Carstensen zur Fiskal-Union: "Die Umsetzung ist unsicher"

Ifo-Ökonom Kai Carstensen im InterviewDie Idee einer Fiskal-Union scheint die Euro-Krise nicht nachhaltig entspannt zu haben. Kai Carstensen, Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, hält einen Fortbestand der Währungsgemeinschaft dennoch für möglich. Der IWF dürfte derzeit ein Interesse daran haben, besonders schwarz zu malen, so Carstensen im Interview mit EURACTIV.de.

In der Sylvester-Nacht 2001 feierte man vor der EZB in Frankfurt die Euro-Einführung mit einem Feuerwerk. „Es war immer bekannt, dass Währungsräume mit so unterschiedlichen Ländern wie im Euro-Raum nicht ‚optimal‘ im theoretischen Sinn sind“, erinnert sic
In der Sylvester-Nacht 2001 feierte man vor der EZB in Frankfurt die Euro-Einführung mit einem Feuerwerk. "Es war immer bekannt, dass Währungsräume mit so unterschiedlichen Ländern wie im Euro-Raum nicht 'optimal' im theoretischen Sinn sind", erinnert sic

Ifo-Ökonom Kai Carstensen im InterviewDie Idee einer Fiskal-Union scheint die Euro-Krise nicht nachhaltig entspannt zu haben. Kai Carstensen, Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, hält einen Fortbestand der Währungsgemeinschaft dennoch für möglich. Der IWF dürfte derzeit ein Interesse daran haben, besonders schwarz zu malen, so Carstensen im Interview mit EURACTIV.de.

Zur Person


" /Prof. Dr. Kai Carstensen ist Bereichsleiter Konjunktur und Befragungen am Münchner Ifo-Institut. Carstensen ist außerdem Professer für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, insbesondere für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

EURACTIV.de: Der von Bundeskanzlerin Angela Merkel als "historisch" bezeichnete EU-Gipfel am 8. und 9. Dezember hat eine Fiskal-Union auf den Weg gebracht (EURACTIV.de vom 9. Dezember 2011). Trotzdem bleibt mit Blick auf 2012 große Verunsicherung. Der Euro scheint noch keineswegs gerettet. Wie optimistisch sind Sie, dass die Währungsgemeinschaft überlebt?

CARSTENSEN: So richtig die Entscheidung beim EU-Gipfel am 8. und 9. Dezember auch war, die finanzpolitische Selbstbindung und die europäische Kontrolle der öffentlichen Haushalte zu stärken, so unsicher ist derzeit die Umsetzung. Das führt nicht gerade dazu, dass die Investoren den bedrängten Staaten schnell wieder Vertrauen schenken. Zudem sollte berücksichtigt werden, dass sich politische Kontrolle allein bisher in der EU als recht wirkungslos erwiesen hat. Echten Handlungsdruck in Form von sich ausspreizenden Zinsen haben vielmehr die Finanzmärkte erzeugt. Es kommt daher darauf an zu verhindern, dass bonitätsbedingte Zinsunterschiede durch die Bereitstellung von Rettungsfonds dauerhaft eingeebnet werden.

Schleichende Krise: Vorsorge der Marktteilnehmer?

EURACTIV.de: Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, warnt vor einer großen, weltweiten Depression im Jahr 2012. Sind ihre Sorgen berechtigt?

CARSTENSEN: Die Sorgen vor einer weltweiten Rezession sind nicht unberechtigt, sollten aber auch nicht übertrieben werden. Tatsächlich zeigen viele Indikatoren abwärts, doch es gibt auch eher beruhigende Aspekte. So berichten die Schwellenländer zwar von einer Abkühlung, nicht aber von einem Absturz. Zudem ist eine Schockstarre wie nach der Lehman-Insolvenz augenblicklich nicht zu beobachten. Anders als 2008 hat sich die gegenwärtige Krise schleichend aufgebaut, so dass alle Marktteilnehmer – soweit möglich – Vorsorge getroffen haben. In Rechnung zu stellen ist zudem, dass der IWF derzeit ein Interesse daran haben dürfte, besonders schwarz zu malen, um seine Kompetenz zur Finanzierung von Staaten ausweiten zu können.

Zeitweiser Austritt für Griechenland das geringere Übel


EURACTIV.de:
Trotz aller Rettungsbemühungen halten viele Ökonomen einen Euro-Austritt Griechenlands für unausweichlich, soll das Land wieder wettbewerbsfähig werden. Wäre es möglich, dass nur einige Krisenländer wie Griechenland und Portugal aus dem Euro aussteigen, ohne dass die Währungsgemeinschaft insgesamt am Ende ist?

