Tajanis Tourismus-Strategie für Europa
Die EU will Europa als Top-Tourismus-Destination stützen, nachdem die Besucherzahlen aus aller Welt infolge der Wirtschaftskrise zurückgegangen sind. Die soeben vorgestellte Strategie des EU-Kommissars Antonio Tajani rief unterschiedliches Echo hervor.
Die EU will Europa als Top-Tourismus-Destination stützen, nachdem die Besucherzahlen aus aller Welt infolge der Wirtschaftskrise zurückgegangen sind. Die soeben vorgestellte Strategie des EU-Kommissars Antonio Tajani rief unterschiedliches Echo hervor.
Mit der Strategie „Europa – wichtigstes Reiseziel der Welt: ein neuer politischer Rahmen für den europäischen Tourismus" will die EU ganz Europa als Reiseziel fördern. Griechenland und Großbritannien etwa begrüßen diesen Plan, lassen aber auch Skepsis durchblicken.
Europa müsse seine Spitzenstellung im Tourismus behaupten, betonte der für Tourismus zuständige Industriekommissar Antonio Tajani
Drittgrößte Branche in Europa
Der Tourismus steuert im gesamteuropäischen Durchschnitt fünf Prozent der Wirtschaftsleistung der EU-Staaten bei. Er ist drittgrößter Wirtschaftszweig in der EU nach Handel/Vertrieb und Baugewerbe.
Die rund 1,8 Millionen Unternehmen des Sektors beschäftigen gut fünf Prozent der Arbeitnehmer in der EU.
Wirtschaftskrise und Flugverbote
Im Jahr 2008 betrug Europas Marktanteil bei den internationalen Anreisen noch mehr als 40 Prozent. Damit galt Europa weltweit noch als Top-Destination für Touristen.
2009 ließen allerdings Wirtschaftskrise und Flugverbote die Zahlen einbrechen. Da war die Zahl der Besucher Europas nach Daten der Welttourismus-Organisation WTO um 5,6 Prozent auf 460 Millionen gesunken. Nach anderen Zahlen sind es 370 Millionen Menschen, die alljährlich Europa besuchen.
Zielgruppe Russland, China, Japan, Indien, Brasilien
Die europäische Tourismusstrategie soll vor allem das Potenzial von Gästen aus Russland, China, Japan, Indien und Brasilien ausschöpfen. Die Zahlen der Besucher aus diesen Ländern steigen sprunghaft an und lassen sich weiter ausbauen.
Die Mitteilung der Europäischen Kommission "Europa – wichtigstes Reiseziel der Welt: ein neuer politischer Rahmen für den europäischen Tourismus" sieht vor, dass nicht die Regionen oder Nationen für sich werben, sondern dass Europa als Ganzes vermarktet wird.
Britische Zurückhaltung
Großbritannien sieht diese europäischen Pläne kritisch. Das Londoner Ministerium für Kultur, Medien und Sport, das auch für Tourismus zuständig ist, begrüßt zwar die Initiative, verlangt aber gründliche Analysen dieser Vorschläge, bevor in Zeiten schwieriger Finanzlage öffentliche Mittel eingesetzt werden.
Deutsche Mahnung zu mehr Abstimmung
In Deutschland erklärt die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Tourismus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Marlene Mortler, die EU-Kommission signalisiere damit, dass sie ihre neue Zuständigkeit zur Unterstützung und Koordinierung tourismuspolitischer Maßnahmen der Mitgliedsstaaten engagiert nutzen wolle.
Mortler betonte aber auch: „Die Kommission sollte sich darauf konzentrieren, sich besser zu Tourismusthemen und tourismusrelevanten Punkten abzustimmen. Dies gilt auch über die eigentliche Tourismuspolitik hinaus für die Bereiche Verkehr und Verbraucherschutz.“
Griechisches Interesse an gemeinsamen Initiativen
Griechenland will diese Strategie als Pionier von Anfang an unterstützen“, sagte der stellvertretende Tourismusminister Georgios Nikitiadis am Freitag bei seinem Berlin-Besuch zu EURACTIV.de. Sein Land als eines der wichtigsten Fremdenverkehrsländer Europas begrüße diese Initiative, "genauso wie sich Griechenland gemeinsame Strategien wünscht, um den Euro zu schützen".
Allerdings stehe Europa mit einer gemeinsamen Politik auf diesem Gebiet erst ganz am Anfang, schränkte Nikitiadis ein. Er verwies auf das Beispiel des bereits existierenden Programms Calypso hin, das aber unbekannt sei.
Calypso als schwaches Beispiel
Calypso sollte ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des sozialen Tourismus sein und wurde 2009 vom Europäischen Parlament mit einem Budget von einer Million Euro gebilligt. Die Idee dahinter: Junge Leute, Über-65-Jährige sowie Behinderte oder Einkommensschwache sollen eine finanzielle Unterstützung erhalten, wenn sie außerhalb der Hochsaison in Urlaub fahren. Dies soll nicht nur den betroffenen Menschen, sondern auch den Regionen helfen.
Allerdings ist das Programm weitestgehend unbekannt. Ähnliches scheint Nikitiadis auch diesmal zu befürchten.
Nikitiadis: "Wir verkaufen keine Inseln"
Die durch die Medienlandschaft wabernde Idee, Griechenland könne zur Begleichung seiner Schulden einige seiner Tausenden Inseln verkaufen, sagte Nikitiadis: „Das kann nur ein Witz sein. Wir werden nichts verkaufen – keinen Quadratmeter des griechischen Landes, keinen Tropfen des griechischen Meeres und kein Quäntchen der griechischen Luft.“
Preisreduktionen, Entschädigungen, Investitionsförderungen
Die Maßnahmen, mit denen Griechenland den Rückgang im Tourismus auffangen möchte, sind starke Preisreduktionen (Nikitiadis nannte 20 bis 25 Prozent) sowie staatliche Förderungen für touristische Investitionen. Steige etwa ein Hotelier auf erneuerbare Energien um, gewähre der Staat einen Zuschuss von dreißig Prozent.
Gefördert werden soll auch die Ausweitung des Tourismus aufs ganze Jahr, in alle Regionen und darüber hinaus auf neue Zielgruppen (Bergwanderer).
Zur Ankurbelung der Gästezahlen vor allem aus Deutschland wird das griechische Parlament in den nächsten Tagen ein neues Gesetz beschließen, das Urlaubern finanzielle Entschädigungen in Aussicht stellt, sofern sie wegen Streiks oder Luftraumsperren nicht wie geplant abreisen können.
Die Tourismusbranche macht fast zwanzig Prozent des griechischen Bruttosozialprodukts aus.
Ewald König