Visionär der Energiewende - Trauer um Hermann Scheer

Für die Energiewende kämpfte Hermann Scheer (SPD) wie "ein David gegen die Goliaths dieser Welt". Der Tod des Ökostrom-Visionärs löst Bestürzung aus. EURACTIV.de zeigt die Reaktionen.

Der SPD-Umweltexperte Hermann Scheer galt als streitbarer Politiker, der Menschen begeistern konnte. Ohne Scheers Einsatz wäre Deutschlands Energiemix heute ein anderer. Foto: dpa.
Der SPD-Umweltexperte Hermann Scheer galt als streitbarer Politiker, der Menschen begeistern konnte. Ohne Scheers Einsatz wäre Deutschlands Energiemix heute ein anderer. Foto: dpa.

Für die Energiewende kämpfte Hermann Scheer (SPD) wie „ein David gegen die Goliaths dieser Welt“. Der Tod des Ökostrom-Visionärs löst Bestürzung aus. EURACTIV.de zeigt die Reaktionen.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Umweltexperte Hermann Scheer ist tot. Scheer starb am Donnerstag in Berlin unerwartet im Alter von 66 Jahren. Medienberichten zufolge erlag er einem Herzversagen.

Scheer trat in den vergangenen Jahrzehnten für die Energiewende ein, den kompletten Umstieg auf Erneuerbare Energien. Das deutsche Einspeisegesetz für Erneuerbare Energien (Erneuerbare-Energien-Gesetz / EEG) geht maßgeblich auf Scheers Engagement zurück. 

Scheer erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter der Weltsolarpreis (1998) und der Alternative Nobelpreis (1999). Das US-amerikanische "Time Magazine" kürte Scheer zum "Hero for the Green Century" (Held des grünen Jahrhunderts).

Neben seinem Bundestagsmandat war Scheer Präsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien EUROSOLAR e.V. und Vorsitzender des World Council for Renewable Energy (WCRE). Zuletzt beteiligte er sich am parteiübergreifenden Thinktank "Institut Solidarische Moderne". Das Netzwerk von Politikern aus SPD, Grünen und Linkspartei will den gesellschaftlichen Wertewandel und das rot-rot-grüne Projekt vorantreiben. 

Im Interview (S.13) mit EURACTIV.de sagte Scheer Anfang 2010 zur Zukunft der Energieversorgung: "Wir stehen vor dem größten Strukturwandel der Wirtschaft seit Beginn des Industriezeitalters: Energieautonomie. Das heißt: Statt wenigen monopolistischen Eigentümern werden wir hunderttausende oder sogar Millionen Eigentümer haben. Die Energieversorgung wird demokratisiert. Es gibt immer mehr Eigenversorger, mehr individuelle Autonomie, mehr lokale Autonomie, mehr regionale, mehr nationale Autonomie."

Stimmen


Ole von Uexküll
, Direktor der Stiftung "Right Livelihood Award" (Alternativer Nobelpreis), erklärte: "Der Tod Hermann Scheers hinterlässt eine riesige Lücke, persönlich und politisch. Er erkannte die fossile und atomare Energieerzeugung als größte Gefahr unserer Zeit. Er hat gezeigt, wie diese Gefahr abgewendet werden kann." Wenige Menschen hätten "mehr für die Zukunft unseres Planeten getan".

Helmut Lölhöffel, EUROSOLAR e.V., erklärte: "Wir trauern um Hermann Scheer, einen außergewöhnlichen Menschen und Politiker. (…) Sein plötzlicher Tod erschüttert alle. Hermann Scheer hat eine große Lebensleistung vollbracht. Ihm sind beispielhafte Fortschritte zu verdanken, die weltweit in eine umweltgerechte Energieversorgung aus Erneuerbaren Energien ohne Kohle und Atom führen. Sein unverrückbares Ziel, die Energiewende zu beschleunigen, wird Wirklichkeit, weil er mit seinem Kenntnisreichtum, seinem logischen Denken und seiner Begeisterungsfähigkeit viele Menschen überzeugen und mitreißen konnte.

Hermann Scheers Gedanken und Pläne leben, weil er sie in konkret erfahrbare Ergebnisse umsetzen konnte. Er hat sie in dem Buch "Der energet(h)ische Imperativ" formuliert, das wenige Tage vor seinem Tod erschienen ist. EUROSOLAR und der Weltrat für Erneuerbare Energien (WCRE) werden sein Lebenswerk, das er mit Tatkraft und mit Weitblick unbeirrt und unerschrocken verfolgt und verwirklicht hat, auf der Basis des von ihm Geschaffenen in seinem Sinne fortführen."

Dietmar Schütz, Präsident des Bundesverband Erneuerbare Energie e.V (BEE): "Über den Tod von Hermann Scheer sind wir schockiert und sehr betroffen. Hermann Scheer war einer der Pioniere der Erneuerbaren Energien und einer der engagiertesten Kämpfer für den Umstieg auf eine nachhaltige Energieversorgung. Für alle, die sich ebenfalls für dieses Ziel einsetzen ist heute ein sehr trauriger Tag. (…)

Die Verdienste Hermann Scheers um den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland und in aller Welt sind unschätzbar. Er hat andere mit seiner Begeisterung anstecken können und hinterlässt auch als einer der Väter des Erneuerbare-Energien-Gesetzes ein politisches Lebenswerk, das eine bleibende Veränderung bedeutet. Dass heute in Deutschland und in vielen Ländern der Welt Tag für Tag mehr Erneuerbare Energien eingesetzt werden, ist zu einem großen Teil Hermann Scheers Verdienst. Vor ihm verneigen wir uns heute in Dankbarkeit und tiefer Trauer."

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagte, die Nachricht habe ihn "tief erschüttert und sprachlos gemacht"."Hermann Scheer war ein engagierter Kämpfer für die dringend notwendige Energiewende", so Gabriel. Früher als andere habe er erkannt, dass ein Fortführen der derzeitigen Art des Energieverbrauchs eine Katastrophe für die Umwelt und das Ende der menschlichen Zivilisation bedeuten würde. Deshalb habe sich Scheer im Parlament, in der SPD, aber vor allem im direkten Gespräch mit Bürgern, Initiativen und der Wirtschaft für einen raschen, entschiedenen Ausbau der Erneuerbaren Energien engagiert. "Dieser Wandel war für ihn ein ‚energetischer Imperativ‘ – alternativlos sowohl im wirtschaftlichen wie im moralischen Sinne", so Gabriel.

Oft habe Hermann Scheer gewirkt "wie ein David, der gegen die Goliaths dieser Welt kämpfte: gegen ignorante Ablehnung der Energiewende in der Wirtschaft, aber auch in der Politik", so Gabriel. "Seine Lebensphilosophie war, dass der Text ohne Bedeutung ist, wenn alle einstimmig singen. Das hinderte ihn nicht an Parteisolidarität – aber schützte ihn stets vor Konformismus."

Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Europäischen Parlament, Rebecca Harms und Daniel Cohn-Bendit erklärten: "Tief betroffen haben wir vom plötzlichen und viel zu frühen Tod von Hermann Scheer erfahren. Europa verliert mit ihm einen der großen Vorreiter für die Energiewende und den Kampf gegen den Klimawandel. Er hat immer wieder engagiert und streithaft dafür geworben,  warum die Erneuerbaren Energien und der Atomausstieg der einzige Weg sind für eine sichere und nachhaltige Zukunft. Diesen Weg werden wir, auch in seinem Sinne, entschieden weitergehen. Unsere Gedanken sind in diesen Stunden bei seiner Familie und seinen Angehörigen."

awr