Ukraine: Lehren aus Tschernobyl und Fukushima
Mit drei zentralen Veranstaltungen wird die Ukraine der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor 25 Jahren gedenken. Den Auftakt bildet der Kiewer Gipfel zur Atomenergienutzung am 19. April. "Die Welt hat sehr viel aus der Tschernobyl-Katastrophe gelernt und wird noch mehr aus der Atomkatastrophe in Japan lernen", sagt der Vize-Wirtschaftsminister Valery Pyatnitsky im Interview mit EURACTIV.de. Die Ukraine werde aber weiterhin auf Atomenergie setzen.
Mit drei zentralen Veranstaltungen wird die Ukraine der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl vor 25 Jahren gedenken. Den Auftakt bildet der Kiewer Gipfel zur Atomenergienutzung am 19. April. „Die Welt hat sehr viel aus der Tschernobyl-Katastrophe gelernt und wird noch mehr aus der Atomkatastrophe in Japan lernen“, sagt der Vize-Wirtschaftsminister Valery Pyatnitsky im Interview mit EURACTIV.de. Die Ukraine werde aber weiterhin auf Atomenergie setzen.
Zur Person
Valery Pyatnitsky ist Vize-Wirtschaftsminister der Ukraine und Delegationsleiter bei den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen zwischen der Ukraine und der EU. Mit EURACTIV.de sprach er in Berlin über seine Erinnerungen an die Tschernobyl-Katastrophe und die Lehren aus Tschernobyl und Fukushima.
EURACTIV.de hat den zweiten Teil des Interviews zu den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen EU-Ukraine hier veröffentlicht.
EURACTIV.de: Die Atomkatastrophe in Fukushima hat die Welt erschüttert. Die Menschen fühlen sich an die Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren erinnert. Wie haben Sie damals Tschernobyl erlebt? Und was empfinden Sie jetzt, wenn Sie die Videos und Fotos aus Japan sehen?
PYATNITSKY: Vor 25 Jahren gab es keine Fotos aus Tschernobyl. Es wurde alles vertuscht. Laut den Fotos und Fernsehbildern war alles in Ordnung. Ich kenne die wahre Geschichte, weil mein Vater direkt nach der Explosion vor Ort am Atomkraftwerk in Tschernobyl war.
Zum Geburtstag nach Tschernobyl
EURACTIV.de: Was genau hat Ihr Vater in Tschernobyl gemacht?
PYATNITSKY: Am Tag der Katastrophe, am 26. April 1986, haben wir den 50. Geburtstag meines Vaters gefeiert. Plötzlich hat er einen Anruf aus Tschernobyl bekommen, und er ist dort hingefahren, um Maßnahmen zur Abdeckung zu treffen. Deshalb kannte ich die Wahrheit von Anfang an.
Wir leiden noch heute unter der radioaktiven Verstrahlung. Noch viele Generationen werden von Tschernobyl betroffen sein, denn es werden noch 575 Jahre vergehen bis das Gebiet wieder strahlungsfrei ist.
Japan ist ein anderer Fall, denn wir sehen, was passiert. Es ist eine Katastrophe. Ich hoffe, dass die Folgen nicht so schlimm sein werden wie in der Ukraine.
EURACTIV.de: Wie reagieren die Menschen in der Ukraine auf die Bilder der Katastrophe in Fukushima?
PYATNITSKY: Viele Ukrainer wollen Kinder aus Japan in die Ukraine einladen, damit sie den Sommer bei ihnen verbringen können. Wir waren sehr froh über die Unterstützung, die wir nach der Tschernobyl-Katastrophe von vielen Ländern erhalten haben. Viele ukrainische Kinder konnten so den Sommer in anderen Ländern verbringen.
Auf dem Gebiet der sogenannten Sperrzone um Tschernobyl wurde kurz nach der Katastrophe von 15 Ländern, darunter Japan, ein wissenschaftliches Forschungszentrum errichtet. Viele japanische, deutsche, dänische, niederländische und amerikanische Wissenschaftler haben dort die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe für Mensch und Umwelt erforscht. Es mag paradox klingen, aber jetzt können sie ihre Forschungsergebnisse und Erkenntnisse nutzen.
