21. August 1968 – die Eskalation des "Kalten Krieges"

Vor 50 Jahren bestand Sorge, dass sowjetische Truppen Österreich noch einmal bis zur so genannten Demarkationslinie besetzen. Moskau beließ es bei Drohgebärden. EURACTIV sprach mit Vaclav Klaus und Pavol Dubcek.

Euractiv.de
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Herbert Vytiska (l) von EURACTIV mit Pavol Dubcek. [Verein zur Dokumentation der Zeitgeschichte]

Vor 50 Jahren bestand die Sorge, dass sowjetische Truppen Österreich noch einmal bis zur so genannten Demarkationslinie besetzen. Moskau beließ es bei Drohgebärden.

Das Ost-West-Verhältnis stand im Zeichen des „Kalten Kriegs“, als dem „Prager Frühling“ am 21. August 1968 kurz nach Mitternacht dem ein jähes Ende bereitet wurde. Nach dem Bau Berliner Mauer-Bau 1961 und der Kuba-Krise 1962 bestand wieder einmal die Gefahr eines Konflikts zwischen den Supermächten. Die Situation war dramatisch.

Mehr als 30 Divisionen von Truppenverbänden des Warschauer Paktes besetzten innerhalb weniger Stunden die Tschechoslowakei. Für den späteren Verteidigungsminister Werner Fasslabend eine Truppenstärke, die weit über das hinausging, was tatsächlich notwendig gewesen wäre, um die Situation in den Griff zu bekommen. Bereits im Vorfeld hatte es zwischen Wien und den westlichen Staatsvertragsmächten Kontakte gegeben. Dabei war aber auch klar geworden, dass es im Falle des Falles, dass also sowjetische Truppen auch österreichisches Gebiet besetzen würden, wohl nicht mehr als verbale Proteste und schriftliche Resolutionen gegeben hätte.

Demarkationslinie als mögliches Ziel

Das österreichische Bundesheer war zwar einsatzbereit, wurde aber auf eine Linie 30 Kilometer vor der tschechischen Grenze zurückgezogen, um Moskau nicht zu provozieren. Das drückt sich in den Worten des damaligen Außenministers Kurt Waldheim vor dem Sonderministerrat aus. Er trat dezidiert dafür ein, keine Truppenbewegungen des Bundesheeres in Grenznähe durchzuführen, „denn das würde von Moskau als zu drastisch gesehen werden. Wir müssen immer bedenken, dass optisch gesehen kein falsches Bild entstehen möge.“

Im Ernstfall hätte das Bundesheer wohl Widerstand geleistet, meint Fasslabend rückblickend. Dieser hätte die feindlichen Truppen zwar in ihrem Vordringen behindert aber letztlich nicht auf ihrem Weg bis zur „Demarkationslinie“ aufgehalten – also jener innerösterreichischen Grenze, die sich von Ober- über Niederösterreich bis zur Steiermark hinzog und die Einflussgebiete der vier Besatzungsmächte bestimmte. Theoretisches Ziel wäre es gewesen, bis zur Grenze nach Jugoslawien vorzudringen und dem abtrünnigen KP-Land zu demonstrieren, wer Herr im Hause des kommunistischen Ostblocks ist. Man beließ es schließlich bei Drohgebärden.

Mit der im November 1968 abgeschlossenen Breschnew-Doktrin machte Moskau dann seinen Hegemonieanspruch gegenüber den Satellitenstaaten deutlich. Auch dem Westen machte man klar, wo die Grenzen des sowjetischen Herrschaftsanspruchs verlaufen.

„Wir hatten Angst um sein Leben“

Alexander Dubcek, Generalsekretär der KPC und politische Leitfigur des Prager Frühlings, eilt noch in der Nacht, als die Meldungen vom Einmarsch bekannt werden, ins Büro. Er kehrt an diesem Tag nicht mehr heim, wie sein Sohn Pavol Dubcek (72), der noch immer als Arzt und Chirurg tätig  ist, im Gespräch mit EURACTIV schildert: „Mein Vater wurde von seinem Schreibtisch weg verhaftet. Wir hatten mehrere Tage keine Ahnung, wo er ist und ob er jemals zurückkommen wird. Wir hatten Angst um sein Leben und befürchteten das Schlimmste“. Dubcek kommt nach Hause. Er erzählt seiner Familie aber nur wenig von dem, was in Moskau geschehen ist. Er durfte und wollte sie mit dem, was er erlebt hat, nicht belasten. Die Familie hat auch so genug zu leiden.

„Die ganze Familie stand unter Beobachtung durch die Staatssicherheit. Ich durfte zwar mein Medizinstudium beenden, zuerst jedoch gar nicht als Arzt arbeiten und später nur außerhalb von Bratislava. So habe ich einige Zeit als Nachtwächter gearbeitet“, sagt Dubceks Sohn. Schließlich wird Dubcek als Botschafter in die Türkei versetzt, kehrt aber nach einem Jahr wieder zurück in die Heimat. Offensichtlich hatte man in Prag und Moskau darauf gesetzt, er würde sich von Ankara aus in den Westen absetzen und könnte so als Verräter abgestempelt werden.

