"Unsere größte Sorge ist der Klimawandel"

Alexandre Ricard ist der CEO von Pernod Ricard, dem zweitgrößten Destillateur der Welt, gemessen am Umsatz. In einem Exklusivinterview mit EURACTIV sprach er über die wichtigsten Themen und Herausforderungen, mit denen die Europäische Union heute konfrontiert ist.

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Alexandre Ricard - CEO der Pernod-Ricard Gruppe - auf der Terrasse des neuen Pariser Hauptsitzes - 2. September 2021 - Paris. [Copyright:Eric Garault]

Alexandre Ricard ist der CEO von Pernod Ricard, dem zweitgrößten Destillateur der Welt, gemessen am Umsatz. In einem Exklusivinterview mit EURACTIV sprach er über die wichtigsten Themen und Herausforderungen, mit denen die Europäische Union heute konfrontiert ist – von Störungen in der Lieferkette über die Digitalisierung bis hin zur Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen.

Die globalen Lieferketten haben mehrere Krisen durchlebt, von der Pandemie bis zum Krieg in der Ukraine. In jüngster Zeit haben wir die Auswirkungen auf den Agrarsektor gesehen. Was könnte im Rahmen der europäischen strategischen Autonomie getan werden, um diese Herausforderungen zu bewältigen?

Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Wir verwenden bis zu 100 verschiedene Zutaten für unsere Produkte, zum Beispiel Getreide, Trauben, Äpfel, Mandeln, Zuckerkartoffeln und so weiter. Unsere Partner:innen und Landwirt:innen decken wahrscheinlich jeden einzelnen Breiten- und Längengrad der Erde ab, da unser Geschäft gebietsbezogen ist, was bedeutet, dass der Rohstoff von einem bestimmten Ort kommen muss. Wenn Sie zum Beispiel Cognac herstellen wollen, verwenden Sie französische Cognac-Trauben, Sie kaufen Ihre Trauben nicht in Arkansas.

Ich glaube nicht, dass es in den nächsten Jahren Probleme bezüglich der Verknappung von Rohstoffen geben wird. Wir haben uns erkundigt und nachgeforscht. Kurzfristig wird es natürlich Probleme mit einigen Getreidesorten geben, insbesondere wegen des Krieges in der Ukraine. Aber die Welt passt sich an, sodass die Landwirt:innen anderswo mehr Getreide anbauen werden.

Nein, unsere größte Sorge gilt dem Klimawandel und seinen direkten Auswirkungen auf die Ernten, nicht so sehr den Fragen der Lieferketten. Die Daten, die wir dazu gesammelt haben, sind eindeutig: Die Ernten werden aufgrund des Klimawandels immer früher im Jahr eingebracht, was zu großen Problemen in Bezug auf Stabilität und Produktion führt. Aber wir passen uns daran an.

Was die Versorgungskette betrifft, so dreht sich derzeit alles um Energie, und zwar wahrscheinlich mehr um die inflationsbedingten Kosten als um die Versorgung selbst. Natürlich ist dies ein kurzfristiges Problem, aber letztendlich wird es aufgrund der ökologischen Umstellung zu einem langfristigen Thema werden.

Die Störungen der Lieferkette, mit denen wir heute konfrontiert sind, wurden während der Corona-Krise besonders deutlich. Glauben Sie, dass die Pandemie zu kulturellen und strukturellen Veränderungen in Ihrem Unternehmen geführt hat?

Grundsätzlich glaube ich, dass die Pandemie als Beschleuniger für grundlegende Makrotrends gewirkt hat, die meiner Meinung nach schon vor etwas mehr als 20 Jahren begonnen haben.

Die Pandemie beschleunigte die allgemeine Unsicherheit und Volatilität in der Welt. Die unmittelbare Folge für die Unternehmen – ich kann nicht für die Regierungen sprechen – ist die Notwendigkeit der Agilität. Wir müssen extrem flexibel und beweglich sein in einer Welt, in der niemand weiß, was in 12 Monaten passieren wird.

Sie hat auch einige andere Dinge verändert, beispielsweise die Arbeitsweise im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung der Digitalisierung. Ich denke, wir können heute effizienter und flexibler arbeiten.

Sie haben die Digitalisierung angesprochen. Was bedeutet das für Sie ganz konkret? Und wie wirkt sie sich auf die Unternehmen aus?

In unserem Fall bedeutet es vor allem, dass wir die Bedeutung von Daten anerkennen. Daten können auch zu einem Modewort werden, aber heute gibt es keinen Zweifel mehr an ihrer Bedeutung.

In der Praxis sammeln wir als erstes Daten, die wir klassifizieren. Was macht man dann mit den Daten? Wie sieht das konkret aus? Nun, wir entwickeln Algorithmen, die wir mit diesen Daten anreichern und daraus Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen ableiten.

Das nennen wir künstliche Intelligenz oder maschinelles Lernen. Sie reichern Ihr Tool kontinuierlich mit Eingabedaten an, und dann erhalten Sie Vorhersagen. Und wenn Sie Ihren Output maximieren wollen, gibt es Ihnen Empfehlungen.

Heißt das, dass diese Tools, diese Maschinen, diese Algorithmen am Ende des Tages den Menschen ersetzen werden?

Nein, absolut nicht. Was es bedeutet, ist, dass sie das Leben dieser Menschen verändern werden, weil diese Menschen Entscheidungen auf der Grundlage zusätzlicher Erkenntnisse treffen werden. Es wird nicht nur Intuition oder empirische Evidenz sein. Sie werden sich diese Instrumente zunutze machen. Aber letzten Endes wird die Entscheidung immer noch von einem Menschen getroffen. Die Maschinen wissen nicht alles, und sie werden auch nie alles wissen.

