Die Spardebatte - Krugmans Kakerlaken
Standpunkt von Hermann Bohle (Genf)Wie US-Wirtschafts-Nobelpreisträger die Demokratien in die Pleite lenken. Ein Standpunkt von Hermann Bohle.
Standpunkt von Hermann Bohle (Genf)Wie US-Wirtschafts-Nobelpreisträger die Demokratien in die Pleite lenken. Ein Standpunkt von Hermann Bohle.
Der Autor
Hermann Bohle (Genf), Jahrgang 1928, Kommentator und Buchautor, langjähriger Journalist in Brüssel zu EU- und NATO-Themen. Ehemals DIE ZEIT, Die Presse (Wien), Neue Zürcher Zeitung NZZ und Weltwoche (Zürich), Rheinischer Merkur, Unternehmensberatung Deutscher Wirtschaftsdienst (DWD-Köln). BLOG: Bohle-Echo.de.
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Zum überwältigenden Mehrheitsbeschluss, mit dem das EU-Parlament das Sieben-Jahr-Haushaltsprojekt des Rats der 27 Mitglieder verweigert hat, kommt auch diese Erläuterung der EU-Abgeordneten: Europas einziger Zukunftsentwurf – die EU – soll mit 8,4 Prozent unter den bisherigen Ausgaben bleiben, Berlin aber streiche 0,3 Prozent. Gravierender: Anders als es sich für gute Haushälter gehört, nutzten die EU-Nationalstaaten nicht die Boomjahre 2006/07, um Geld für schwierige Zeiten beiseite zu legen. Dieser Schuldenschlendrian, vor allem die Folgen der Weltfinanzkatastrophe seit 2008, wären sonst etwas erträglicher.
Solche Reserven hätten nicht gereicht, um die billionenschwere Globalpleite zu besiegen, die aus der Missbrauchsorgie einst so hehrer "Finanzmärkte" entstanden ist. Nicht "Kapitalismus ansich" – schon gar nicht der Euro – ist gemeingefährlich, wie fälschlich behauptet. Das Krebsübel bildet die Regellosigkeit des Welt-Finanzsystems. Es war gewollt von der "Politik" in Washington und London. Ab 1982/83 – unter Präsident Ronald Reagan und Premierministerin Margret Thatcher – wurde die "Deregulation" zur Heilslehre inszeniert.
Was Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (1949-63) als "Entfesselung" aller unternehmerischen Risikobereitschaft feierte, wurde in Deutschland als "soziale" Marktwirtschaft gesellschaftlich hinnehmbar nur deshalb, weil staatliche Regelwerke das Überschäumen der Gier wenigstens bremsten. Doch die Amerikahörigkeit der Politik sorgte für Entregelung: Ausbruch des angelsächsischen Catch-as-catch-can-Kapitalismus auch in Europa. Banken, Private-Equity-"Heuschrecken" etc. tobten ihren Spieltrieb aus, mit fremdem Geld – und Billionenverlusten. Zulasten der Steuerzahler.
Die amerikanische Krankheit stürzt den Westen in den Ruin. Zwei Autoren der globalen Fehlentwicklung fallen auf, beide Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften. 50 dieser Preise gingen binnen 43 Jahren – eingeführt 1969 – an US-Bürger. Was zu beachten bleibt. Milton Friedman (1976) bekannte, Bosse seien nur zum Geldmachen da. Den Rest besorge der "Markt".
Von dessen Akteuren aber wusste Adam Smith 1776 schon: Sie verschwören sich schon mal gegen das Gemeinwohl. Diese Erkenntnis des Markt- und Moralphilosophen hinderte nicht die angelsächsische Deregulierung. Nicht einmal zur Erleuchtung der "Politik" reichte es.
So wurden 1929 Amerikas erste Weltwirtschaftskrise erst möglich, und seit 2008 die jetzt laufende. Deren zweiter Autor ist der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman – er wurde ausgezeichnet 2008, zum Start der Weltkrise: Der Kolumnist/Blogger der New York Times rief im Jahr 2000 schon zum gezielten "Aufblasen" des Immobilien-"bubble" auf.
Krugman fand reichlich Gefolge für sein Schneeballsystem (Ponzi financing heisst das "drüben"). Die Banken drängten Kredit den Leuten förmlich auf. Immer teurere Baulichkeiten wurden nach jedem Immobilienpreisschub zusätzlich beliehen. Bald weltweit. 2001-2007 wuchsen die US-Immobilien- und Aktienvermögen um 40 Prozent auf 19 Billionen Dollar.
Schuldenmachen ist Amerikas Seuche Nr. 1. Ende der 1960er Jahre sagte mir Kurt Richebächer, Generalbevollmächtigter der Dresdner Bank AG: Den "horrenden Schuldenbergen, überwuchernden Konsumausgaben, gravierenden Spekulationswetten" stehe dort eine Sparquote "um null" gegenüber. Das ist so bis heute. "Richy" war nicht irgendwer. Zu seiner Pensionierung flog Ende der Sechziger eigens Paul Volcker nach Frankfurts Taunusanlage ein. Der spätere US-Notenbankchef witzelte: "Beweisen, dass Richebächer nicht Recht hat, ist wohl eine Hauptbeschäftigung für Notenbanker." 2007 sagte der solchermaßen Geehrte, kurz vor seinem Tod – wie seit 40 Jahren – den "Einsturz" des US-"Kartenhauses" voraus. 2008 war es soweit.
Da irritiert 2013, dass jetzt Paul Krugman gegen den Sparkurs in der EU zu Felde zieht (NZZ 13. März). Statt zu sparen – wie es die EU-Kommission will, wie Deutschland oder Holland – ruft er nach der Notenpresse. In den USA läuft sie bereits.
"Krank bis auf die Knochen" sei die US-Wirtschaft, gigantisch verschuldet "fast ausnahmslos zu nicht produktiven Zwecken", so Richebächer 2005. 2004: "Eine kaputt gemachte Volkswirtschaft." Zitiert von US-Fachleuten (Financial Sense, San Diego-CA). "Nobel"-Krugman aber beschimpft Italiens bisherigen Sparpremier Mario Monti als "Pro-Consul, eingesetzt von Deutschland" (NYT 24. Februar). Sparen sei das "Kakerlaken"-Problem: Kein Wegspülen nützt – kommen immer wieder.
Gottseidank. Wobei nur Totsparen keine Lösung ist. Da ist Europas demonstrierenden Gewerkschaftern (Brüssel, 14. März) nur zuzustimmen. Bleibt "die" Kernfrage: Was wird aus der Führungsmacht der Demokratien? Und: Wie blauäugig ist es, mit den USA die geplante Nordatlantik-Freihandelszone zu gründen? Das wird Mühe kosten, also Zeit.