Menschen statt Häuser
Standpunkt von Steffen Klatt (Cleantech)Knappe Energie und Ressourcen, instabile gesellschaftliche Strukturen und der Zwang zu Gemeinsinn prägen die Stadt der Zukunft, kommentiert Steffen Klatt, leitender Redakteur des Cleantech Informationsdienstes. Außerdem erklärt Klatt, warum die Berliner Kaufhausruine Tacheles urbaner ist als der höchste Turm der Welt in Dubai.
Standpunkt von Steffen Klatt (Cleantech)Knappe Energie und Ressourcen, instabile gesellschaftliche Strukturen und der Zwang zu Gemeinsinn prägen die Stadt der Zukunft, kommentiert Steffen Klatt, leitender Redakteur des Cleantech Informationsdienstes. Außerdem erklärt Klatt, warum die Berliner Kaufhausruine Tacheles urbaner ist als der höchste Turm der Welt in Dubai.
Zum Autor
Steffen Klatt ist Geschäftsführer der Textagentur Café Europe in St. Gallen und leitender Redakteur des Informationsdienstes Cleantech. Von 1987 bis 1990 studierte Klatt in Leipzig politische Ökonomie, anschließend in Berlin, Basel und Odense Geschichte, Philosophie und Literatur.
Hinweis: Der Text erschien zunächst im EURACTIV.de-YellowPaper "Stadt der Zukunft" (Dezember 2011), das Analysen, Standpunkte und Interviews zur europäischen Stadtentwicklung versammelt.
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Die Zukunft findet in den Städten statt. Das gilt für die aufstrebenden Länder in Asien ebenso wie für das "alte" Europa. Anders geht es auch gar nicht: Für die inzwischen 7 Milliarden Menschen fehlt sonst der Platz. Doch die Städte stehen vor einem Umbruch. Sie müssen sich Herausforderungen stellen, die in dieser Form neu sind – zumindest für die Städte der Industriegesellschaft.
Abschied von der Austauschbarkeit
Die erste Herausforderung ist deutlich sichtbar: Die Zeit des scheinbaren Überflusses von Energie und damit verbundenen anderen Ressourcen ist vorbei. Das Ölzeitalter geht zu Ende. Erst die Kohle und dann das Öl haben erlaubt, alles Lebensnotwendige dorthin zu bringen, wo es gebraucht wurde. Praktisch jeder materielle Wunsch konnte praktisch überall und jederzeit erfüllt werden. Städte brauchten daher in ihrer Lage, Struktur und Architektur keine Rücksicht mehr auf ihre natürliche Umgebung zu nehmen. Erst das Öl hat die uniforme, austauschbare globale Stadt möglich gemacht. Es ist nur folgerichtig, dass diese globale Stadt dort ihre wunderlichsten Blüten treibt, wo das Öl fließt: am Golf.
Strukturen verlieren an Festigkeit
Die zweite Herausforderung ist weniger deutlich sichtbar, weil sie sich schon seit Jahrzehnten herausbildet: Die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Strukturen haben an Festigkeit verloren. Der Staat verfügt nicht mehr über seine einstigen Untertanen. Die Klassen und Schichten sind durchlässiger geworden. An die Stelle von Familien als Gemeinschaften fürs Leben sind Lebensgemeinschaften getreten. Die alten Instrumente, Werte durchzusetzen, sind geschwächt: Kirche, Schule, Medien. Es ist kein Zufall, dass kurz nach dem Fall der Berliner Mauer das Internet vom Kommunikationsmittel wissenschaftlicher Eliten zu einem Massenphänomen wurde. Die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Strukturen aber prägen die innere Gliederung der Städte Die Untertanenstadt richtet sich auf das Schloss aus, die Bürgerstadt auf das Rathaus, die kapitalistische Stadt auf den Konsumtempel.
