"Klimawandel größte Herausforderung für Albanien"
Der albanische Agrarsektor hat nicht nur mit der Migration und der Mammutaufgabe der Anpassung an die EU-Gesetzgebung zu kämpfen: Laut Landwirtschaftsministerin Frida Krifca ist der Klimawandel die größte Herausforderung.
Der albanische Agrarsektor hat nicht nur mit der Migration und der Mammutaufgabe der Anpassung an die EU-Gesetzgebung zu kämpfen: Laut Landwirtschaftsministerin Frida Krifca ist der Klimawandel die größte Herausforderung.
Albanien hat im Juli 2022 die Verhandlungen mit der Europäischen Union aufgenommen und ist nun dabei, alle nationalen Gesetze und Vorschriften mit denen der EU in Einklang zu bringen.
Doch in einem Exklusivinterview mit EURACTIV sagte Krifca: „Die größte Herausforderung, mit der wir konfrontiert sind, ist der Klimawandel, der sich auf unser Gebiet auswirkt und unsere Politik zur Unterstützung der Produktion, unsere Landnutzung, Bewässerung und den Schutz vor Überschwemmungen verändert.“
Nach Angaben des IWF wird Albanien bis zum Jahr 2050 einen Temperaturanstieg von bis zu 2,2 Grad Celsius und eine Zunahme der Häufigkeit von extrem hohen Temperaturen erleben.
Darüber hinaus wird erwartet, dass die Niederschläge um bis zu 4,3 Prozent abnehmen werden, während die Häufigkeit und Intensität von Starkregen zunehmen wird. Damit steigt auch das Risiko von Überschwemmungen, die das Land bereits jetzt jeden Herbst und Winter heimsuchen.
„All diese Herausforderungen verlangen von uns zusätzliche Anstrengungen, um die neue landwirtschaftliche Phase, in die Albanien eingetreten ist, zu bewältigen.“
Infolgedessen hat das Ministerium 1,16 Milliarden Lek (11,2 Millionen Euro) in die Bewässerung investiert, was einer Steigerung von 2,5 Prozent gegenüber den bisherigen Investitionen entspricht, um den Landwirten bei der Ernte zu helfen.
In Zusammenarbeit mit der Weltbank ist außerdem der Aufbau einer digitalen Plattform für klima-intelligente Landwirtschaft geplant. Hier sollen Informationen über Bodenbeschaffenheit, hydrometeorologische Daten und landwirtschaftliche Praktiken, einschließlich des Einsatzes von Düngemitteln, Pestiziden und Bewässerung, gesammelt werden und die Landwirte zu nachhaltigeren landwirtschaftlichen Praktiken anleiten.
Albanien steht jedoch vor einer weiteren Herausforderung in seinem Landwirtschaftssektor, der 18,63 Prozent zur Wirtschaftskraft (BIP) beiträgt.
Das Land hat in den letzten 30 Jahren über 1,4 Millionen Bürger verloren, zusätzlich geben bis zu 83 Prozent der Jugendlichen an, im Ausland studieren, arbeiten und leben zu wollen. Aber auch viele Menschen in den ländlichen Gebieten wollen in die Städte ziehen, was den Agrarsektor belastet, der sein volles Potenzial noch nicht erreicht hat.
Krifca sagte, dass die interne und externe Migration ein Problem ist, das die Landwirtschaft in ganz Europa plagt, dass aber Maßnahmen ergriffen werden, um die Situation vor Ort zu bewältigen.
Eine davon ist ein Programm, bei dem junge Menschen, die Landwirtschaft studieren, für die Dauer der Ausbildung ein Gehalt in Höhe des Mindestlohns (40.000 Lek/400 € pro Monat) erhalten. Als eines der ärmsten Länder Europas erreichte das Pro-Kopf-BIP des Landes laut Eurostat im Jahr 2021 nur 32 Prozent des EU-Durchschnitts, was viele dazu veranlasst, im Ausland nach besseren Gehältern zu suchen.
„Ich glaube aber, dass wir darüber hinausgehen sollten“, sagte Krifca, der hinzufügte, dass EU-Fonds wie IPARD jungen Menschen bei der Entwicklung ihrer landwirtschaftlichen Geschäftsideen Vorrang einräumten.
