Verpackungsmüll: Das Kreuz mit dem Recycling
Die EU arbeitet an ambitionierten Recycling-Zielen. Gleichzeitig hinken einige Mitgliedstaaten schon jetzt hinterher.
Die Mitglieder der Europäischen Union müssen nach neuen Regelungen, die Anfang dieses Jahres ausgehandelt wurden, ab 2030 mindestens 70 Prozent der anfallenden Verpackungsmaterialien recyceln. Doch die Recycling-Mechanismen sind komplex – und scheinbar sind noch nicht alle EU-Länder ausreichend gerüstet, um mit dem geplanten Tempo Schritt zu halten.
Die EU-Gesetzgeber fordern, die unterschiedlichen Recyclingsysteme des Kontinents müssten effektiver und damit profitabler werden. Außerdem bestehen weiterhin die ehrgeizigen Pläne zur Schaffung eines „Binnenmarktes für Recycling“.
Das Recycling in Europa, und insbesondere seine Mängel, sind nach wie vor ein großes Debattenthema – vor allem in Folge des Importverbots Chinas für eine Reihe von Abfallstoffen sowie in Reaktion auf den sogenannten Blue-Planet-Effekt.
Die europäischen Vorschriften wurden entsprechend angepasst, und im Februar 2018 unterzeichneten die EU-Staaten neue Ziele, nach denen bis 2025 65 Prozent der Verpackungen (und bis 2030 70 Prozent) recycelt werden müssen.
Darüber hinaus gibt es spezifische Ziele für verschiedene Materialarten: So wurden beispielsweise Recycling-Raten von 30 bzw. 55 Prozent für Holz und Kunststoff sowie 75 und 85 Prozent für Glas und Papier bis 2030 festgelegt.
Probleme bei der Umsetzung
Doch ohne einen echten Tempowechsel könnten sich diese Ziele für die europäischen Recycler als unerreichbar erweisen. Laut Eurostat-Daten hat die EU im Jahr 2016 insgesamt 67 Prozent ihrer Verpackungen recycelt. Dabei gibt es jedoch massive Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten.
So recycelt beispielsweise Ungarn nur 49,7 Prozent seiner Verpackungsmaterialien, während auch Kroatien, Estland und Lettland die 50-Prozent-Marke nur knapp überschreiten. Das bedeutet, dass die Musterschüler Belgien und Dänemark, die etwa bei 80 Prozent liegen, faktisch einen Großteil der Arbeit leisten.
Ähnlich verhält es sich bei materialspezifischen Zielen, wo viele Mitgliedsstaaten weit davon entfernt sind, das Ziel für 2025 – geschweige denn die 2030er-Version – zu erreichen.
Aber: Erfolgsgeschichten bei Glas- und in geringerem Maße bei Metallverpackungen bedeuten, dass die Aussichten für die Recyclingambitionen der EU nicht komplett düster sind. Dennoch sind sich Experten einig, dass die Länder damit beginnen müssen, ihre materiellen und politisch-rechtlichen Ressourcen besser zu nutzen.
Verstärkte Nutzung von Pfandsystemen
Die aktuellen EU-Vorschriften legen den Mitgliedstaaten zwar Ziele auf, bieten gleichzeitig aber auch die Mechanismen, mit denen die Reichweite und Effektivität des Recyclings erhöht werden soll.
In Deutschland schon länger gängig, erfreuen sich beispielsweise Pfandrückgabesysteme mit speziellen „Rücknahmeautomaten“ in Europa wachsender Beliebtheit, insbesondere bei Flaschen und Dosen.
Acht EU-Länder verfügen inzwischen über derartige Pfandprogramme; und Experten gehen davon aus, dass drei weitere, darunter Großbritannien und Portugal, bald entsprechende Gesetze unterzeichnen werden.
In der Praxis erweisen sich solche Pfandsysteme zwar als wirksam zur Erhöhung der Recyclingquoten, tragen aber wenig dazu bei, die tatsächliche Recyclingfähigkeit von Verpackungsartikeln zu verbessern. Tatsächlich machen nicht-wiederverwertete Plastikflaschen auch in Pfandsystemen nach wie vor einen gewichtigen Anteil gegenüber Glasbehältnissen aus.
Umdenken der Verbraucher notwendig
Nachhaltigkeitsexperten sind fest davon überzeugt, dass der Vorstoß der EU in Sachen Recycling nicht nur bedeuten sollte, dass mehr gesammelt und wiederverwendet wird, sondern dass auch die Konsumenten ermutigt werden, von vornherein weniger zu verbrauchen.
Sogenannte erweiterte Systeme der Herstellerverantwortung (extended producer responsibility schemes, EPRS) könnten darüber hinaus zur Qualitätssicherung der auf den Markt gebrachten Produkte beitragen: Unter ihnen werden die Verpackungshersteller verpflichtet, für die Sammlung, das Recycling und sogar die Reinigung der Produkte zu zahlen.
Dies würde bedeuten, dass für die Hersteller vor allem ein Eigeninteresse daran enstehen könnte, ihre Produkte so einfach wie möglich zu recyceln. Dies habe bereits zu Fortschritten im Bereich des „Ökodesigns“ geführt.
Derzeit gibt es in 25 EU-Ländern EPRs für verschiedene Artikel, von Textilien bis hin zu Kunststoffen. Nur Dänemark, Kroatien und Ungarn haben keinerlei EPR eingeführt – wobei die ersten beiden Länder allerdings immerhin funktionierende Pfandsysteme haben.
Die Recyclingfirmen haben derweil die EU-Mitgliedstaaten aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Materialien besser voneinander getrennt gesammelt werden. Damit würden Kontaminationen vermieden, die Qualität erhöht und Verluste während des gesamten Recyclingprozesses reduziert.
Christian-Yves Crépet vom Kunststoffverband PETCORE Europe erklärte gegenüber EURACTIV, mechanische Recyclinganlagen in Europa hätten derzeit mit jährlichen Überkapazitäten von 250.000 Tonnen zu kämpfen.
Am 6. November forderten die Europäische Organisation für Verpackung und Umwelt (EUROPEN) sowie 72 weitere Organisationen die EU allerdings auch auf, dafür zu sorgen, dass neue Recycling-Regeln die Grundsätze des Binnenmarkts wahren.
EUROPEN und seine Verbündeten warnten davor, neue Regelungen könnten die Richtlinie über Verpackungen und Verpackungsabfälle untergraben und zu einer „Marktfragmentierung“ im Bereich Recycling führen, wenn sie nicht „sorgfältig formuliert“ werden.
Da Parlament, Kommission und Rat aktuell in Trilog-Gesprächen über die zukünftige Recycling-Strategie stecken, rufen die Unterzeichner vor allem das Parlament auf, auf seinen bisherigen Standpunkt zu beharren, dass die Verpackungs-Richtlinie weiterhin Vorrang haben sollte.
EU-Quellen erklärten derweil, die aktuelle österreichische Ratspräsidentschaft habe sich fest vorgenommen, zumindest das Thema Einwegplastik bis Ende des Jahres abzuschließen und einen Deal in der letzten Dezemberwoche zu erzielen.