Arbeitskräftemangel in ganz Europa spürbar
Zusätzlich zu den steigenden Betriebskosten sehen sich die europäischen Unternehmen mit einer weiteren Sorge konfrontiert: dem Fachkräftemangel, der sich mehr denn je bemerkbar macht.
Zusätzlich zu den steigenden Betriebskosten sehen sich die europäischen Unternehmen mit einer weiteren Sorge konfrontiert: dem Fachkräftemangel, der sich mehr denn je bemerkbar macht.
Unternehmen auf dem ganzen Kontinent beklagen ihre zunehmende Unfähigkeit, auf einem historisch knappen Arbeitsmarkt Personal zu finden. Einige reagieren darauf, indem sie bessere Arbeitsbedingungen anbieten, während die Mitgliedstaaten eine Lockerung der Visabestimmungen für Arbeitnehmer:innen aus Drittländern in Betracht ziehen.
„In ganz Europa fehlen qualifizierte Arbeitskräfte“, sagte Gerhard Huemer, wirtschaftspolitischer Direktor bei SMEUnited, gegenüber EURACTIV.
Rund 193 Millionen Europäer:innen gingen im ersten Quartal 2022 einer bezahlten Arbeit nach, während etwa 74,5 Prozent der 20- bis 64-Jährigen in irgendeiner Form einer formellen Beschäftigung nachgingen – die höchste Beschäftigungsquote seit Beginn der Veröffentlichung von Eurostat im Jahr 2009. Und die jüngsten Daten deuten darauf hin, dass die Zahl im zweiten Quartal 2022 weiter gestiegen ist.
Gleichzeitig sind mehr als 3 Prozent aller verfügbaren Arbeitsplätze unbesetzt – mehr als je zuvor seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen dieser Daten im Jahr 2006 – was bedeutet, dass in der gesamten EU rund sechs Millionen Arbeitsplätze unbesetzt sind. Dementsprechend sank die Arbeitslosenquote in der EU im Juli auf 6,0 Prozent – ein weiterer Rekordwert mindestens seit 2001, als Eurostat begann, diese Daten zu erheben.
Arbeitskräftemangel wohin man schaut
In Frankreich ist etwa die Hälfte der Unternehmen, die der größte französische Arbeitgeberverband CPME kürzlich befragt hat, auf der Suche nach neuen Mitarbeiter:innen. Von diesen erklärten 94 Prozent, dass sie Schwierigkeiten haben, geeignete Kandidat:innen zu finden – oder überhaupt Bewerber:innen.
Auf der anderen Seite des Rheins sieht das Bild ganz ähnlich aus. Bei einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts im Auftrag der Stiftung für Familienunternehmen gaben 87 Prozent der deutschen Familienunternehmen an, dass sie die Auswirkungen des Arbeitskräftemangels zu spüren bekommen.
Steigen Sie auf ein wahrscheinlich unterbesetztes Donau-Kreuzfahrtschiff und fahren Sie nach Wien, und Sie werden dasselbe hören.
„Mit mehr als 250.000 offenen Stellen haben wir ein Allzeithoch und überall werden dringend Mitarbeiter:innen gesucht“, so Julia Moreno-Hasenöhrl, stellvertretende Leiterin der Abteilung für Sozial- und Gesundheitspolitik in der Wirtschaftskammer Österreich.
In Richtung Norden, bis hin nach Finnland, stehen die Unternehmen vor dem gleichen Problem.
„Alle Sektoren leiden unter großen Problemen bei der Rekrutierung und dem Mangel an Arbeitskräften. Besonders schwierig ist die Situation im Gesundheits- und Sozialwesen, aber auch im Lebensmittel- und Beherbergungssektor“, so Heikki Räisänen, Forschungsdirektor im Ministerium für Wirtschaft und Beschäftigung.
Selbst in Spanien, wo die Arbeitslosenquote mit 12,6 Prozent immer noch relativ hoch ist, haben die Unternehmen Schwierigkeiten, Arbeitskräfte zu finden, insbesondere in der Gastronomie, im Tourismus und im Baugewerbe.
Innereuropäische Migration
Einer der Gründe für den Arbeitskräftemangel in den reicheren EU-Ländern könnte auf die Unterbrechungen zurückzuführen sein, die die Pandemie für die innergemeinschaftliche Migration mit sich brachte.
Gerhard Huemer von SMEUnited sagte: „Wir stellen fest, dass viele Osteuropäer:innen während der Pandemie in ihre Heimat zurückgekehrt sind und sich jetzt nicht für eine Rückkehr nach Westeuropa entscheiden.“
Allerdings scheinen die osteuropäischen Rückkehrer:innen in ihren Heimatländern alles andere als untätig zu sein. In Polen zum Beispiel ist die Arbeitslosenquote so niedrig wie seit 32 Jahren nicht mehr, dennoch ist mehr als die Hälfte der Unternehmen besorgt über den Mangel an Arbeitskräften.
Am stärksten spüren polnische Unternehmen den Mangel in der Bauwirtschaft. Diese Branche war mit einer ganz anderen Art der Abwanderung von Wanderarbeiter:innen konfrontiert, da nun viele in Polen lebende ukrainische Bauarbeiter:innen ihr Land gegen die russische Invasion verteidigen.
