"Bei Timoschenko ist alles Kalkül"

Gespräch mit Buchautor Frank SchumannZur Buchmesse in Frankfurt am Main erscheint ein Buch über den "Fall Timoschenko". Sieht man von Beiträgen in der Presse und einer 2006 erschienenen offiziellen Biografie ab, handelt es sich um die erste umfassende, kritische Publikation zu diesem Thema in Deutschland. Der Autor Frank Schumann gab Segodyna, der auflagenstärksten Zeitung der Ukraine, folgendes Interview.

Das ist erst zweieinhalb Jahre her: Die damalige ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko (heute Oppositionspolitikerin und inhaftiert) im Gespräch mit dem Oppositionsführer Wiktor Janukowitsch (heute Präsident). Foto: dpa
Das ist erst zweieinhalb Jahre her: Die damalige ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko (heute Oppositionspolitikerin und inhaftiert) im Gespräch mit dem Oppositionsführer Wiktor Janukowitsch (heute Präsident). Foto: dpa

Gespräch mit Buchautor Frank SchumannZur Buchmesse in Frankfurt am Main erscheint ein Buch über den „Fall Timoschenko“. Sieht man von Beiträgen in der Presse und einer 2006 erschienenen offiziellen Biografie ab, handelt es sich um die erste umfassende, kritische Publikation zu diesem Thema in Deutschland. Der Autor Frank Schumann gab Segodyna, der auflagenstärksten Zeitung der Ukraine, folgendes Interview.

Sie haben in diesem Jahr bereits zwei Bücher herausgegeben, die es unter die ersten zehn Titel auf der Spiegel-Bestsellerliste brachte. Wollen Sie es mit Ihrem neuen Buch "Die Gauklerin. Der Fall Timoschenko" zum dritten Mal in die Top Ten schaffen? 

SCHUMANN: Wollen schon, aber ob es wirklich gelingt, entscheidet der Leser. Allerdings gibt es einige Indizien, die auf ein überdurchschnittliches Interesse an diesem Buch deuten.

Was für Indizien?

SCHUMANN: Dass beispielsweise Zeitungen vorab Auszüge veröffentlichen. Hinzu kommen noch etliche umfangreiche Interviews, darunter auch mit der Moskauer "Iswestija". Das Echo allein auf die Ankündigung halte ich für sehr bemerkenswert.

Worauf führen Sie dieses Interesse zurück?

SCHUMANN: Auf das Thema und die Tatsache, dass es in Deutschland ein ziemlich einseitiges Bild von Julia Timoschenko gibt. Daran ist sie selbst maßgeblich beteiligt, sie macht eine sehr wirksame PR-Arbeit.

Beteiligt daran ist aber auch die deutsche Politik. Als Timoschenko Ministerpräsidentin war und der Präsident Juschtschenko hieß, wollte die Ukraine in die EU und in die NATO. Als die beiden abgewählt wurden – vermutlich wegen ihrer starken pro-westlichen Orientierung – und die neue Administration in Kiew einen anderen Kurs einschlug, gingen Berlin und Brüssel auf Distanz zur Ukraine.

Um das plausibel zu begründen, zog man die üblichen Register: Verletzung der Menschenrechte, Unfreiheit, Diktatur usw. Als Beleg nahm man die Verurteilung Timoschenkos, die das sofort verstand und den Ball aufnahm. Sie ist schließlich eine kluge Politikerin. Beide Seiten brauchen sich aus unterschiedlichen Gründen und benutzen sich wechselseitig. Darum also dieses uniforme, einseitige Bild von Timoschenko hierzulande. Das aber begreifen immer mehr Menschen, weshalb sie nach objektiven Informationen im Fall Timoschenko suchen. Darauf gründet nach meiner Überzeugung die spürbare Neugier auf ein solches Buch.

Ist das nur ein Gefühl oder gibt es für Ihre Vermutung auch Belege?

