Ausstieg aus fossilen Brennstoffen bringt 'enormen' Nutzen für Gesundheit

Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen würde der menschlichen Gesundheit "enorm" zugutekommen, betonten Expert:innen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Donnerstag (3. November) und forderten "ernsthafte Maßnahmen."

/ Euractiv.com
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Insgesamt lassen sich heute fast 25 Prozent der überhöhten Sterblichkeit in Europa auf die gesundheitlichen Auswirkungen der Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückführen. [[SHUTTERSTOCK]]

Der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen würde der menschlichen Gesundheit „enorm“ zugutekommen, betonten Expert:innen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Donnerstag (3. November) und forderten „ernsthafte Maßnahmen.“

Die Expert:innen äußerten sich im Vorfeld des UN-Klimagipfels COP27, der ab nächste Woche (6-18. November) in Scharm El Sheikh stattfindet. Dabei geht es unter anderem um die Reduzierung fossiler Brennstoffe – dem Hauptverursacher nicht nur des Klimawandels, sondern auch vieler vorzeitiger Todesfälle.

„Es gibt viel zu gewinnen, wenn wir den Pariser Vertrag ernsthaft, ehrgeizig und schnell umsetzen und die COP27 erfolgreich ist, aber auch viel zu verlieren, wenn wir das nicht tun“, sagte Maria Neira, Direktorin für Klimawandel und Gesundheit bei der WHO, am Donnerstag (3. November) auf einer Pressekonferenz.

„Die Kosten für die anfangs notwendigen Investitionen sind nichts im Vergleich zu den Vorteilen, die wir in Bezug auf die Gesundheit und die Kosten für das Gesundheitssystem erzielen werden“, betonte sie.

Insgesamt ließen sich heute fast 25 Prozent der vorzeitigen Todesfälle in Europa auf die gesundheitlichen Auswirkungen der Verbrennung fossiler Brennstoffe zurückführen, einschließlich extremer Hitze und Luftverschmutzung durch Verbrennungsmotoren, erklärte Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, am Donnerstag gegenüber Journalist:innen in Berlin.

Diarmid Campbell-Lendrum, Leiter der Abteilung Klimawandel und Gesundheit bei der WHO, betonte, dass es nur sechs Jahre dauern würde, bis sich die Investitionen in den Übergang zu sauberer Energie amortisiert hätten.

„Der häufigste Einwand gegen Klimamaßnahmen war bisher die Vorstellung, dass es uns Geld kostet, dass es zu teuer ist, das globale Klima zu schützen. Das hat nie viel Sinn gemacht“, sagte er. Gas in Europa sei zirka neunmal teurer als erneuerbare Energien, fügte er hinzu.

Ein klimafreundlicher Gesundheitssektor

Die Expert:innen betonten auch, dass der Gesundheitssektor, der für fünf Prozent des weltweiten CO₂-Fußabdrucks verantwortlich ist und jedes Jahr wächst, bei der Umstellung auf umweltfreundliche Technologien nicht außer Acht gelassen werden dürfe.

„Es ist keine riesige Zahl, aber wenn das Gesundheitssystem ein Land wäre, wären wir die Nummer fünf, was den Beitrag zu den Kohlenstoffemissionen angeht“, sagte Neira.

Eine wesentliche Verringerung der Emissionen im Gesundheitssektor würde eine Überarbeitung der Liefer- und Beschaffungskette sowie eine Energiereform für Krankenhäuser erfordern.

Während der Pressekonferenz in Berlin sagte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, er wolle Klimaschutzmaßnahmen in die weitreichende Krankenhausreform einbeziehen, die die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode vorlegen will.

Dazu sollten unter anderem Investitionen in eine bessere Energieeffizienz von Krankenhausgebäuden gehören, die derzeit oft alt und schlecht isoliert seien, fügte er hinzu.

Gesundheit und Klima

In den letzten Jahren haben sich die Beweise für den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der menschlichen Gesundheit mehr und mehr verdichtet. In einer im Oktober im Lancet veröffentlichten Studie wird der Klimawandel als die größte Gesundheitsbedrohung für Europa bewertet.

„Wir haben immer mehr Belege dafür, wie der Klimawandel Dürren und Hitzewellen verursacht, was zu Wasserknappheit führt“ und wiederum „die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt untergräbt“, sagte Rockström.

Der Klimawandel verursacht nicht nur Naturkatastrophen, sondern führt auch zu einer verstärkten Übertragung von Infektionskrankheiten wie Cholera oder Dengue-Fieber, und zwar auch an Orten, an denen diese bisher nicht vorkamen.

Darüber hinaus seien 99 Prozent der Weltbevölkerung einer Außenluft ausgesetzt, die die Luftqualitätsrichtlinien überschreitet, betonte Campbell-Lendrum.

Die WHO schätzt, dass es in den 2030er Jahren mindestens 250.000 zusätzliche Todesfälle durch den Klimawandel geben wird.

„Alles, was wir jetzt in der realen Welt beobachten, deutet darauf hin, dass wir diese Zahl entweder erreichen oder überschreiten werden“, fügte er hinzu.

Politischer Wille

Doch trotz der klaren wissenschaftlichen Grundlage fehle es noch immer an politischer Aufmerksamkeit für den Zusammenhang zwischen Klimawandel und gesundheitlichen Auswirkungen, so Neira von der WHO.

„In den Gesprächen über den Klimawandel ging es bisher vor allem um die Gesundheit des Planeten, die Eisbären, die schwindenden Gletscher und die nächste Generation“, sagte sie, aber die sichtbare Umweltverschmutzung in den Städten und Naturkatastrophen wie die Dürre am Horn von Afrika „hätten die Dringlichkeit für die Regierungen erhöht.“

Während der deutschen G7-Präsidentschaft in diesem Jahr hat Bundesminister Lauterbach den Kampf gegen die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels zu einer der drei Prioritäten der Gesundheitsagenda erklärt.

„Klimapolitik ist immer auch Gesundheitspolitik“, sagte der Sozialdemokrat während der Pressekonferenz. Zudem sei noch deutlich mehr Forschung über den Zusammenhang zwischen Klima und Gesundheit nötig.

Die deutschen Ministerien zeigten eine „wachsende Offenheit“ für das Thema, sagte auch Martin Herrmann, Vorsitzender der Deutschen Allianz für Klima und Gesundheit (KLUG), während der Pressekonferenz.

„Jetzt müssen wir dranbleiben und dafür sorgen, dass jeder, der in Deutschland Verantwortung trägt, dies verstanden hat und auf der Handlungsebene umsetzt“, sagte er.

Neira von der WHO fügte hinzu, wenn die Politik nicht rasch handele, leide als Erstes die Gesundheit.

[Edited by Nathalie Weatherald]