Verkehrssicherheit und der Risikofaktor Mensch

Sicherheitstests am Computer, Alkohol Interlocks (Alkolocks), Drogentests – die Technik im Bereich der Verkehrssicherheit wird immer umfangreicher. Eines ersetzt jedoch nicht: das menschliche Gehirn und die damit verbundenen Gefühle. Wie kann man sie beeinflussen, damit weniger Menschen ihr Leben auf den Straßen verlieren? Wie groß ist der Risikofaktor Mensch?

Euractiv.de
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Sicherheitstests am Computer, Alkohol Interlocks (Alkolocks), Drogentests – die Technik im Bereich der Verkehrssicherheit wird immer umfangreicher. Eines ersetzt jedoch nicht: das menschliche Gehirn und die damit verbundenen Gefühle. Wie kann man sie beeinflussen, damit weniger Menschen ihr Leben auf den Straßen verlieren? Wie groß ist der Risikofaktor Mensch?

Jedes Jahr verschwindet in Europa ein Städtchen mit ungefähr 30.000 Einwohnern. So viele Menschen verunglücken jährlich im Straßenverkehr tödlich. Die EU-Kommission will die Zahl der Verkehrstoten reduzieren. Der Plan ist ehrgeizig:40 Prozent weniger Opfer bis 2020. Im Jahre 2050 soll es fast keine Toten mehr im Straßenverkehr geben.

Die EU-Kommission hat diese Initiative „Vision Zero“ genannt. Vision Zero wurde 1805 von einem amerikanischen Chemieunternehmen als Firmenphilosophie unter dem Motto „Jeder Unfall ist vermeidbar“ ins Leben gerufen. In Europa wurde es 1997 in Schweden lanciert. Grundgedanke dieser Vision ist, dass Menschen Fehler machen. Eine große Rolle spielen dabei – so die Verkehrspsychologen – die Emotionen.
 
„Wenn die Menschen Wut haben, wenn sie Stress haben, wenn sie sich mit einem gewissen Ärgerlevel hinters Steuer setzen, fahren sie anders,“ sagte Thomas Wagner im Gespräch mit EURACTIV.de. Der Verkehrspsychologe und Leiter der Begutachtungsstelle für Fahreignung (BfF), Dekra e.V. in Dresden, hat beobachtet, wie verschiedene Werbekampagnen das Verhalten der Fahrer beeinflussen können.
 
Abschreckende Photos von Opfer und Unfällen? Seiner Meinung nach sei die Angst kein gutes Mittel, um für die Verkehrssicherheit zu werben. In Österreich beispielsweise hat man bessere Resultate mit einer positiven Kampagne gemacht, in der ein junges hübsches Mädchen auf dem Billboard zur Vernunft beim Fahren aufgemuntert hat.
 
Im Straßenverkehr quer und durch Europa zählen aber auch die einzelnen Volksmentalitäten und Kulturen. „Die Experten können Ratschläge geben, aber es sind die Politiker, die entscheiden müssen, ob sie einheitliche EU-Standards wollen“, unterstreicht Sabine Klipp, Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), während des Internationalen Fit-to-drive Kongresses, der von 8. bis 9. Mai in Warschau stattgefunden hat.
 
„Der Verkehr in Europa steht an einem Scheideweg. Alte Herausforderungen gelten weiter, neue sind hinzugekommen“, hieß es bereits 2011 im Fahrplan zu einem einheitlichen europäischen Verkehrsraum (Weißbuch). Man brauche eine holistische Übersicht der Verkehrssicherheit und eine neue Aktionsphilosophie, meinte Ilona Buttler aus dem polnischen Institut für Autotransport (ITS).
 
Ihrer Ansicht nach sind die letzten 12 Jahre nach der EU-Erweiterung ein Erfolg. Waren Anfang der 90er Jahre in Polen noch fast 8.000 Menschen jährlich im Straßenverkehr umgekommen, so waren es im Jahre 2013 „nur“ über 3.000.  Ist dies der Verkehrspsychologie zu verdanken? „Ja, aber auch dem gegenwärtigen Auto-Design und modernem Equipment“, sagte Buttler.
 
Über 100 menschliche Faktoren beeinflussen die Verkehrssicherheit, sagen die Experten. Darunter spielen auch die technischen Entwicklungen eine Rolle, die dazu beitragen, dass ein Auto immer mehr automatisiert wird. Es wird mit immer zahlreicheren elektronischen Gadgets ausgestattet, die oft eine destruktive Rolle spielen können. „Unser psychologischer Ratschlag für die Europäische Union ist, diese Zahl zu begrenzen“, betonte Buttler.
 
Eine Begrenzung des „Risikofaktors Mensch“ würde auch sichtbare wirtschaftliche Folgen haben. Das Risiko im Auto tödlich zu verunglücken ist – bezogen auf die Verkehrsleistung – 42-mal so hoch wie im Zug. Das Verletzungsrisiko ist 95-mal höher. Als Konsequenz solcher Unfälle stehen auch entsprechend hohe Kosten (Hospitalisierung usw.). Wie Matteo Donde, ein italienischer Architekt während des Fit-to-drive Kongresses dargestellt hat, musste Italien allein im Jahre 2012 2 Prozent seines BIP (30 Milliarden Euro) dafür ausgeben.  
 
Deswegen, so die Verkehrspsychologen, sollte man immer im Hinterkopf haben: Im Straßenverkehr entscheide ich, nicht mein Motor. Das Gehirn ist nämlich oft das Problem.