Tourismus trifft Landwirtschaft
Krifca bezeichnete den Agrotourismussektor als eine Möglichkeit, junge Menschen für die Landwirtschaft zu begeistern.
„Es wurden enorme Anstrengungen unternommen, um agrartouristische Strukturen zu finanzieren, in sie zu investieren und sie zu fördern. Wir glauben, dass dies das wichtigste Instrument ist, um die Beschäftigung und das Einkommen junger Menschen in ländlichen Gebieten zu erhöhen“, sagte sie und fügte hinzu, dass es 2017 nur 10 zertifizierte agrartouristische Standorte gab, während es heute fast 300 sind.
Albanien erlebt derzeit einen Tourismusboom. Die Besucherzahlen stiegen im Jahr 2022 um 60 Prozent und sollen bis Ende des Jahres die Marke von 10 Millionen überschreiten. Der Agrotourismus spielt dabei eine zentrale Rolle, da das Land versucht, Besucher durch seine Landschaft, die vielfältige Natur und die kulturellen, landwirtschaftlichen und kulinarischen Traditionen anzuziehen, die in vielen ländlichen Gebieten noch erhalten sind.
„Ich kann Ihnen garantieren, dass diese Politik die Auswirkungen der Migration verringert und unserer Jugend einen erfolgreichen Weg gezeigt hat, in Albanien zu investieren und zu arbeiten“, sagte Krifca.
Belohnung in Aussicht
Für einige Landwirte in Albanien scheint die technologieorientierte Politik der EU noch weit entfernt zu sein, aber Krifca sagte, dass der Fortschritt Schritt für Schritt kommt.
„Wir haben eine kleine und zersplitterte Agrarstruktur, die die Anwendung neuer Technologien, die wir in anderen Ländern finden, erschwert. Daher hatte die nationale Regelung zur Unterstützung der Landwirtschaft die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Landwirten zum Ziel, was aufgrund der Erinnerungen an die Geschichte unseres Landes nach wie vor schwer umzusetzen ist.“
Albanien stand fast 50 Jahre lang unter totalitärer kommunistischer Herrschaft, in der die Landwirte nach dem Genossenschaftsmodell arbeiteten, welches letztlich scheiterte und große Teile der Bevölkerung in den Hunger trieb.
Auf nationaler Ebene hat sich das Ministerium für Regelungen eingesetzt, bei denen die Landwirte getrennt anbauen, aber gemeinsam verkaufen, um das Konzept der Zusammenarbeit behutsam wieder einzuführen.
Viele Landwirte zögern jedoch, sich beim Staat registrieren zu lassen. Die Regierung hat daher den Zugang zu Finanzmitteln als Gegenleistung für die Registrierung angeboten. Nach aktuellem Stand sind mehr als 90.000 Landwirte mit einer Umsatzsteuer-Identifikationsnummer registriert, was einem Anstieg von 14 Prozent gegenüber dem letzten Jahr entspricht.
Zu den zur Verfügung stehenden Mitteln gehört das Nationale Stützungsprogramm, mit dem allein im Jahr 2022 die Ausgaben der Landwirte subventioniert und die Anbaukosten für 39.000 Hektar Weizen, 22.000 Hektar Mais und 23.000 Hektar Futtermittel gesenkt wurden.
Darüber hinaus wurde die Wiederbelebung des Viehsektors mit 850.000 Stück Vieh unterstützt und 308.000 Bienenstöcke und etwa 1000 Hektar Gewächshäuser gefördert.
Für das Programm 2023 sind bisher mehr als 68.000 Anträge eingegangen, während im Jahr 2022 48.7000 Landwirte von reduzierten Kraftstoffpreisen, Futtermitteln und Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Viehhaltung sowie von niedrigeren Kosten für die Bio-Zertifizierung profitierten.
Diese Anträge können online gestellt werden, was die Landwirte ermutigte, die Digitalisierung zu nutzen.
„Der Prozess der Formalisierung der Landwirte geht also in die richtige Richtung und zeigt, dass die Landwirtschaft ein weiterer Bereich ist, der unbedingt auf die Digitalisierung und die Weitergabe von Wissen angewiesen ist“, sagte Krifca.
