Attacken durch Bären: Französische Schafzüchter fordern Reaktion der EU

Angesichts einer zunehmenden Zahl von Bärenangriffen in Europa fordert der französische Verband der Schafzüchter von der EU, die Bärenpopulation neu zu bewerten und deren Schutzstatus zu ändern.

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„Anders als der Wolf, der nur selten Menschen angreift, ist der Braunbär für die meisten tödlichen Angriffe in Europa verantwortlich. Früher oder später wird es auch in Frankreich zu einem Unfall kommen", warnte Watts. [Alex Alferez / Shutterstock]

Angesichts einer zunehmenden Zahl von Bärenangriffen in Europa fordert der französische Verband der Schafzüchter von der EU, die Bärenpopulation neu zu bewerten und deren Schutzstatus zu ändern.

In der Pyrenäenregion Ariège, wo sich 90 Prozent der französischen Bären aufhalten, wurden zuletzt immer mehr Bärenattacken auf Nutztiere verzeichnet.

„Nach zwei Jahren relativer Stabilität haben wir dieses Jahr 20 Prozent mehr Verluste als letztes Jahr“, erklärte Franck Watts, ein Züchter und Mitglied von Frankreichs nationalem Schafzüchterverband (FNO), gegenüber EURACTIV.

Waren im Juli 2022 noch 700 Schafe angegriffen worden, waren es in diesem Jahr bereits 1.200. Im Durchschnitt werden jährlich etwa 1.000 Entschädigungsanträge bei der französischen Behörde für Biodiversität (OFB) eingereicht.

Der Bär war Ende des 20. Jahrhunderts in Frankreich fast ausgestorben, doch seit der Wiedereinführung von zehn Tierarten zwischen 1996 und 2018 in den Pyrenäen gibt es einen deutlichen Aufwärtstrend. Heute leben mindestens 76 Bären in der französisch-spanischen Gebirgskette.

„Die zunehmende Zahl der Bären geht einher mit dem Erlernen passiver Schutzmaßnahmen [Feuer, Licht, Hunde], und sie gewöhnen sich an die Anwesenheit von Hirten. Wir sind nicht mehr in der Lage, unsere Herden zu schützen“, betonte der Schäfer, der von Europa und der französischen Regierung konkrete Lösungen fordert.

Im Jahr 2021 gab es rund 17.000 Bären in Europa (ohne Russland), von Skandinavien bis zu den italienischen Abruzzen, mit sehr hohen Konzentrationen in den Karpaten, also in der Slowakei und Rumänien.

Abschreckungsmaßnahmen

Gegenüber Bären, ist die wirksamste kurzfristige Lösung für Landwirte nach wie vor der nicht-totale Schreckschuss mit Platzpatronen. Die EU Richtlinie zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt erlaubt solche Maßnahmen nur in Ausnahmefällen, wenn eine Bedrohung für den Herdenbestand vorliegt und sich andere Schutzsysteme als unwirksam erwiesen haben.

Watts ist jedoch der Meinung, die EU-Richtlinie sei immer noch zu „zaghaft.“

„Die Ausnahmeregelungen machen die Dinge sehr kompliziert. Nur überbevölkerte Sommerweiden kommen in den Genuss von Vergrämungsmaßnahmen, während jeder Anspruch darauf haben sollte. Wir müssen diese Vogelscheuchen verallgemeinern“, sagte er.

Für einfache Abschreckungsmaßnahmen mit Fackeln, Glocken oder Trillerpfeifen muss es einen Angriff innerhalb eines Jahres oder vier Angriffe innerhalb der letzten vier Jahre geben.

Wenn das Problem weiter besteht, dürfen Bären geschossen werden, allerdings nur von Mitarbeitern der französischen Agentur für biologische Vielfalt (OFB). Die Ausnahmeregelungen der Verwaltungsbezirke sind acht Monate lang gültig.

Widerstand kommt von Artenschützern

Diejenigen, die sich für den Schutz der großen Raubtiere einsetzen, sind jedoch der Meinung, dass diese Praktiken vor allem den Weibchen und den Jungen schaden könnten.

Artenschutzverbände reichen seit mehreren Jahren systematisch Eilverfahren gegen die Verordnungen der Präfektur und des Ministeriums ein, die die Abschreckungsmaßnahmen genehmigen.

Sie sind der Ansicht, dass diese Anordnungen nicht mit der EU-Richtlinie vereinbar sind, der zufolge sich Ausnahmeregelungen nicht „nachteilig auf den Erhalt der Populationen“ auswirken dürfen.

In der nationalen Roten Liste der bedrohten Arten der Internationalen Union für die Erhaltung der Natur (IUCN) wird der Braunbär weltweit als „stark gefährdet“ eingestuft. Für Frankreich ist der Erhaltungszustand der Bärenpopulationen laut dem 10-Jahres-Aktionsplan der Regierung für Braunbären (2018-2028) weiterhin „ungünstig und unzureichend“.

„Dieser Rechtsstreit übersteigt ein wenig unsere Möglichkeiten“, so Watts.