SCHUMANN: Gewiss. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem keine Meldung aus Timoschenkos PR-Abteilung bei uns verbreitet wird. In dieser Woche beispielsweise meldeten die Zeitungen, dass Frau Timoschenko "Angst vor Strahlen und Gift" habe. Das schloss man aus der Tatsache, dass in ihrer Zelle in Charkiw zwei Dosimeter gefunden wurden. Abgesehen davon: Sie befindet sich seit Mai im Krankenhaus und nicht in der Zelle, d. h. die Geräte zur Messung radioaktiver Strahlung lagen – wenn zutrifft, was gemeldet wurde – fünf Monate unbenutzt herum.

Timoschenkos Verteidiger und ihre Pressestelle garnierten nun diesen Dosimeter-Fund mit diversen Interpretationen und Befürchtungen, die in voller Länge etwa von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kolportiert wurden. Aber darauf gibt es zunehmend kritische Leserreaktionen, die verraten, dass den offiziellen Darstellungen offenbar nicht mehr blind gefolgt wird. Timoschenko überzieht, und ihr hörige Journalisten folglich auch. 

Können die Leser mit Sensationen in Ihrem Buch rechnen?

SCHUMANN: Wenn es in Ihren Augen eine Sensation ist, dass ein deutscher Autor nicht nachplappert, was in fast allen deutschen Zeitungen zu lesen ist, dann ist das Buch sensationell. Aber mein Anliegen war und ist es nicht, marktschreierisch auf dem Boulevard etwas zu verbreiten, was die Leute staunen macht. Sondern ich möchte Zusammenhänge und Hintergründe im Fall Timoschenko sichtbar machen. Das geschieht in Gestalt einer Reportage. Ich berichte sachlich, was ich bei meinem Aufenthalt in der Ukraine sah und hörte. Und das von mir gewonnene Bild weicht erheblich ab von dem, was in Deutschland verbreitet wird. Kein Wunder: Im Unterschied zu den meisten Journalisten in Deutschland, die vorgeben, ganz genau zu wissen, was mit Timoschenko passiert, war ich nämlich vor Ort. Allein das ist schon spektakulär genug.

In einigen Interviews wurde kritisch angemerkt, dass Sie nicht mit Timoschenko gesprochen haben, was man auch für einseitig hält.

SCHUMANN: Was Timoschenko und ihre Tochter sagen, lese ich täglich in den deutschen Zeitungen, das muss ich mir nicht noch einmal direkt bei ihnen abholen. Da hätte es wohl kaum überraschend Neues gegeben. Viel interessanter waren für mich die Meinungen derer, die mit ihr zu tun haben, also jene Personen, die nie in den Meldungen vorkommen, die nicht jene Öffentlichkeit haben wie das Timoschenko-Lager. Jene beispielsweise, die nicht die Gesetze brachen, sondern auf deren Einhaltung achten, oder jene, die Timoschenko heilen wollen und nicht den Bandscheibenvorfall zum internationalen Politikum machen. Oder etwa ein Ex-Liebhaber, der samt seinen Erinnerungen und einem Fotoalbum aus der Welt geschafft werden sollte… Wenn man den Teich trocken legen will, darf man nicht die Frösche fragen.  

In einem Interview verglichen Sie die russische Punkband Pussy Riot mit Julia Timoschenko. Ist das nicht ein wenig weit hergeholt?

SCHUMANN: Die drei Musikerinnen sind halb so alt wie Timoschenko und gewiss auch naiver und unbedarfter. Bei Timoschenko ist alles Kalkül, sie ist eine gute Schachspielerin und ihrem Gegner stets einige Züge voraus. Aber es gibt zwischen der Ukrainerin und den drei Russinnen eine absolute Analogie: Sie werden vom Westen instrumentalisiert. Man braucht die Frauen zum Nachweis, dass es in Russland und in der Ukraine nicht nach Recht und Gesetz geht. Bei Frauen, die als schwach und schutzbedürftig gelten, ist es besonders leicht, Sympathie und Mitleid zu wecken, noch dazu wenn sie attraktiv sind. Timoschenko wäre bestimmt nicht so oft auf deutschen Titelblättern zu sehen, schaute sie aus wie Osama bin Laden. Hier wirken Effekte, wie sie der Franzose Gustav Le Bon bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Buch "Psychologie der Massen" beschrieb.

