EU-Klimachef: 45 Prozent Erneuerbare sind ehrgeizig, aber machbar

Die Europäische Kommission hat ihren Vorschlag verteidigt, bis 2030 45 Prozent der Energie in der EU aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen, da die EU-Länder ihre Ambitionen zurückschrauben wollen, so EU-Klimachef Frans Timmermans in einem Exklusivinterview mit EURACTIV.

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H.E. Frans Timmermans, Executive Vice-President, European Commission interview by Sky News Arabia at St. Regis Saadiyat during 13th Session of the IRENA Assembly. Photo by Ryan Lim
"Ich denke, wir müssen bei 45 Prozent bleiben", sagte Timmermans gegenüber EURACTIV in einem Exklusivinterview bei der Versammlung der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) in Abu Dhabi. [<a href="https://audiovisual.ec.europa.eu/en/photo-details/P-059798~2F00-22" target="_blank" rel="noopener">European Union, 2023</a>]

Die Europäische Kommission will daran festhalten, dass bis 2030 45 Prozent der Energie in der EU aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen, so EU-Klimachef Frans Timmermans im Interview mit EURACTIV.

Die EU-Länder und das Europäische Parlament verhandeln derzeit über ein neues Gesetz zur Ankurbelung der grünen Energieproduktion. Dies beinhaltet auch ein Ziel, das festlegt, wie viel des europäischen Energiemixes bis 2030 aus erneuerbaren Energien stammen soll.

Im Dezember sprachen sich die EU-Länder im Rahmen der laufenden Gespräche zur Überarbeitung der EU-Richtlinie über erneuerbare Energien für ein Ziel von 40 Prozent für erneuerbare Energien aus – dies liegt unter den 45 Prozent, die von der EU-Kommission vorgeschlagen und vom Parlament unterstützt wurden.

„Ich denke, wir müssen bei 45 Prozent bleiben“, sagte Timmermans gegenüber EURACTIV in einem Exklusivinterview am Rande einer Versammlung der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) in Abu Dhabi.

„Wenn man das Tempo sieht, mit dem unsere erneuerbaren Energien gebaut werden – Offshore-Windkraft, aber vor allem auch Solarenergie auf Dächern – halte ich das Ziel für ehrgeizig, aber machbar“, fügte er hinzu.

Als die Europäische Kommission im Juli 2021 erstmals eine Aktualisierung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie vorschlug, schlug sie für 2030 ein Ziel von 40 Prozent vor, das sie jedoch im vergangenen Jahr als Reaktion auf den Einmarsch Russlands in der Ukraine auf 45 Prozent erhöhte.

Im Jahr 2020 stammten 22 Prozent der EU-Energie aus erneuerbaren Energien, zwei Prozentpunkte mehr als das für dieses Jahr vereinbarte Ziel der Union.

Höheres Ziel

Laut Timmermans setzt sich in den EU-Hauptstädten zunehmend die Einsicht durch, dass ein höheres Ziel für erneuerbare Energien erforderlich ist, um die Energiesicherheit der EU angesichts der sinkenden russischen Gasexporte nach Europa zu stärken.

„Viele sehen die Notwendigkeit, sich wegen der Klimakrise von fossilen Brennstoffen zu verabschieden, aber jeder sieht, dass wir nicht länger von fossilen Brennstoffen abhängig sein können und die einzige Möglichkeit, unsere Souveränität im Energiebereich zu stärken, in der Förderung erneuerbarer Energien liegt“, betonte er.

Und schnellere EU-Genehmigungsregeln könnten den EU-Ländern das Ziel schmackhafter machen, glaubt er.

„Wenn wir den Mitgliedsstaaten dabei helfen können, dann wird das Ziel auch leichter zu erreichen sein“, erklärte Timmermans.

Der polnische Staatssekretär Adam Guibourgé-Czetwertyński wies jedoch im Gespräch mit EURACTIV auf der IRENA-Konferenz auf die Herausforderungen hin, denen sich die EU-Länder stellen müssen, um einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien zu erreichen.

„Wenn wir uns das Ziel auf EU-Ebene ansehen, sprechen wir nicht nur über die Stromerzeugung, sondern auch über Wärme und Verkehr“, sagte Guibourgé-Czetwertyński.

„Heute fehlen uns Technologien – insbesondere, denke ich, bei der Wärmeerzeugung in großem Maßstab. Es gibt zwar einige Technologien, aber keine, die wirklich skalierbar ist“, fügte er hinzu.

Am Beispiel des Warschauer Fernwärmesystems erklärte der polnische Minister, dass Polen jedes Jahr einen Wald von der Größe Brüssels abholzen müsste, um das System mit Biomasse zu betreiben.

Polen hat zwar einen eigenen Plan zum Ausbau der erneuerbaren Energien und der Kernenergie, mit dem Ziel, die Energieunabhängigkeit zu stärken, aber es gibt Grenzen, was vor 2030 getan werden kann, fügte er hinzu und sagte, dass es mehr Potenzial für den Ausbau sauberer Energien bis 2040 gibt.

Beschleunigung der erneuerbaren Energien

Im Interview betonte Timmermans auch die Entschlossenheit Europas, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beschleunigen, auch wenn kurzfristig mehr auf Kohle gesetzt wird, um russisches Gas in der Stromerzeugung zu ersetzen.

„Wir lassen uns nicht ablenken. Wenn überhaupt, dann hat Russlands Einsatz von Energie als Waffe unsere Umstellung auf erneuerbare Energien verstärkt. Das möchte ich mit der ganzen Welt teilen, denn wir werden nur erfolgreich sein, wenn alle mitmachen“, sagte er.

„Ja, wir werden fossile Brennstoffe brauchen. Ja, wir graben mehr Kohle aus, als wir eigentlich wollten, aber nichtsdestotrotz verbessern wir unsere Ziele“, fügte er hinzu und verwies auf das europäische Klimagesetzespaket, das ursprünglich im Juli 2021 vorgelegt wurde und sich nun in der Endphase der Verabschiedung befindet.

Andere teilen diese Ansicht. Mit ihrem Klimapaket 2021 und ihrer Reaktion auf die COVID-Krise habe die EU „ein sehr starkes Signal“ für die Dringlichkeit einer Beschleunigung der Energiewende gesetzt, sagte Achim Steiner, der Leiter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP).

„Dies sind beispiellose Investitionen zur Beschleunigung des Übergangs“, sagte Steiner vor Journalist:innen auf der IRENA-Konferenz. „Ich denke, dass Europa nach der Pandemie ein wichtiges Signal gesendet hat, um zu sagen: ‚Seht her, wenn wir einen Anreiz schaffen, werden wir diesen nutzen, um den Übergang zu beschleunigen'“, sagte er.

Auch für Polen ist die Beschleunigung des Übergangs eine Notwendigkeit. Das Land überarbeitet derzeit seine Energiepolitik als Reaktion auf die Krise und versucht, die Rolle von Gas so weit wie möglich zu reduzieren, was wahrscheinlich bedeutet, dass es länger auf Kohle angewiesen sein wird.

„Wir wollen schneller zu einem dekarbonisierten System übergehen und dabei auf Kernkraft, erneuerbare Energien und Energiespeicherung setzen. Aber wir wollen auch die Rolle von Gas in der Übergangszeit reduzieren“, sagte Guibourgé-Czetwertyński.

[Bearbeitet von Frédéric Simon]