EU-Bankkontopaket: Gemeinsame Regeln für unterschiedliche Realitäten?

Analyse von Patricia Wruuck (DB Research)Die Europäische Kommission hat sich ein weiteres ehrgeiziges Ziel gesetzt: Eine neue Richtlinie soll den Zugang zu Bankkonten verbessern, Transparenz bei Kontoangeboten erhöhen und Kontowechsel in der EU erleichtern. Das hört vielversprechend an, jedoch: Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht, findet Patricia Wruuck von DB Research.

Der Zugang zu Konten (hier ein Bankomat in Zypern) ist fast in jedem EU-Land anders.  Foto: dpa
Der Zugang zu Konten (hier ein Bankomat in Zypern) ist fast in jedem EU-Land anders. Foto: dpa

Analyse von Patricia Wruuck (DB Research)Die Europäische Kommission hat sich ein weiteres ehrgeiziges Ziel gesetzt: Eine neue Richtlinie soll den Zugang zu Bankkonten verbessern, Transparenz bei Kontoangeboten erhöhen und Kontowechsel in der EU erleichtern. Das hört vielversprechend an, jedoch: Gut gemeint ist noch nicht gut gemacht, findet Patricia Wruuck von DB Research.

Fundamental unterschiedliche Marktrealitäten in den Mitgliedsstaaten und mehrere, durchaus komplex gelagerte Problematiken machen es schwierig, hier auf Gemeinschaftsebene geeignete Regeln zu definieren.

Das Vorschlagspaket der Kommission besteht aus drei Elementen. Erstens soll künftig das Recht auf ein Basiskonto gesetzlich festgeschrieben werden.

Zweitens will die Kommission mehr Transparenz bei Kontoangeboten schaffen. Zu diesem Zweck sollen vor allem Informationsmaterialien stärker standardisiert werden, sowohl zur Unterstützung beim Abschluss eines neuen Angebots als auch laufende Gebührenübersichten. Zudem soll Verbrauchern zumindest eine unabhängige Vergleichswebsite in jedem Mitgliedstaat zur Verfügung stehen. Erklärtes Ziel ist es, über verstärkte Preistransparenz Wettbewerb im Markt und damit auch den Kontowechsel zu fördern.

Der dritte Teil des Vorschlags definiert in diesem Zuge dann Vorgaben für einen Kontowechselservice, der künftig vor allem auch den grenzüberschreitenden Wechsel von Kontoverbindungen erleichtern soll.

Die Motivation der Vorschläge – einen funktionierenden Markt für Kontodienstleistungen in Europa zu fördern und ein hohes Verbraucherschutzniveau zu gewährleisten – ist dabei unstrittig. Die Frage ist jedoch, ob die angedachten Maßnahmen diese Ziele effektiv und effizient erreichen können.

Hierbei besteht zunächst einmal ein Grundproblem: Betrachtet man den Markt für Bankkonten in der EU (oder besser: die derzeit 27 einzelnen Märkte), so wird schnell klar, wie weit hier die Realitäten auseinanderklaffen.

Enorme Unterschiede beim Kontozugang

Etwa im Bereich Kontozugang, wo deutliche Unterschiede innerhalb der Gemeinschaft bestehen. Laut Weltbank erreicht der Anteil der Bevölkerung mit einem Konto in einigen neuen Mitgliedsstaaten lediglich Werte unter 60 Prozent, während in zwölf Mitgliedsstaaten weniger als 5 Prozent kein Konto haben (siehe Grafik).

Auch die Verbraucherwahrnehmung fällt bei Bankkonten merklich auseinander. Hier handelt es sich laut Kommission um eine derjenigen Dienstleistungen, bei denen die größten Unterschiede zwischen Mitgliedsstaaten bestehen, wenn man etwa Kriterien wie Vergleichbarkeit der Angebote, Verbrauchervertrauen in Anbieter, Probleme und Beschwerden oder auch Kundenzufriedenheit betrachtet.