Was meinen Sie mit der Instrumentalisierung durch den Westen?

SCHUMANN: Nach dem Untergang der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten Staaten erklärte der Westen, nunmehr sei der Kalte Krieg zu Ende. Das waren zwei Irrtümer, um nicht zu sagen Lügen. Erstens tat man so, als sei der Kalte Krieg nur vom Osten geführt worden und man selber unbeteiligt an diesem Konflikt gewesen. Und zweitens: Das tradierte Feindbild wirkt ungebrochen fort: Der alte und neue Feind sitzt unverändert im Osten!

Das können Sie durch die Jahrhunderte verfolgen: Napoleons Grande Armée marschierte vor 200 Jahren Richtung Osten, nach 1914 zogen die Mittelmächte gegen das russische Zarenreich, es folgten die Interventionskriege gegen Sowjetrussland 1917 bis 1923, dann der Überfall Hitler-Deutschlands, der erst vor Moskau, Leningrad und Stalingrad zum Halten kam.

Dem heißen Zweiten Weltkrieg folgte der Kalte Krieg. Wenn dieser, wie behauptet, 1990/91 zu Ende ging: Warum löste sich dann nicht die NATO auf – schließlich war deren Gegner verschwunden? Warum rückte sie dem russischen Bären immer dichter auf den Pelz, nahmen Nachbarstaaten Russlands in das Militärbündnis auf? Warum installierte man Raketenabwehrschirme in Polen und in anderen angrenzenden Staaten, wenn doch angeblich alle Konflikte sich erledigt hatten?

Nein, Politik folgt unverändert den traditionellen Interessen, die die Wirtschaft diktiert, seit es Kapitalismus gibt. Und die heißen Gewinnung von Absatzmärkten und Rohstoffquellen. Ein Sechstel der Erde ist ein gigantisches Areal. Die Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkrieges haben aber gezeigt, dass Panzer und Kanonen dafür nicht so günstig sind.

Heute macht man das darum geschickter, subtiler und mit Massenpsychologie. In einem solchen Szenario haben Figuren wie Timoschenko und Pussy Riot ihren Platz. Wie sagte schon Gustav Le Bon: Die Masse ist leichtgläubig und leicht lenkbar, sie ist empfänglich für Legenden, die meist von Helden und Ereignissen handeln, und die Masse urteilt vorschnell, indem sie von Einzelfällen verallgemeinert.

Ich versuche jedenfalls, das in meinem Buch deutlich zu machen. Und ganz nebenbei betreibe ich ein klein wenig Werbung für dieses große europäische Land: Schaut euch die Ukraine an, es ist ein Land im Aufbruch, hier entwickelt sich etwas, wovon der ganze Kontinent profitieren kann, sage ich den deutschen Lesern und mache sie – hoffentlich – neugierig. 


Links


Interview
der russischen Tageszeitung Komsomolskaja Pravda (auf Russisch) mit Juri Bober, dem ehemaligen Liebhaber Julia Timoschenkos. Die Artikelüberschrift lautet: Bober: ‚Dank Ermittlung des deutschen Journalisten bin ich populär geworden‘ 

Vorabdruck in der "Jungen Welt" (u.a. Gespräche mit Renat Kuzmin, dem Ersten Stellvertreter des Generalstaatsanwalts der Ukraine, und Juri G. Bober und dessen folgenreiche Liaison mit Julia Timoschenko)

Buch von Frank Schumann, "Die Gauklerin. Der Fall Timoschenko", edition ost, Berlin 2012 (ca. 260 S., 14,95 Euro)