Albanische Landwirte können jetzt eine vom Ministerium eingeführte App nutzen, die Echtzeitinformationen über Märkte, Lebensmittelanalysen, aktive Förderprogramme, Finanzierung, tierärztliche Versorgung, geltende Rechtsvorschriften und sogar Pachtflächen liefert. In vier Monaten wurden mehr als 2,1 Millionen Zugriffe auf die App registriert, so Krifca.
Was Albanien besonders macht
Albanien strebt außerdem mehrere Qualitätsregelungen an, die den EU-Vorschriften entsprechen: geschützte geografische Angaben, geschützte Ursprungsbezeichnungen und geschützte traditionelle Spezialitäten – Kennzeichnungen, die sich auf die Qualität, die geografische Umgebung, die Tradition und die Herkunft bestimmter Produkte beziehen.
Die Ministerin erklärte, dass vier Produkte in den nationalen Systemen registriert sind und der nächste Schritt ihre Registrierung in der EU ist. Dazu gehören der Käse Mishavina e Bjeshkeve te Kelmendit aus Kelmend, der Honig von Bedunica aus Permet, gekochter Käse aus Malesia e Madhe und Ziegenkäse aus Diber.
„Wir haben eine Liste von 40 weiteren ausgezeichneten Produkten, die derzeit untersucht werden und bald als geschützt registriert werden“, fügte Krifca hinzu.
Zum Thema Handel mit der EU und der möglichen Abschaffung von Zöllen und Kontingenten für bestimmte Agrarerzeugnisse sagte Krifca, dass Albanien für die meisten Produkte, die in die EU exportiert werden, präferenzielle Beziehungen unterhält, während für einige wenige Produkte Kontingente gelten und für andere der Handel durch zollfreien Zugang liberalisiert ist.
Der Minister erklärte, die EU sei nach wie vor der wichtigste Markt für albanische Exporte, mit einem Volumen von über 200 Millionen Dollar im Jahr 2022 und einer weiteren Steigerung in diesem Jahr. Das Land ist bestrebt, „nicht nur mehr, sondern auch qualitativ bessere und sicherere Produkte zu produzieren, die den Bedingungen dieser Märkte entsprechen“, fügte sie hinzu.
Außerdem gibt es die Initiative Offener Bakan, welche zwischen Albanien, Nordmazedonien und Serbien zur Erleichterung des freien Handels und Verkehrs beiträgt. Krifca erklärte hierzu: „Sie diente als Übergangsphase für die Öffnung und Stärkung der Volkswirtschaften bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Berliner Prozess als Dachinitiative für die Region in Kraft tritt.“
Der Berliner Prozess zielt darauf ab, die multilateralen Beziehungen zwischen den sechs EU-Beitrittskandidaten auf dem westlichen Balkan und ausgewählten EU-Mitgliedstaaten neu zu beleben und die regionale Zusammenarbeit in diesen Ländern in den Bereichen Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung zu verbessern.
Im Rahmen der Initiative Offener Balkan stiegen die Exporte nach Serbien im Jahr 2022 um 13,6 Prozent, während die Importe um 20 Prozent zurückgingen; ähnliche Erfolge gab es in Nordmazedonien, wo bürokratische Hindernisse abgebaut wurden.
„Durch diese Abkommen konnten wir das Frachtvolumen mit den beiden anderen Ländern bis 2022 um 94 Prozent steigern.“
Werte gehen vor EU-Gelder
Krifca beschrieb die Bemühungen um eine Angleichung an die EU-Gesetzgebung als einen „komplexen Prozess“, der die Integration der EU-Gesetzgebung in das albanische Recht, aber vor allem die Reform der Institutionen umfasst.
„Im Falle der Landwirtschaft werden dem Beitrittsprozess Anstrengungen des Agrarsektors zur Angleichung an die EU-Standards vorausgehen, und dieser Weg […] ist noch wichtiger als die Mittel, die die albanische Landwirtschaft zum Zeitpunkt des Beitritts erhalten wird.“
[Alice Taylor | Exit.al, bearbeitet von Zoran Radosavljevic/Kjeld Neubert]