Bis zuletzt – er kommt 1992 bei einem Autounfall ums Leben – ist er überzeugt, dass die Prager Reformbewegung ohne das gewaltsame Eingreifen der Sowjetunion erfolgreich gewesen wäre. Ihre Ziele würden jenen der Reformpolitik Michail Gorbatschows ähneln. Ob Dubcek sich auch mit ihm getroffen haben könnte, ist nicht bekannt.

DDR und Polen waren die treibenden Kräfte

Der Sohn des damaligen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei und politischer Kopf der Reformbewegung, erlebte den „Prager Frühling“ als Student. Für ihn war sein Vater kein Politruk, sondern ein Politiker, der „viel Kontakt mit den Bürgern, sich immer wieder unter die einfachen Leute gemischt hatte, um ihre Sorgen und Anliegen zu erfahren, und so über die Notwendigkeit des Wechsels von einer Plan- zu einer Marktwirtschaft Bescheid wusste“. Und er glaubte daran, dass eine Demokratisierung unter dem Dach der KP machbar sei. „Es hatte auch lange den Anschein, dass dies möglich sein sollte“. Nicht zuletzt, weil er in seine Überlegungen auch andere KP-Führer eingebunden, sich „mit vielen Kollegen wie Josip Broz Tito aus Jugoslawien oder János Kádár aus Ungarn und anderen oft informell getroffen hatte. Auch Kreml-Chef Leonid Breschnew war meinem Vater sehr zugetan“.

Geht es nach den Erinnerungen von Pavol Dubcek, waren es vor allem Walter Ulbricht in der DDR und Władysław Gomułka in Polen, die Breschnew drängten, dem „Prager Spuk ein Ende zu bereiten“. 58 Tote und mehr als 500 Verletzte legen Zeugnis vom vergeblichen Widerstand ab.

Sowjetische Okkupation war eine Tragödie

Für Vaclav Klaus (77), von 1992 bis 2013 zunächst Ministerpräsident, dann Vorsitzender des Abgeordnetenhauses und schließlich Staatspräsident der Republik Tschechien, ist der 21. August – wie er im Gespräch mit EURACTIV betont – „nicht vom Himmel gefallen, war die logische Folge der Entwicklungen, die sowjetische Okkupation eine absolute Tragödie, für die ganze Nation, für manche auch persönlich“. Klaus, der sich in den 1960er Jahren während seines Wirtschaftsstudium den reformatorischen Kräften anschloss, musste seine akademische Stelle verlassen und durfte 20 Jahre seinen Beruf nicht ausüben. „Ich konnte nicht ins Ausland fahren, nicht an der Universität lehren und nicht schreiben – oder doch, schreiben konnte ich, aber meine Texte wurden nicht publiziert“.

So paradox es klingen mag, nach dem tschechischen Spitzenpolitiker hat diese Situation auch geholfen. Denn „der Glaube an den Kommunismus verschwand fast in der ganzen Gesellschaft. Im November 1989, als der Eiserne Vorhang fiel, wollte niemand den Kommunismus retten oder verbessern, strebte niemand mehr nach einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Wir wollten auch keinen Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Wir wollten freie Marktwirtschaft, pluralistische parlamentarische Demokratie“.

Das 1968er Jahr – im Westen eine Kulturrevolution

Rückblickend sieht Klaus die Entwicklung in der CCSR in den 1960er Jahren autonom und völlig unabhängig von den Entwicklungen im Westen: „Im Jahre 1968 wollten wir die politische und ökonomische Freiheit“. Das was von Berlin bis Paris geschah, „war die westliche Version der Kulturrevolution. Die Demonstranten wollten das Ende des Kapitalismus, das Ende der freien Marktwirtschaft, das Ende der Autoritätsgläubigkeit und der bürgerlichen Ordnung, das Ende der freiwillig respektierten Traditionen und Gewohnheiten sowie das Ende der bürgerlichen Moral. Das war die Ideologie des Multikulturalismus. Das waren die aggressiven Attacken gegen das Christentum und seine Werte. Das war – als meine Verallgemeinerung aller dieser Tendenzen – die Entstehung der liberalen Ordnung ohne konservativen Grundlagen“.

Mangel am Memento für die nächste Generation

Bemerkenswert für Klaus und Dubcek ist jedenfalls, dass man den Ereignissen des Jahres 1968 in Österreich und Deutschland mehr Beachtung schenkt, als in Tschechien und der Slowakei. Für Tibor Macak, außenpolitischer Redakteur beim Slowakischen Rundfunk und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Journalisten fehlt „allgemein in der Gesellschaft das starke Bewusstsein, dass es um ein sehr wichtige Ereignis in unseren Geschichte geht. Ein großer Teil der heutigen jungen Generation weiß nicht einmal mehr, was im Jahr 1989 passierte. Daher darf man sich nicht wundern, dass sie über 1968 nur wenig bis nichts wissen. Es ist eine echte Herausforderung für die Medien, aber auch für die Persönlichkeiten dieses Landes, diese Lücke zu schließen“.

Macak deutet auch eine spezielle Wunde an: „Wir leben noch in einer postkommunistischen Gesellschaft. Es sind noch viele Leute an wichtigen Posten in der Regierung, im Nationalrat und in der Wirtschaft, die kein Interesse haben auf diese verbrecherischen Angriffe zu erinnern und damit als Memento für nächste Generation zu erhalten“.