte Einnahme für erneuerbare Energien bieten und von der Europäischen Kommission im Rahmen der im März 2023 vorgeschlagenen Strommarktreform als Möglichkeit zur Stabilisierung der volatilen Energiepreise vorgeschlagen wurden.
Die Verbände warnen jedoch vor einem anderen möglichen Element der Reform: der Verlängerung einer umstrittenen Erlösobergrenze für die Stromerzeugung. Dies berge die Gefahr, dass „die zusätzlichen Gewinne der kommerziellen Solaranlagen, die die Zeiten niedriger Erlöse ausgleichen, übermäßig abgeschöpft werden.“
Es wird erwartet, dass die Solarenergie in Europa in diesem Jahrzehnt weiter wachsen wird. Im Sinne des Klimaschutzes und der Abnabelung von russischen Energieimporten hat die EU sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 eine Produktionskapazität von 600 GW zu erreichen.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]