Reflexion braucht Freiräume
Die dritte Herausforderung beginnt sich erst herauszubilden, ist aber eine unmittelbare Folge der zweiten: Wenn keine festen Strukturen mehr über längere Zeit Stabilität gewähren, braucht es mehr Gemeinsinn. Es braucht zudem eine größere gesellschaftliche Lernfähigkeit. Wenn es keine festen äußeren Regeln mehr gibt, braucht es mehr Werte, also eine Rückkehr zu einer ethischen Gesellschaft. Doch das ist nur durch mehr Debatte, durch einen stärkeren Austausch innerhalb der Gesellschaft möglich – und durch mehr Reflexion. Austausch braucht öffentliche Räume, Reflexion Freiräume.
Die Produktion kehrt zurück
Die Städte der Gegenwart haben begonnen, auf die erste Herausforderung zu antworten. Sie setzen auf Energieeffizienz und produzieren wieder Energie auf ihrem eigenen Gebiet. Freiburg macht es mit Vauban vor, andere folgen. Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, die Produktion von Wasserstoff oder Methan aus Überschussstrom im Keller – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Die Landwirtschaft kehrt in die Städte zurück, Stichwort Urban Farming in Berlin, Köln, Hamburg, Zürich. Auch die Fabriken könnten bald zurückkehren, wenn auch ohne rauchende Schlote: Technisch Begabte können an 3-D-Druckern schon heute ihre Möbel und andere Gegenstände ausdrucken. Vielleicht steht künftig an jeder Straßenecke eine solche Mini-Fabrik. Und die steigenden Preise für Energie und Materialien könnten das gute alte Handwerk wiederbeleben. Schuhe vom Schuhmacher nebenan statt aus Billig-China – das könnte sich bald wieder rechnen.
Städte werden zu Zwischennutzungen
Die Städte haben auch bereits Antworten zu geben begonnen auf die Auflösung alter Strukturen. Sie haben Kasernen, Mauerstreifen, Flugplätze, Industrieanlagen, Kirchen zwischen- und umgenutzt. Sie haben Infrastrukturen erst abgebaut und manchmal wieder aufgebaut wie etwa Straßen- und S-Bahnen. Sie haben Glasfasernetze legen lassen und Mobilfunkmasten genehmigt. Zwischennutzungen, Umnutzungen und neue Infrastrukturen sind freilich noch keine Antwort auf eine größere Flexibilität der Strukturen. Sie sind nur – meist teure – Antworten auf neue Bedürfnisse. Doch auch die neuen Bedürfnisse werden sich ändern, wahrscheinlich sogar schneller als die alten. Es braucht daher nicht nur Umnutzungen, sondern eine generelle "Umnutzbarkeit" von Räumen, Gebäuden und Infrastrukturen. Im Grunde werden Städte künftig zu Dauer-Zwischennutzungen für die gerade aktuellen Bedürfnisse.
Der Kiez als Kern des öffentlichen Raums
Viele Städte haben ihre öffentlichen Räume vernachlässigt. Vielerorts ist heute eine verkehrsberuhigte Einkaufsstraße der Inbegriff der Urbanität. Ansonsten ist noch Raum für Touristen – das war es dann oft.
Doch die Städter schaffen sich ihren öffentlichen Raum selbst. Ein Beispiel: der Kiez. Das lebendige Stadtquartier mit Märkten, kleinen Läden, Cafés, Handwerkern und Spielplätzen ist zum Ort geworden, der heute Urbanität ausstrahlt. Der Kiez ist selten geplant worden, sondern aus dem Bedürfnis seiner Bewohner heraus gewachsen. Er könnte zum Kern des öffentlichen Raumes der Zukunft werden.
Ein anderes Beispiel: die halböffentlichen Räume der Jugendlichen. Das kann auch ein ansonsten trostloser Hof in einem Vorstadtghetto sein. Aber wo Menschen sind, ziehen sie Menschen an. Der Freiraum der Zukunft freilich, der Ort also, an dem Reflexion stattfinden kann, fehlt weitgehend. Frühere Zeiten haben dafür Kirchen, Museen, Parks geschaffen. So wirken sie oft auch: Erinnerungen an eine untergegangene Zeit.
