Was ist eigentlich lustig an der EU?

Schon den neuesten Witz über die EU gehört? Wahrscheinlich nicht.

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European Commission Visit To Lisbon For Talks On The Program And Priorities Of Portuguese Presidency Of The Council Of The European Union (PPUE)
Andere, die sich über das EU-Establishment lustig machen, tun das mit offen pro-europäischer Haltung. [Horacio Villalobos Corbis/Getty Images]

Schon den neuesten Witz über die EU gehört? Wahrscheinlich nicht.

Brüssel – Satire über ein politisches System zu machen, das nur wenige verstehen, ist die Herausforderung einer neuen Generation von Humoristen. Sie nehmen die unbekannten Gefilde der Europäischen Union aufs Korn – in Büchern, im Fernsehen und im Internet.

„Unsere Aufgabe ist es, den Leuten zu zeigen: ‚Was ist Brüssel überhaupt?‘“, sagt Maxime Calligaro, Hauptautor der Comedyserie Parlement mit EU-Fokus, deren vierte Staffel diese Woche im französischen Fernsehen ausgestrahlt wird.

„Eine der Schwächen der Europäischen Union ist ihre Komplexität“, so Calligaro, der im Europäischen Parlament als Pressesprecher für die liberale Fraktion Renew Europe arbeitet.

„Es ist einfach sehr schwer, den Leuten zu erklären, warum wir über drei Städte verteilt mit fünf verschiedenen Institutionen über drei Jahre hinweg in 23 Sprachen arbeiten“, erklärt er.

Doch genau diese Bürokratieflut kann laut Calligaro auch eine Stärke für die Satire sein: „Je komplexer es ist, desto verlorener ist die Figur – und das ist gut für die Komik.“

Die vierte und letzte Staffel seiner Serie, mitverfasst von Pierre Dorac – dem Pseudonym eines Mitarbeiters der EU-Kommission –, Showrunner Noé Debré und Alexis Bessin, begleitet die Hauptfigur Samy durch einen EU-Gipfel, während er chinesischen Abhörgeräten und manipulierenden EU-Beamten ausweicht.

Insider-Publikum im Visier

Auch andere Komiker, die die EU auf die Schippe nehmen, sehen sich in einer halb-erzieherischen Rolle.

„Die junge Generation könnte sich tatsächlich für EU-Politik interessieren, wenn sie unterhaltsam und lehrreich präsentiert wird“, sagt Kelly Agathos, Gründerin und Star der Sketch-Show The Schuman Show, die alle zwei Monate ein Theater in Brüssel mit über tausend Zuschauern füllt.

Angelehnt an amerikanische Late-Night-Shows, macht die Show sich über ahnungslose Kommissare, unverständliches Fachchinesisch und machtlose Institutionen lustig. „Die Tatsache, dass wir in manchen Bereichen so bürokratisch sind, dass wir uns nur noch um uns selbst drehen, ist tragisch – aber auch lustig“, sagt Agathos, eine professionelle Improvisationskünstlerin, die jede Show mit einem Stand-up eröffnet.

Im Publikum sitzen meist genau jene, die Teil der sogenannten Brüsseler Blase sind: Lobbyisten, Journalisten, Beamte und Politiker. Das bedeutet, dass man das Publikum nicht groß über die Eigenheiten des EU-Systems aufklären muss – besonders nicht, wenn ehemalige Kommissare wie Margaritis Schinas anwesend sind.

„Wir nehmen die Leute im Raum aufs Korn – und sie wollen das sogar“, sagt Agathos. Mitarbeiter der EU-Institutionen bedanken sich oft hinter den Kulissen bei ihr, weil sie Dinge offen anspreche, die sie selbst nicht kritisieren dürfen.

Verführt das Insider-Publikum die Künstler dazu, ihre Kritik abzuschwächen?

„Ich glaube nicht, dass wir die Cheerleader der EU sind – das sollten wir auch nicht sein – aber ebenso wenig die härtesten Kritiker“, sagt Agathos. Es sei Sache des Publikums zu entscheiden, wie bissig oder sanft der Humor sei.

„Wir machen uns über die Kommission lustig, über [Präsidentin Ursula] von der Leyen, die Entscheidungsträger, den Europäischen Auswärtigen Dienst, sogar über den Umgang mit Migranten“, sagt sie.

Pro-EU-Memes

Andere, die sich über das EU-Establishment lustig machen, tun das mit offen pro-europäischer Haltung.

Das Social-Media-Profil DG MEME, mit über 127.000 Followern auf X und fast 50.000 auf Instagram, veröffentlicht satirische Bilder, die die Welt der EU-Politik charmant auf die Schippe nehmen.

Fabio Mauri, ein italienischer Mitarbeiter der EU-Kommission und Gründer des Accounts, schreibt, er wolle mit seinem Projekt die Kommunikation der EU „auffrischen“ – sein Stil sei „infotainment“. Die Website enthält allerdings auch den Hinweis, dass es sich um „bissige Satire“ handle.

„Ich hoffe, ich kann auf humorvolle Weise über aktuelle Debatten und Herausforderungen der EU informieren – aber manchmal kann ich auch nicht widerstehen, einfach nur einen albernen Witz zu machen“, sagt Mauri.

Im Gegensatz zur manchmal scharfen Satire der Schuman Show dient DG MEME vor allem der Imagepflege der EU – wenig überraschend, denn Mauris Hauptberuf in der Kommission besteht darin, die Online-Präsenz der Institution zu stärken. Er hat schon harmlose Interviews mit Kommissaren geführt und verkauft Merchandise, etwa T-Shirts mit dem Konterfei von Valdis Dombrovskis.

Sogar Kommissionsbeamte nutzen DG MEME, um zu erklären, wie die EU funktioniert.

Im letzten Jahr hatte Mauri im Zuge der Wiederwahlkampagne von Ursula von der Leyen ein exklusives Treffen mit ihr – mehr Zugang, als viele Journalisten je bekommen. Bei einem Kaffee tauschten sie sich über ihre liebsten Comics aus.

„Ich glaube nicht, dass das Ursula bei der Wiederwahl geholfen hat – weder der Rat noch das Parlament lassen sich durch meine Memes beeinflussen“, sagt Mauri.

Parlement-Autor Calligaro – der auch den französischen Roman Les Compromis schrieb, der im EU-Parlament spielt – betont, dass alle Figuren in der Serie als legitime Vertreter ihrer Interessen dargestellt werden – selbst wenn diese Interessen gegen die EU gerichtet sind.

Doch er gibt zu: Der Humor der Serie sei von einer pro-europäischen Haltung geprägt. „Letztlich ist es eine Liebeserklärung an Brüssel“, sagt er.

(om, kn)