Derzeit bereiten wir den Kiew-Gipfel zur innovativen und sicheren Nutzung von Atomenergie vor, der am 19. April stattfinden wird. Wir sind der Meinung, dass dies die richtige Plattform sein wird, um über die Zukunft der Atomenergie zu diskutieren. Wir haben den Gipfel im Rahmen des 25. Jahrestags der Tschernobyl-Katastrophe vorbereitet, und jetzt ist das Thema sehr aktuell. Wir hoffen, dass viele Staats-und Regierungschefs zu unserem Gipfel kommen, um die Fehler der Vergangenheit zu analysieren und die Lehren daraus zu ziehen. Der Schwerpunkt wird auf der künftigen Entwicklung der Atomenergie liegen.
Ukraine gegen Atomausstieg
EURACTIV.de: Die einzige Lehre, die sich ziehen lässt, ist doch der Atomausstieg, oder?
PYATNITSKY: Nein. In den 25 Jahren seit Tschernobyl haben wir gelernt, nicht ängstlich, sondern klug und vorsichtig zu sein. Die Leute fliegen ja auch weiter, obwohl schon viele Flugzeuge abgestürzt sind.
Die Welt hat sehr viel aus der Tschernobyl-Katastrophe gelernt und wird noch mehr aus der Atomkatastrophe in Japan lernen. Vielleicht wird es in Zukunft keine Atomkraftwerke mehr in erdbebengefährdeten Gebieten geben. Die Entwicklung der Atomenergie aber ganz aufzugeben, wäre unklug. Atomenergie ist immer noch die sauberste und billigste Form der Energie-Erzeugung. Schweden etwa entwickelt seine Atomtechnik weiter und hat folglich weniger CO2-Ausstoß als Dänemark, das auf erneuerbare Energie setzt.
EURACTIV.de: Ein Atomausstieg ist also keine Option für die Ukraine?
PYATNITSKY: Nein, keine Option. Es geht nicht darum, die Atomenergie aufzugeben, sondern darum, wie die Nutzung der Atomenergie wirklich sicher werden kann. Erst müssen wir die Energieeffizienz verbessern, dann erst können wir die Nutzung der Atomenergie reduzieren.
EURACTIV.de: Sind die ukrainischen Atomkraftwerke erdbebensicher?
PYATNITSKY: Ja, im Hinblick auf die wahrscheinliche Stärke von Erdbeben in der Ukraine sind sie sicher. In der Ukraine gab es das letzte große Erdbeben 1927 auf der Krimhalbinsel. Nach Tschernobyl haben wir dann das Projekt gestoppt, auf der Krim ein Atomkraftwerk zu bauen. Es gibt keine Pläne, Atomkraftwerke in erdbebengefährdeten Gebiete zu errichten. Wir bauen AKWs nur an Standorten, wo es noch nie Erdbeben gegeben hat. Unsere Atomkraftwerke werden auf geologisch stabilem Untergrund gebaut.
Veranstaltungen zum 25. Tschernobyl-Jahrestag
EURACTIV.de: Wie wird die Ukraine den 25. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe begehen?
PYATNITSKY: Es wird drei große Veranstaltungen geben. Am 19. April werden der Kiew-Gipfel zur innovativen und sicheren Nutzung von Atomenergie sowie eine Geberkonferenz stattfinden. Am 20. April wird in Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen eine internationale Konferenz mit dem Titel "Tschernobyl, 25 Jahre Sicherheit für die Zukunft" abgehalten und am 26. April, dem Jahrestag der Katastrophe, wird es zahlreiche Gedenkfeiern zu Ehren derer geben, die ihr Leben geopfert haben, um uns vor den schlimmsten Folgen der Katastrophe zu bewahren. Die sogenannten Liquidatoren von Tschernobyl werden auch ihre Treffen abhalten.
Interview: Ewald König, Michael Kaczmarek
Übersetzung: Sabrina Schadwinkel
EURACTIV.de hat den zweiten Teil des Interviews zu den laufenden Verhandlungen zum Freihandelsabkommen EU-Ukraine hier veröffentlicht.
Links
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