Kein Platz für Autos mehr
Die Stadt der Zukunft braucht in ihrem Inneren Platz, um die zunehmende Zahl ihrer Funktionen integrieren zu können. Damit ist bereits klar, dass Platz nicht mehr verschwendet werden darf, etwa für den Individualverkehr. Heute werden dafür je nach Stadt bis zu ein Drittel der Fläche verbraucht. Doch wo eine Autobahn ist, kann kein Gemüsebeet sein, auch kein Park. Das Auto ist in einer gut organisiert Stadt nicht nur überflüssig, es hat in einer modernen Stadt buchstäblich keinen Platz mehr.
Stadtplanung muss angepasst werden
Die Stadt der Zukunft braucht Flexibilität. Räume, Gebäude und Infrastrukturen müssen nicht für die Ewigkeit gebaut werden. Die Möglichkeit ihrer späteren Umnutzung muss von Anfang an berücksichtigt werden, in der Struktur ebenso wie in den Materialien. Diese müssen wiederverwendet oder schadlos abgebaut werden können.
Die Stadt der Zukunft ist in erster Linie eine stadtplanerische Herausforderung. Sie trennt nicht mehr die Nutzungen, sondern führt sie wieder zusammen. Sie teilt die verschiedenen Funktionen des Lebens ihrer Bewohner nicht in verschiedene Quartiere auf, sondern lässt seine Bewohner in ihrem Quartier leben. Die Planung muss Mischnutzungen ebenso zulassen wie flexible Umnutzungen.
Mischnutzungen werden selbstverständlich
Diese Flexibilität und Mischnutzung reicht bis auf die Ebene der einzelnen Gebäude: Wenn eine Stadt aus Blöcken wie in Berlin-Marzahn und anderswo besteht, in denen es im Erdgeschoss keine Läden und keine Kneipen gibt, dann kehrt dort auch kein Leben ein.
Die Stadt der Zukunft stellt andere Anforderung en an die Architektur: Hässliche Häuser, die flexibel nutzbar sind und sich perfekt in den öffentlichen Raum einpassen, ergeben mehr Sinn als isolierte Architektur-Ikonen. Das „Tacheles“, die als Kunsthaus zwischengenutzte Kaufhausruine in Berlin, ist urbaner als der Burj Khalifa in Dubai, der höchste Turm der Welt. Gerade das „Tacheles“, wo Luxuswohnungen die Künstler verdrängen sollen, zeigt freilich das große Hindernis für die Stadt der Zukunft auf: Heute bestimmen Investoren, was wo gebaut wird und welches Gesicht die Stadt haben wird. Investoren haben aber nur ihr eigenes Grundstück im Blick, und vor allem ihre eigene Rendite.
Gemeinschaft von Menschen statt Ansammlung von Häusern
Jede Stadt ist zukunftsfähig, unabhängig davon, wo sie sich befindet und wie sie gebaut ist. Eine typische europäische Stadt mit ihrem mittelalterlichen Kern, ihrem Gürtel von Arbeiter- und Bürgerquartieren aus dem Zeitalter der Industrialisierung und ihrem weiten Kranz von grünen Vororten hat vielleicht bessere Voraussetzungen als eine amerikanische oder asiatische Stadt. Aber sie kann ebenso scheitern, wie umgekehrt eine amerikanische Stadt mit ihren ausufernden Suburbs oder eine chinesische Stadt mit ihren endlosen Hochhaus-Plantagen Zukunft haben können. Eine Stadt ist keine Ansammlung von Häusern, sondern eine Gemeinschaft von Menschen. Es kommt daher nicht in erster Linie auf die Architektur an, sondern auf den urbanen Geist. Diejenigen Städte haben Zukunft, die diesen Geist ausstrahlen. Heute sind das Städte wie Berlin, Kopenhagen, Barcelona, New York.
Links
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