Türkische Sorgen um Griechenland und EU

Die Griechenland-Krise und der Umgang der EU mit ihrem notleidenden Mitglied bereiten der beitrittswilligen Türkei Sorgen. Die türkische Wirtschaft befürchtet Schaden für das Ansehen der EU und ein vorübergehendes Erstarken der EU-Skeptiker in der Türkei. Die Solidarität der EU wird dennoch begrüßt.

Bahadir Kaleagasi sitzt als Vertreter des türkischen Industrie- und Handelsverbands TUSIAD in Brüssel, wo er die jüngsten Vorgänge für die Wirtschaft seines Landes analysiert (Foto: tusiad)
Bahadir Kaleagasi sitzt als Vertreter des türkischen Industrie- und Handelsverbands TUSIAD in Brüssel, wo er die jüngsten Vorgänge für die Wirtschaft seines Landes analysiert (Foto: tusiad)

Die Griechenland-Krise und der Umgang der EU mit ihrem notleidenden Mitglied bereiten der beitrittswilligen Türkei Sorgen. Die türkische Wirtschaft befürchtet Schaden für das Ansehen der EU und ein vorübergehendes Erstarken der EU-Skeptiker in der Türkei. Die Solidarität der EU wird dennoch begrüßt.

Die Türkei beobachtet den Fall Griechenland sehr intensiv und registriert genau, wie die Europäische Union mit ihrem sündigen Mitgliedsland umgeht. EURACTIV.de befragte Bahadir Kaleagasi, den Koordinator für Internationale Beziehungen des Türkischen Industrie- und Handelsverbandes TUSIAD (Turkish Industry & Business Association) in Brüssel, über Konsequenzen aus der Griechenland-Krise für die türkischen Unternehmer.

„Die türkische Wirtschaft hat zwar die globale Wirtschaftskrise des vergangenen Jahres durchlebt, hat aber ein negatives Wachstum verzeichnen müssen“, sagte Kaleagasi am Montag, einen Tag, nachdem die EU-Finanzminister in Brüssel das Rettungspaket im Volumen von 110 Milliarden Euro geschnürt haben.

Der Hauptgrund für das Negativwachstum sei der Rückgang an Exporten in die Europäische Union. Aber auch die Kreditpolitik der Banken sowie die zögerliche Reaktion der türkischen Regierung in den früheren Stadien der Krise seien daran schuld.

Radikale Strukturreformen

Anders als Griechenland sei die Türkei jedoch nicht in Instabilität ihres Bankensektors, in volkswirtschaftliche Ungleichgewichte und in Defizite des öffentlichen Haushalts gestolpert. „Das ist den radikalen Strukturreformen des Jahres 2001 zu verdanken, die das türkische Finanzsystem transparenter und effizienter gemacht haben und die es zudem ermöglicht haben, dass externe Erschütterungen abgefedert werden konnten“, betonte Kaleagasi.

Nun erwarte die türkische Wirtschaft für 2010 ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent. Für 2011 und danach seien sogar noch höhere Wachstumsraten prognostiziert. „Da kommen die Turbulenzen in Griechenland sehr ungelegen. Denn die Handelsbeziehungen zwischen Griechenland und der Türkei konnten im vergangenen Jahrzehnt auf allen Gebieten vertieft werden. Das beginnt beim bilateralen Handelsaustausch und geht über Investitionen in den Tourismussektor bis hin zu gemeinschaftlichen Energieprojekten.“

Aus diesem Blickwinkel könne die Türkei nur froh sein, dass die Solidarität der Europäer Griechenland unterstütze und für seine rasche Erholung sorge.  

Griechisch-türkische Beziehungen intensiviert

In der Zwischenzeit, so der TUSIAD-Vertreter, habe Athen einige Maßnahmen ergriffen, um die wirtschaftlichen Beziehungen mit der Türkei zu verstärken. Dazu gehöre unter anderem die Abschaffung der Visumspflicht für türkische Touristen, die die Ägäischen Inseln besuchen wollen.

„Ganz allgemein betrachtet, erzeugt es in der Türkei schon eine gewisse Betroffenheit, wie die EU die griechische Krise behandelt hat und wie sie mit der Gefahr des möglichen Überschwappens auf andere EU-Mitgliedsländer umgegangen ist“, resümierte Kaleagasi.

Problem für die Glaubwürdigkeit der EU

„Für ein Land wie die Türkei, das sich im Beitrittsverfahren befindet, hat jedes ernste Problem auf Seiten der EU – sei es mit den institutionellen Reformen, sei es mit der Kohärenz der Außenpolitik, sei es mit dem Funktionieren der Euro-Zone – negative Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit und auf die Attraktivität der EU.“

Daher erfreuten sich die euroskeptischen Teile der öffentlichen Meinung in der Türkei eines relativen Aufschwungs. „Wir von der türkischen Wirtschaft erwarten jedoch, dass es sich nur um eine vorübergehende Erscheinung handelt.“

Ewald König

Link: Griechische Tragödie erfreut nicht die Türkei (auf englisch)