„Wir stellen fest, dass passive Schutzmaßnahmen wie nächtliche Zusammenrottungen und die Anwesenheit eines Hirten nicht wirksam sind. Die Landwirte sind auf sich allein gestellt und sehen sich mit Angriffen konfrontiert, die in der Ariège fast täglich vorkommen.“

Die Verbände weisen dieses Argument jedoch zurück und verweisen auf eine aktuelle Stellungnahme des französischen Nationalen Rates für Naturschutz, wonach Abschreckungsmaßnahmen auf Dauer nur „begrenzt wirksam“ seien, während der Dreiklang aus Herdenschutzhunden, Schäferhunden und elektrifizierten Nachtparks sich als effektiver erweise.

„Früher oder später wird es auch zu einem Unfall kommen“

Für die Züchter der FNO zielt die Vergrämung darauf ab, „dem Bären Angst einzujagen“, zumal die öffentliche Sicherheit auf dem Spiel stehe.

„Anders als der Wolf, der nur selten Menschen angreift, ist der Braunbär für die meisten tödlichen Angriffe in Europa verantwortlich. Früher oder später wird es auch in Frankreich zu einem Unfall kommen“, warnte Watts.

Obwohl Bären nur in seltenen Fällen Menschen angreifen, nehmen solche Unfälle in Europa zu.

Im Jahr 2021 erlegte ein Jäger in den Ariège-Pyrenäen einen Bären und wäre dabei fast gestorben. Der Vorfall wird derzeit von der Justiz untersucht.

Dieses Jahr starb zudem ein 26-jähriger Wanderer bei einem Bärenangriff in Caldes in Trient, Italien.

Weiter östlich ist die Lage noch deutlich angespannter.

In Rumänien kam es zwischen 2016 und 2021 zu 154 Bärenangriffen, bei denen laut offiziellen Zahlen 158 Menschen verletzt und 14 getötet wurden.

Das Land in den Karpaten, in dem die größte Bärenpopulation Europas (zwischen 6.000 und 8.000) lebt, kündigte im April letzten Jahres an, die Tötung von 426 Bären im Jahr 2023 zu genehmigen, verglichen mit 140 im letzten Jahr.

Greenpeace Rumänien kritisierte den Ansatz als „grausame und unwirksame Strategie“, die im Widerspruch zur EU-Richtlinie stehe, und beschuldigte die Lobby der Jagdindustrie, die die kommerzielle Trophäenjagd wieder einführen wolle.

Missmanagement der Raubtiere?

Aus Sicht von Michèle Boudouin, Präsidentin der FNO, seien die Bemühungen zum Schutz von Großraubtieren in Europa vor allem in Frankreich ein Erfolg gewesen, Politik und Behörden hätten jedoch in der Folge beim Umgang mit den Tieren versagt.

Aus ihrer Sicht lässt sich dieser Misserfolg an den Schäden für landwirtschaftliche Betriebe, aber auch an den wirtschaftlichen Folgen für die EU messen.

Im Rahmen des europäischen LIFE-Programms hat die EU zwischen 1992 und 2019 jährlich 3,6 Millionen Euro ausgegeben, um Länder bei der Erhaltung von Großraubtieren zu unterstützen – und auch die Wiederansiedlung des Bären in Frankreich mitzufinanzieren – und um Hirten beim Schutz ihrer Tiere zu helfen.

Laufende Projekte zur Verbesserung der Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen in vielen Regionen der EU belaufen sich auf 36 Millionen Euro.

Die EU finanziert die Weidewirtschaft auch über den EU-Agrarfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums, der im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU eingerichtet wurde.

Im Jahr 2021 haben die Gebietskörperschaften in den Pyrenäen mehr als 8,2 Millionen Euro bereitgestellt, im Vergleich zu 5,5 Millionen Euro im Jahr 2015. Darüber hinaus werden für 2021 Entschädigungen für Schäden am Viehbestand in Höhe von 414.483 Euro gewährt.

„Diese GAP-Beihilfen, die ursprünglich für die Ausrüstung der Berge und für ein gutes Leben der Hirten gedacht waren, wurden zugunsten des Bären zweckentfremdet. Wir wollen nicht dafür bezahlt werden, die Bären zu füttern“, sagte Watts.

Die Züchterin Michèle Boudouin und die EU-Abgeordneten, die Ende November 2022 im Europäischen Parlament eine Entschließung zu diesem Thema eingebracht haben, sind der Meinung, dass die EU-Kommission die wirtschaftlichen Auswirkungen der wachsenden Zahl von Bären in Europa besser einschätzen müsse.

Zudem fordern sie von der EU-Kommission, Populationstrends zu bewerten und grenzüberschreitende Kartierungen durchzuführen, um ein angemessenes Management der Großraubtiere auf der Grundlage ihres tatsächlichen Erhaltungszustands in Europa vorzuschlagen.

Gemäß Artikel 19 der EU Richtlinie zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt kann der Schutzstatus von Populationen geändert werden, „sobald der gewünschte Erhaltungszustand erreicht ist“.

In der Debatte vor der Abstimmung über die Entschließung äußerte sich die Kommission sehr skeptisch über diese Forderungen und wies darauf hin, dass der Erhaltungszustand von Großraubtieren in den meisten EU-Ländern nicht erreicht worden sei.

[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Zoran Radosavljevic]