Wettstreit um Erdgas aus Aserbaidschan
Deutsche und russische Energieexperten halten das europäische Pipeline-Projekt Nabucco für gescheitert. Dennoch beteiligt sich Nabucco im Bieterwettstreit um Erdgas aus Aserbaidschan.
Deutsche und russische Energieexperten halten das europäische Pipeline-Projekt Nabucco für gescheitert. Dennoch beteiligt sich Nabucco im Bieterwettstreit um Erdgas aus Aserbaidschan.
"Nabucco-Projekt ist gescheitert", titelte das Handelsblatt am Donnerstag und bezieht sich dabei auf übereinstimmende Aussagen deutscher und russischer Energieexperten bei einer Video-Konferenz von Ria Novosti.
Bei der Videokonferenz nannten Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena), und Claudia Kemfert, Energie-Expertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), die Verhandlungen zwischen dem Energiekonzern RWE und dem russischen Gaskonzern Gazprom als ein Indiz für Nabuccos Aus.
RWE ist der deutsche Partner in dem von der EU-Kommission politisch und finanziell geförderten Projekt. Gazprom wiederum treibt im sogenannten "Südlichen Gaskorridor" ein eigenes Pipeline-Projekt voran. Beide Konzerne wollen Medienberichten zufolge ein Gemeinschaftsunternehmen zum Bau und Betrieb von Kohle- und Gaskraftwerken gründen. Gazprom erhofft sich damit den Zugang zum deutschen Strommarkt, und RWE will im Gegenzug bessere Preise und Konditionen beim Einkauf russischen Erdgases.
Nabucco im Bieterwettbewerb
Das Pipeline-Konsortium Nabucco selbst sieht sich offenbar aber noch im Rennen, um die geplanten Leitungen auch mit Erdgas füllen zu können. Das Gasfeld Shah Deniz in Aserbaidschan spielt dabei eine entscheidende Rolle. 10 Milliarden Kubikmeter Erdgas sollen aus dem Offshore-Gasfeld im Kaspischen Meer jährlich gefördert werden. Anfang Oktober gab Nabucco bekannt, dass es ein offizielles Angebot für Erdgas aus Aserbaidschan eingereicht hat.
Allerdings hat Aserbaidschan bereits mit mehr als 20 Firmen und Konsortien über die Nutzung der Vorkommen verhandelt, bis Ende des Jahres sollen die Gespräche beendet sein. Zu den Mitbietern von Nabucco gehört TAP, an der Eon Ruhrgas beteiligt ist, sowie IGI Poseidon unter der Führung der italienischen ENI und des staatlichen griechischen Versorgers DEPA.
Auch der russische Gazprom-Konzern wirbt mit den Plänen für seine Röhre South Stream um die Reserven aus Aserbaidschan. Vor wenigen Tagen hatte überraschend auch noch der Mineralölkonzern BP seinen Hut in den Ring geworfen und angekündigt, über eine Südosteuropa-Pipeline (SEEP) Gas von Aserbaidschan nach Europa transportieren zu wollen.
Durch die Nabucco-Pipeline soll Gas aus Ländern wie Aserbaidschan, Turkmenistan und dem Irak über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich strömen und Europa unabhängiger von russischem Erdgas machen. Nach mehrfachen Planänderungen soll der Bau nun 2013 beginnen, das erste Gas soll 2017 strömen. Bislang sind Baukosten von 7,9 Milliarden Euro veranschlagt. Neben RWE und der österreichischen OMV sind die ungarische MOL, die rumänische Transgaz, Botas aus der Türkei und BEH aus Bulgarien Konsortialpartner. Der süddeutsche Kommunalversorger Bayerngas hat ebenfalls Interesse angemeldet.
EURACTIV/rtr
Ein englischsprachiger Beitrag zu diesem Thema erschien auf EURACTIV.com.
Links
Nabucco: Nabucco legt dem Shah Deniz II-Konsortium seinen Transportvorschlag vor (1. Oktober 2011)