Terrorexperten: "Doppelte Niederlage für Al-Kaida"
Joachim Krause, Herausgeber des "Jahrbuchs Terrorismus", erwartet trotz der Schwächung Al-Kaidas eine Fortsetzung des Terrors. Für den Europaparlamentarier Christian Ehler war Osama bin Laden nur noch eine Symbolfigur. Deshalb dürfe man sich nicht in Sicherheit wiegen.
Joachim Krause, Herausgeber des „Jahrbuchs Terrorismus“, erwartet trotz der Schwächung Al-Kaidas eine Fortsetzung des Terrors. Für den Europaparlamentarier Christian Ehler war Osama bin Laden nur noch eine Symbolfigur. Deshalb dürfe man sich nicht in Sicherheit wiegen.
Joachim Krause von der Universität Kiel, Herausgeber des "Jahrbuchs Terrorismus", sieht das Netzwerk von Osama bin Laden in einer "doppelten Niederlage". Denn der Tod des Anführers schwäche das Netzwerk zweifellos, gleichzeitig sei aber auch die Entwicklung in Nordafrika und in den arabischen Ländern eine Niederlage.
Im Gespräch mit EURACTIV.de sagte der Kieler Professor, der sich mit internationaler Politik und Sicherheitsfragen sowie Terrorismusstudien befasst, neben dem Verlust des Anführers seien für die Al-Kaida auch die Revolutionen in den arabischen Ländern eine Niederlage. "Da gehen die Leute auf die Straße, aber nicht wegen Al-Kaida oder wegen des Islam, sondern weil sie anständige Jobs, anständige Schulausbildung, anständige Wohnungen und demokratische Verhältnisse haben wollen."
Im Tod Bin Ladens sieht der Wissenschaftler eine große Schwächung. "Aber der Al-Kaida-Terror wird weitergehen, er wird sich umorganisieren." Es könne sein, dass sie zersplittern und dass Führungskämpfe ausbrechen, wer nun das Sagen habe, meinte der Herausgeber. Eine neue Terrorgefahr sei sehr gut möglich. "Al-Kaida wird Rache schwören. Das wird in verschiedenen Attentaten seinen Niederschlag finden."
Die Gefahr richte sich auch gegen Europa, aber in erster Linie gegen die USA und Präsident Barack Obama. "Man weiß ja nicht, was bereits geplant und angedacht war und vielleicht nun vorher durchgezogen wird." Möglicherweise seien die US-Aktionen noch gar nicht zu Ende.
Es gehe nun auch um den Stellvertreter von Osama bin Laden und die weitere Führungscrew. Es könne sein, dass es in den nächsten Tagen noch mehr solche Vorfälle gebe. Man werde deshalb wissen wollen, wo Osama bin Ladens Stellvertreter sitzen. Man habe ja die Crew bisher "irgendwo in den Bergen" vermutet.
Möglicherweise schon der Anfang vom Ende
"Sie werden weitermachen mit Terror, aber es ist möglicherweise schon der Anfang vom Ende Al-Kaidas", meint Krause. Ob man immer noch Angst haben müsse? "Ja, es gibt ja mehrere Verrückte. Wir reden von Zehntausenden in der islamischen Welt. Das ist anders als mit der Roten Armee Fraktion in Deutschland vor dreißig Jahren." Das seien nur ein paar Hundert, zusammen mit den Sympathisanten vielleicht 3.000 oder 4.000 gewesen. Aber im Falle Al-Kaidas gebe es zehntausende Aktive und eine weit größere Zahl von Sympathisanten.
EU-Parlamentarier Christian Ehler: Bin Laden war nur noch Symbolfigur
Osama bin Laden sei nur noch eine Symbolfigur gewesen, findet der Europaparlamentarier Christian Ehler von der Europäischen Volkspartei (EVP), im Gespräch mit EURACTIV.de.
Ehler befasst sich sowohl im Europaparlament als auch in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender der German European Security Association (GESA) mit Sicherheitsfragen. Prinzipiell begrüßt der Christdemokrat die Maßnahme der Amerikaner. Aber er warnt davor, sich nun in Sicherheit zu wiegen.