CARSTENSEN: Ein Land wie Irland hat gezeigt, dass es auch im Euro möglich ist, seine Wettbewerbsfähigkeit deutlich zu erhöhen. Die Probleme mit den Reformprogrammen in Griechenland zeigen aber, dass dies nicht überall gleichermaßen funktionieren muss. Hier spielt die Qualität der staatlichen Governance eine wichtige Rolle, aber auch die Reformbereitschaft der Bevölkerung. Daher dürfte ein freiwilliger, zeitweiser Austritt für Griechenland das geringere Übel darstellen, wenn er von der EU finanziell unterstützt wird. Wichtig wäre in diesem Fall eine glaubwürdige Kommunikation, die verhindert, dass auch andere Länder als Austrittskandidaten gehandelt werden.

"Ungesunde" Kapitalströme im Euro-Raum

EURACTIV.de: Selbst wenn die Refinanzierungskrise einzelner Euro-Staaten gelöst werden könnte, blieben die Grundeigenschaften der Währungsgemeinschaft bestehen. Länder wie Griechenland und Portugal müssten weiterhin mit einer "starken" Währung zurecht kommen, und könnten ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht durch Abwertung erhöhen. Kann das noch klappen?

CARSTENSEN: Es war immer bekannt, dass Währungsräume mit so unterschiedlichen Ländern wie im Euroraum nicht "optimal" im theoretischen Sinn sind. Wie richtig diese Feststellung ist, sehen wir heute. Aber grundsätzlich sind interne Abwertungen über die heimischen Löhne und Preise auch weiterhin möglich. Die Produkt- und Arbeitsmärkte müssen jedoch flexibel genug sein, um dies zu gewährleisten. Flankierende finanzpolitische Regeln, wie beim EU-Gipfel am 8. und 9. Dezember beschlossen, sind hilfreich. Angegangen werden müssten zudem die Probleme des Target2-Systems (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System). Dieses erlaubt nämlich jeder nationalen Notenbank des Euroraums, extrem hohe Verbindlichkeiten gegenüber den anderen Notenbanken zu akkumulieren und damit die "ungesunden" Kapitalströme im Euro-Raum aufrecht zu erhalten.

Deutschland nach wie vor Kapitalexporteur

EURACTIV.de: Bislang steht Deutschland wirtschaftlich gut dar. Allerdings profitiert die deutsche Konjunktur auch vom niedrigen Leitzins der EZB, Kapitalzuflüssen aus den Euro-Krisenländern, und einer schwachen Währung, die Exporte in Nicht-Euro-Staaten begünstigt. Verdrängt Deutschland, dass die eigene Stärke auch auf künstlichen Kriseneffekten und der Schwäche der anderen Euro-Länder beruht?

CARSTENSEN: Der EZB-Leitzins hat die deutsche Konjunktur viele Jahre lang belastet. Derzeit hilft der Leitzins klar der deutschen Wirtschaft. Doch von den Kapitalzuflüssen aus den Euro-Krisenländern profitiert Deutschland nur begrenzt. Zwar fließen die privaten Kapitalströme netto nach Deutschland hinein, aber die "öffentlichen" Kapitalströme – insbesondere über das Target2-System – fließen aus Deutschland hinaus. Insgesamt ist Deutschland nach wie vor ein Kapitalexporteur. Es ist zudem zu berücksichtigen, dass die übermäßigen Nettokapitalexporte der vergangenen Jahre auch eine Folge der Währungsunion waren.

In dem Maße, in dem sich frühere Übertreibungen jetzt tendenziell normalisieren, kann nicht argumentiert werden, Deutschland profitiere von "künstlichen Kriseneffekten". Die augenblickliche Stärke der deutschen Wirtschaft beruht maßgeblich auf Reformen der Vergangenheit, die als Reaktion auf die Schwächephase davor durchgeführt wurden. Insofern erntet Deutschland derzeit die Früchte harter Anpassungsmaßnahmen, die sich insbesondere in stagnierenden Reallöhnen und flexibilisierten Arbeitsmärkten gezeigt haben.

Inflation? Die EZB hat ein klares Mandat

EURACTIV.de: Die Zentralbanken fluten wegen der Krise die Finanzmärkte mit Liquidität. Müssen sich die Menschen ernsthaft Sorgen machen, dass es in den kommenden Jahren zu einer großen Inflation kommt?

CARSTENSEN: Die EZB hat ein klares Mandat und sie hat klare Vorgaben, wie sie dieses Mandat erfüllen soll. Insbesondere ist ihr die Staatsfinanzierung untersagt. Wenn sie sich daran hält, ist trotz der bisher aufgekauften Staatsanleihen nicht mit einem deutlichen Inflationsschub zu rechnen. Wenn die EZB aber ihre Grundsätze verletzt und damit Vertrauen in ihre Stabilitätsorientierung zerstört, ist durchaus mit steigenden Inflationsraten zu rechnen.

Interview: Opens window for sending emailAlexander Wragge

Links

Ifo-Institut: ifo Spezialthema: Target-Salden

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