Höhere Getreidepreise bedeuten Ernährungsunsicherheit
Die Getreidepreise brechen an den führenden Börsen seit zwei Wochen einen Rekord nach dem anderen. Die Angst vor einer neuen globalen Nahrungsmittelkrise wie im Jahr 2007 ist entsprechend groß, schreibt Eric Andrieu.
Die Getreidepreise brechen an den führenden Börsen seit zwei Wochen einen Rekord nach dem anderen. Die Angst vor einer neuen globalen Nahrungsmittelkrise wie im Jahr 2007 ist entsprechend groß, schreibt Eric Andrieu.
Eric Andrieu ist landwirtschaftspolitischer Sprecher der sozialdemokratischen Fraktion im EU-Parlament.
Die Vorstellung, dass der Getreidehandel am Schwarzen Meer dauerhaft beeinträchtigt wird oder gar in ganzen Regionen nichts mehr angebaut werden können, treibt an den Märkten Spekulationen an. Schließlich entfallen sieben Prozent der weltweiten Produktion (im Falle der EU sind es zehn Prozent), aber 24 Prozent der Getreideexporte auf die russischen und ukrainischen Anbaugebiete.
Hinzu kommt, dass die Preise für die wichtigsten Getreidesorten auf den internationalen Märkten im Jahr 2021 bereits um 70 Prozent gestiegen waren.
Dieser neue Ausbruch einer weltweiten Nahrungsmittelkrise wird eine Vielzahl von Auswirkungen haben, und zwar in Form von politischer Instabilität und nahrungsmittelbedingter Inflation.
Dies gilt vor allem für viele Entwicklungsländer, die es sich nicht leisten konnten, ihre Nahrungsmittelvorräte aufzustocken, im Gegensatz zu Indien und China, die seit der Nahrungsmittelkrise von 2007 große Anstrengungen dafür auf sich genommen haben.
Es gibt auch Gegner des Green Deal und der Farm-to-Fork-Strategie, die sich den Krieg in der Ukraine zunutze machen, um uns glauben zu lassen, dass die neuen Nachhaltigkeitsziele der GAP [Gemeinsamen Agrarpolitik] gefährdet seien, obwohl sie erst ab 2023 in Kraft treten werden. Dies ist nicht ernst zu nehmen.
In Wirklichkeit sieht die Lösung ganz anders aus, und die Europäische Union trägt eine besondere Verantwortung, um dem Problem entgegenzuwirken.
In erster Linie sollte eine solche Situation dazu führen, dass die Produktion von Biokraftstoffen zunächst für sechs Monate eingestellt wird, in Erwartung der kommenden Ernte und der Erholung der Märkte.
Biokraftstoffe stellen zwar einen wichtigen Bestandteil des Energiemixes dar, es müssen jedoch Schutzmaßnahmen ergriffen werden, um der Verwendung von Getreide für die Nahrungsmittelproduktion Vorrang einzuräumen und die Märkte zu stabilisieren.
Dies sollte auf internationaler Ebene für Getreide – acht Prozent der Weltproduktion wird derzeit für die Herstellung von Biokraftstoffen verwendet – aber auch für Speiseöle und Zucker in Betracht gezogen werden.
Zweitens muss die Frage strategischer Lebensmittelvorräte in den multilateralen Gesprächen wieder aufgegriffen werden. Wie kann die Europäische Union zu einem Zeitpunkt, wo der Klimawandel nicht mehr zur Debatte steht, noch die WTO-Agrarregeln vertreten und aufrechterhalten, wenn diese die Lagerhaltung von Agrarprodukten verbieten? Es wird daher notwendig sein, in Europa strategische Reserven anzulegen, wie es bereits bei Öl der Fall ist, sobald sich die Lage entspannt hat.
Drittens: Werden wir bei derart hohen Getreidepreisen die GAP-Gelder einfach verschwenden, indem wir den Getreidebäuer:innen ihre gewohnten Zuschüsse zahlen, anstatt diese den Viehzüchter;innen zukommen zu lassen, die am meisten unter den steigenden Produktionskosten zu leiden haben?
Die Mitgliedstaaten sollten also kurzfristig die Möglichkeit haben, einen Teil der Flächenzahlungen umzuleiten und mittelfristig der GAP eine antizyklische Dimension zu verleihen, indem sie Beihilfen zahlen, wenn es notwendig ist, um den Landwirt:innen ein Mindesteinkommen zu sichern, wie es die Vereinigten Staaten tun.
Viertens muss die Überproduktion im Schweinefleischsektor aktiv durch Maßnahmen zur Krisenbewältigung gelöst werden, wie es bei der Milchkrise 2016 der Fall war. Der Abbau der Überproduktion dort, wo sie am umweltschädlichsten ist, muss vorrangig angegangen werden.
Beispielsweise haben mehrere europäische Ländern ihre Produktion enorm gesteigert, vor allem durch den Import von Mais aus der Ukraine als Schweinefutter, bevor der chinesische Absatz eingebrochen ist.
Fünftens: Während in den letzten Monaten viel über Energiearmut diskutiert wurde, muss die Europäische Union eine Nahrungsmittelhilfepolitik für die am meisten Benachteiligten betreiben, die diesen Namen auch verdient. Die Reihe an Lockdowns hat die Anfälligkeit eines wachsenden Teils der Bevölkerung deutlich gemacht, insbesondere von Alleinerziehenden und Studierenden.
Schließlich müssen wir, wenn wir die Nachhaltigkeitsziele der Farm-to-Fork-Strategie erreichen wollen, eine Debatte über die Haushaltsmittel und wirksamen Instrumente führen als Voraussetzung für die Verwirklichung unseres neuen europäischen Agrarmodells.
Seit zwei Jahrzehnten wird von den Landwirt:innen immer mehr verlangt, und das, obwohl die Haushaltsmittel ständig gekürzt werden. Landwirtschaft und Ernährung stehen im Mittelpunkt der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, Trägheit und Angst vor dem Wandel sind keine glaubwürdigen Optionen.
Die Europäische Union muss sich wirklich in die Lage versetzen, unsere Ernährungssouveränität zu stärken.