Allein die Festnahme der drei mutmaßlichen islamistischen Attentäter von vergangener Woche in Nordrhein-Westfalen zeige, wie dezentral das Terrornetzwerk arbeite. Vergangenen Samstag hatte der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, betont, man vermute hinter den Festgenommenen ein Netzwerk von mindestens sieben bis acht Personen. Der stellvertretende Generalbundesanwalt Rainer Griesbaum ergänzte, die Verdächtigen sei noch in der Experimentierphase gewesen, doch müsse Deutschland weiter mit Anschlägen islamistischer Terroristen rechnen. Bei den Festgenommenen handelt es sich um einen 29-jährigen Marokkaner, einen 31-jährigen Deutsch-Marokkaner sowie einen 19-jährigen Deutsch-Iraner.
Das weise auf die Dezentralisierung des Netzwerks hin, so Ehler."Osama bin Laden selbst war seit längerem nicht viel mehr als eine Symbolfigur." Er habe wahrscheinlich kaum noch Einfluss gehabt. Deshalb dürfe man nicht annehmen, dass sein Tod nun größere Sicherheit bedeute.
Öffentliche Transportinfrastruktur besonders gefährdet
Ehler ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU im Europäischen Parlament, Mitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie sowie im Unterausschuss für Sicherheit und Verteidigung sowie Stellvertreter im Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten.
Die drei in NRW festgenommenen Männer wollten offenbar einen Sprengsatz an einer Bushaltestelle oder in einem Bus zünden. Ehler hatte schon frühzeitig in einem Interview mit EURACTIV.de gesagt: Bei Anschlägen auf eine Infrastruktur gehe es den Terroristen weniger um volkswirtschaftlichen Schaden als vielmehr um hochsymbolische Ziele. Deshalb sei gerade die öffentliche Transportinfrastruktur besonders gefährdet. "Denn das hat Symbolwert. Da trifft man eine hohe Anzahl von Opfern. Die intensive mediale Berichterstattung darüber ist aus Sicht der Terroristen gewinnbringender, als eine komplexe Infrastruktur anzugreifen." Ein Stromausfall würde zwar Millionen Menschen betreffen, bringt aber – so das zynische Kalkül – ein geringeres mediales Echo als die vielen menschlichen Opfer eines ausgebrannten Vorortzugs, so Ehler.
Thomas Rid: Risse im Dschihad
Auch Thomas Rid von der Universität Konstanz sieht im Tod Bin Ladens einen herben Rückschlag für Al-Kaida und die breitere Dschihad-Bewegung – psychologisch wie organisatorisch.
Er stellt die Frage, ob dies nun den Sieg im Kampf gegen den Terrorismus bedeute, womöglich das Ende der Dschihad-Bewegung, und antwortet gleich selbst: "Nein. Der Heilige Krieg wird wohl noch unübersichtlicher. Das könnte seine Eindämmung erschweren."
Das Timing der amerikanischen verdeckten Operation im pakistanischen Abbottabad sei dabei ein zusätzliches Problem für die Gotteskrieger: Erst die arabischen Frühjahrsrevolten, bei denen Al-Kaida durch Abwesenheit glänzte, und jetzt das Ende ihrer Gallionsfigur. Zudem mussten die extremsten Taliban im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet in den vergangenen Monaten weitere Rückschläge einstecken.
Akute Identitätskrise in muslimischer Diaspora
"Doch ist Vorsicht geboten. Jetzt könnte die Gefahr wachsen, dass Terroristen, mit dem Rücken zur Wand, verzweifelten Tatendrang entwickeln. Auch könnten sie das revolutionäre Chaos in einigen Ländern ausnutzen, etwa im Jemen. Pakistan bleibt in höchstem Maße instabil. Die Identitätskrise in muslimischen Diaspora-Gemeinden bleibt akut, gerade in den USA. Der globale Dschihad wird sich weiterhin in drei Strömungen aufspalten."
Rid schreibt in der Online-Ausgabe der "Internationalen Politik" (IP), herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), dass lokal agierende Aufständische, radikalisierte Muslime in der Diaspora, Terroristen, die mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeiten, die Lage wohl noch unübersichtlicher machen.
Ewald König
Links
Berichte auf EURACTIV.de:
"Sein Tod macht die Welt sicherer" (2. Mai 2011)
US-Sondereinheit tötet Osama bin Laden (2. Mai 2011)