Die Zahlen spiegeln die Bedeutung von Einflussfaktoren auf nationaler Ebene zur Erklärung von bestehenden Niveauunterschieden wider. Gleichzeitig zeigen sie, dass es differenzierter Strategien bedarf, um Problemlagen vor dem jeweiligen nationalen Hintergrund tatsächlich effektiv angehen zu können.

Defizite beim Thema Transparenz

Auch sollte man sich darüber bewusst sein, dass es sich bei jedem der drei Bereiche um Themen handelt, die vielschichtiger sind, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint, und Regulierungen diese Komplexität berücksichtigen sollten.

So etwa beim Thema Transparenz: Zugängliche und verständliche Preisinformation ist Voraussetzung für einen funktionierenden Markt. Entsprechend sollte es in einem ersten Schritt darum gehen, grundsätzliche Verfügbarkeit von Information sicherzustellen und hier eventuell bestehende Defizite auf Ebene der Mitgliedsstaaten zu beseitigen.

Da sich auch Preisbestandteile und Entgeltstrukturen für Konten europaweit unterscheiden – auch aufgrund von Unterschieden im Nachfrageverhalten, etwa bei der Nutzung von Zahlungsdienstleistungen –, ist die Standardisierung von Informationsvorgaben keine leichte Aufgabe. Eine übermäßige Vereinheitlichung aber kann schnell auf Kosten von Produktvielfalt und Innovation gehen, was wiederum angesichts bestehender Präferenzunterschiede nachteilig sein kann.

Zudem bergen Informationsformate, die einem ausschließlich auf den Preis bestimmter Komponenten forcierten Vergleich Vorschub leisten, die Gefahr, dass hierbei nicht genannte oder schwer quantifizierbare Faktoren wie Service in den Hintergrund treten.

Beim Kontowechsel wiederum stellt sich die Frage, inwieweit die Kommission hier tatsächlich fundamentale Missstände adressiert. Dass die Wechselquoten bei Bankkonten gering sind, ist für sich genommen kein hinreichender Problemnachweis. Die Wechselquoten bewegen sich in ähnlichen Größenordnungen wie etwa bei Elektrizitäts- oder TV-Anbietern, wo der Wechsel eben auch häufig mit Änderungen der äußeren Umstände, etwa Umzügen, einhergeht.

Laut Eurobarometer-Daten geben mehr als vier Fünftel der Befragten in der EU an, dass sie ihre Kontoverbindung in den letzten Jahren nicht gewechselt haben, weil schlichtweg keine Notwendigkeit bestand (siehe auch Bankkontowechsel in der EU: Einfach oder nicht?).

Auch ist der Anteil derjenigen, die einen Wechsel als einfach empfanden, höher als die Anzahl derer, die hierbei Schwierigkeiten sahen (7 Prozent bzw. 1 Prozent der Befragten).

Grenzüberschreitender Kontowechsel kaum gefragt

Was nun den grenzüberschreitenden Wechsel anbelangt, scheint es bislang eher am Bedarf zu hapern, denn nur 3 Prozent der EU-Bürger haben bislang ein Bankkonto außerhalb ihres Heimatlandes erworben, und lediglich 5 Prozent könnten sich dies vorstellen. Dies mag man als verschwindend gering beklagen. Allerdings dürfte hier weniger ein Mangel an standardisierter Information die Ursache sein, sondern zumeist Bedarf und Präferenzen. Entsprechend kann man zumindest bezweifeln, dass die neuen Vorgaben diese Situation kurzfristig und grundlegend verändern würden.

Die bestehenden Disparitäten im Markt für Bankkonten erschweren es sicherlich, gemeinsame Regeln zu finden, die einen echten Mehrwert bringen. Gleichzeitig erfordern sie Flexibilität, um unterschiedlichen Problemlagen in den Mitgliedsstaaten gerecht zu werden und Lösungsansätze zu entwickeln, die kontextsensitiv – aber vor allem auch tatsächlich effektiv – sein können. 


Patricia Wruuck
arbeitet als Analystin bei Deutsche Bank Research im Team Banken, Finanzmärkte und Regulierung. Der Beitrag erscheint bei DB Research und wurde EURACTIV.de zur Verfügung gestellt.