Wenn Ihr Modell bessere Vorhersagen trifft und Ihre prädiktiven Analysen viel effizienter sind, wird dies das Leben der Menschen in der gesamten Lieferkette erheblich verändern.

Und sind Sie der Meinung, dass die europäischen Initiativen der letzten Jahre diesen digitalen Wandel begünstigt haben?

Auf jeden Fall! Ich gebe Ihnen ein Beispiel, um auf das wichtigste Element des digitalen Wandels zurückzukommen, nämlich die Daten, ihre Nutzung und ihren Schutz. In dieser Hinsicht ist die DSGVO ein hervorragendes Beispiel.

Sie bietet einen Rahmen, der sowohl uns als auch unseren Verbraucher:innen Vertrauen gibt. Wenn sie Daten weitergeben wollen, wissen sie, dass es einen Rahmen gibt, der die Anonymität ihrer Daten schützt. Dies ist ein sehr praktisches Anwendungsbeispiel.

Was würden Sie sagen, ist die größte Herausforderung in diesem Bereich?

Die Cybersicherheit. Die Cybersicherheit steht heute auf der Risikokarte eines jeden Unternehmens in jedem Sektor.

Denn wenn sich morgen jemand in unsere Datenbank hackt, zwingt der rechtliche Rahmen das Unternehmen dazu, eine Sicherheitsverletzung zu melden, und diese Informationen werden veröffentlicht, was mit Reputationsrisiken verbunden ist. Es besteht also die Notwendigkeit, in die Cybersicherheit zu investieren.

Haben Sie das Gefühl, dass es in diesem Bereich der Digitalisierung noch Fortschritte geben wird, auf die Sie sich freuen?

Auf jeden Fall, ja! Es gibt unzählige Meilensteine, aber ich beginne mit dem komplexesten, der meiner Meinung nach eine Veränderung der Kultur und der Denkweise der Unternehmen in diesem Bereich ist.

Ein konkreterer Fortschritt wäre eine weltweit vereinbarte Taxonomie der Daten, um sicherzustellen, dass sie auf der ganzen Welt harmonisiert sind. Ein Datenstück in Frankreich sollte genauso benannt und klassifiziert werden wie in Japan und China oder in den USA, weil man sonst nicht in großem Umfang mit den Daten arbeiten kann, und wir wollen ja alles skalieren.

Und schließlich geht es um die Verwaltung der Daten, die über die Cybersicherheit hinausgeht. Es geht darum zu entscheiden, wie wir mit den Daten zwischen den Marken, zwischen den Märkten als Organisation arbeiten. Wie sieht es mit der Verantwortlichkeit aus, um sicherzustellen, dass alles funktioniert?

Um noch einmal auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzukommen: Eine der Folgen ist die enorme Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen. Haben Sie eine Vorstellung davon, was getan werden sollte, um mehr europäische Arbeitsplätze zu schaffen?

Ich habe festgestellt, dass es in Europa ein Missverhältnis zwischen Arbeitsangeboten, Ausbildung, Fachwissen und Bildung gibt. Nehmen wir nur den Fall Frankreichs: Ich spreche hier von Hunderttausenden von Stellenangeboten in verschiedenen Sektoren.

Ein offensichtliches Beispiel ist die digitale Transformation. Wir haben in den letzten 12 Monaten 150 Datenexpert:innenen aller Art eingestellt, aber wenn wir könnten, hätten wir diese Zahl wahrscheinlich verdoppelt.

Es gibt also viele Dinge, die auf europäischer und nationaler Ebene getan werden können, vor allem im Bereich der Ausbildung, insbesondere wenn es darum geht, die Flexibilität zu fördern – auch auf Unternehmensebene.

Was das Thema Arbeit angeht: Brauchen wir eine Reindustrialisierung des Kontinents? 

Fairerweise muss man sagen, dass die Pandemie und der anschließende Krieg in der Ukraine uns die Augen über die Souveränität in strategischen Sektoren geöffnet haben. Will man von Chips und Halbleitern abhängig sein? Will man im Bereich der Verteidigung abhängig sein?

In einigen Sektoren ist Souveränität also durchaus von Bedeutung. Bedeutet das aber das Ende der Globalisierung? Ganz und gar nicht! Man muss strategische, grundlegende, souveräne Sektoren identifizieren, bei denen man weiß, dass sie notwendig sind. Sie stehen nicht im Widerspruch zueinander, und wir brauchen Souveränität und strategische Bereiche, in denen man schnell und effizient auf eine unbeständige Welt reagieren kann.

Es sollte also in Zukunft mehr europäische Industriechampions geben, um wettbewerbsfähiger zu sein.

Ich denke, das ist jetzt auf dem Weg. Und es begann mit der Pandemie.

Gibt es etwas, was Sie in dieser Hinsicht auf europäischer Ebene erwarten würden? 

Um fair zu sein, denke ich, dass sie gerade in diesem Bereich tätig sind. Natürlich ist es nicht einfach, und schon gar nicht, wenn man die Zustimmung von 27 Staaten braucht. Ich bin kein großer Fan der Einstimmigkeit, denn in der heutigen Welt ist Einstimmigkeit fast unmöglich. Ich bin eher ein Befürworter einer großen Mehrheit zu einem bestimmten Thema.

Eine Sache, die sie weiterhin unterstützen sollten, auch wenn sie sich seit der Pandemie etwas verlangsamt hat, ist der freie Handel. Ich halte Freihandel für etwas Positives. Und noch einmal: Nur weil man strategische Sektoren identifiziert, in denen man Souveränität anstrebt, heißt das nicht, dass man nicht auch den Freihandel unterstützen kann – beides geht Hand in Hand. Ich denke, das ist im Interesse aller.