Osteuropäische Länder wie Rumänien, Bulgarien und Albanien haben indessen Schwierigkeiten, ihre Industrien mit Personal zu besetzen, da viele qualifizierte Arbeitskräfte die Länder wegen vielversprechenderer Arbeitsplätze im Ausland verlassen. Eine aktuelle Studie der Europäischen Stiftung für Berufsbildung ergab, dass etwa 40 Prozent der Albaner:innen mit Hochschulbildung ausgewandert sind.
Arbeitnehmer profitieren und haben gleichzeitig zu kämpfen
Für die Arbeitnehmer:innen stellt sich der europäische Arbeitsmarkt als ein bittersüßes Paradoxon dar.
Einerseits war die Lage noch nie so gut wie heute, wenn man die Verzweiflung der Arbeitgeber:innen und die Anzahl unbesetzter Stellen bedenkt. Andererseits führen die stark gestiegenen Preise dazu, dass die meisten Arbeitnehmer:innen derzeit real weniger verdienen als zuvor, und der Winter sieht düster aus.
Eine vom Europäischen Gewerkschaftsbund (EGB) veröffentlichte Analyse hat ergeben, dass die Mindestlöhne in allen EU-Mitgliedstaaten, in denen sie gelten, real gesunken sind. Und das, obwohl einige Mitgliedstaaten sie nominell deutlich erhöht hatten.
„Das bedeutet, dass Menschen, die lange in harten Jobs arbeiten, Mühe haben, sich Essen und Miete zu leisten, ganz zu schweigen von Dingen, die für viele Menschen selbstverständlich sind, wie Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen“, sagte die stellvertretende EGB-Generalsekretärin Esther Lynch in einer Erklärung.
Der angespannte Arbeitsmarkt könnte jedoch dazu führen, dass der Preisanstieg für die Arbeitnehmer:innen erträglicher wird, da er ihnen die Möglichkeit bietet, bessere Bedingungen auszuhandeln.
In der Tat bieten einige Unternehmen bereits bessere Arbeitsbedingungen an. Laut einer Umfrage der Manpower Group planen beispielsweise 64 Prozent der Unternehmen in Slowenien, ihre Gehälter zu erhöhen.
Auch viele österreichische Unternehmen geben mehr Geld für Gehälter und Zusatzleistungen aus, so Moreno-Hasenöhrl von der Wirtschaftskammer Österreich.
Einwanderungsreform
Die Unternehmen erwarten aber auch, dass der Staat ihnen bei der Bewältigung des Arbeitskräftemangels zur Seite steht. Während Unternehmensverbände in einigen Ländern eine Reform der sozialen Sicherungssysteme fordern, um es für die Menschen weniger attraktiv zu machen, sich vom Arbeitsmarkt fernzuhalten, betrachten einige Mitgliedstaaten eine verstärkte Zuwanderung als einen Teil der Lösung.
„Wir müssen die Erwerbsbevölkerung deutlich erhöhen, denn sie ist ein äußerst wichtiger Aktivposten für die Entwicklung des Landes“, sagte Portugals Wirtschaftsminister António Costa Silva im August vor Journalist¨:innen.
Angesichts des Bedarfs an zusätzlichen Arbeitskräften hat die portugiesische Regierung die Visabestimmungen für portugiesischsprachige ehemalige Kolonien wie Brasilien, Angola und Mosambik gelockert.
Im Juli verabschiedete die spanische Regierung ein Gesetz, das die Einstellung von Arbeitnehmer:innen aus Nicht-EU-Ländern erleichtern soll.
Slowenien wird in diesem Jahr eine Rekordzahl von Arbeitsgenehmigungen ausstellen. In Deutschland wird erwartet, dass die Regierung gegen Ende des Jahres ein neues Einwanderungsgesetz vorschlagen wird, und in Österreich werden im Oktober erleichterte Vorschriften für die Erteilung von Visa in Kraft treten.
„Das sollte es einfacher und schneller machen, internationales Talent zu rekrutieren“, sagte Moreno-Hasenöhrl von der österreichischen Wirtschaftskammer.
Europa benötigt jedoch nicht nur klassische „hochqualifizierte Arbeitskräfte.“ Einige der Sektoren, die am stärksten vom Arbeitskräftemangel betroffen sind, sind der Bausektor sowie der Tourismus und die Gastronomie.
Cristina Faciaben, Sekretärin für Migration bei der größten spanischen Gewerkschaft Comisiones Obreras, wies kürzlich in einem Interview mit El País darauf hin, dass „wir darauf achten müssen, nicht zu diskriminieren und im Interesse der Wirtschaft nur die am bestqualifizierten Einwanderer zu regularisieren.“
*Laura Kabelka, Theo Bourgery-Gonse, Shrikesh Laxmidas, Bartosz Sieniawski, Fernando Heller, Spiros Sideris, Niko Kurmayer, Pekka Vänttinen, Aneta Zachova, Bogdan Neagu, Krasen Nikolov, haben zur Berichterstattung beigetragen.