Berlin für norwegisches Erdgas zu Kompromissen in Klimafragen bereit
Deutschlands Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck ist am Mittwoch (16. März) nach Oslo gereist, um die Energiepartnerschaft des Landes mit Norwegen zu festigen. Im Fokus der Gespräche standen fossiles Gas und Wasserstoff.
Deutschlands Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck ist am Mittwoch (16. März) nach Oslo gereist, um die Energiepartnerschaft des Landes mit Norwegen zu festigen. Ziel ist es, die Gasversorgung des Kontinents zu erhöhen, währen Oslo Käufer für den von aus fossilen Brennstoffen erzeugtem „blauen“ Wasserstoff sucht.
Es war kein Zufall, dass Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Habeck, Oslo als erstes Ziel einer Reihe von Reisen zum Thema Gas wählte.
Die strengen Sanktionen des Westens gegen Russland wegen der Invasion in der Ukraine haben Befürchtungen geweckt, dass Moskau als Reaktion darauf den Gashahn zudrehen könnte. Der Fokus auf norwegisches Gas kommt auch als Reaktion auf die unangenehme Realität, dass Stromrechnungen in Europa Putins Krieg in der Ukraine finanzieren.
Die Reise zielt darauf ab, „deutsche Energieimporte auf eine breitere Grundlage zu stellen sowie den zukünftigen Bezug von grünem Wasserstoff und dazugehöriger Ausgangsprodukte sicherzustellen“, heißt es in einer Erklärung von Habecks Wirtschafts- und Klimaministerium.
Das skandinavische Land ist anscheinend dazu bereit. Am Tag von Habecks Besuch kündigte das norwegische Erdöl- und Energieministerium die Genehmigung überarbeiteter Produktionsgenehmigungen für mehrere Felder an, um „eine hohe norwegische Gasproduktion zu ermöglichen“, heißt es in einer Erklärung.
Die „Felder auf dem norwegischen Festlandsockel produzieren mit nahezu maximaler Kapazität“, so Terje Aasland, der norwegische Minister für Erdöl und Energie. „Die Regierung kann dazu beitragen, indem sie die Bemühungen der Unternehmen unterstützt, das derzeitige hohe Produktionsniveau einzuhalten“.
Norwegen deckt zwischen 20 und 25 Prozent des Gasverbrauchs in der EU und Großbritannien. Das aus Norwegen stammende Gas wird über ein umfangreiches Netz von Unterwasserpipelines nach Europa befördert, so das Ministerium weiter.

Fünf norwegische Pipelines erreichen EU-Gebiet. Quelle: Norwegisches Erdöldirektorat
Oslo ist in der Lage, über drei Pipelines, die nach Deutschland führen, fast 60 Mrd. m3 Gas pro Jahr über Norpipe und Europipe I und II in das Land zu leiten. Im Vergleich dazu importierte Deutschland im Jahr 2021 140 Mrd. m3 aus Russland.
Blauer Wasserstoff im Fokus
Da sich Deutschland darum bemüht, seine Energieabhängigkeit von Russland zu verringern, stellt Norwegen offenbar einen willigen Partner dar. Allerdings verfolgt das Land mit seiner Bereitschaft, auf die neue Bundesregierung einzugehen, ein zentrales wirtschaftliches Interesse, das sie bisher nur zögerlich berücksichtigt hat.
Norwegen hat währenddessen ein großes Interesse daran, sogenannten „blauen“ Wasserstoff an Deutschland zu liefern. Dabei handelt es sich um eine Methode der Wasserstofferzeugung, bei der durch die Verwendung von fossilem Gas entstehenden Kohlenstoffemissionen, abgeschieden und gespeichert werden.
Für das Gasexportland ist der Übergang zu blauem Wasserstoff der natürliche nächste Schritt im Verkauf seiner fossilen Rohstoffe.
Der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre warb bei einem Runden Tisch zum Thema Energie am 19. Januar in Berlin für blauen Wasserstoff in Deutschland und für eine engere bilaterale Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern zur Erreichung der Klimaziele.
Der Verkauf von blauem Wasserstoff an den Kontinent würde es Norwegen ermöglichen, seine Gasreserven in einem weitgehend kohlenstoffneutralen europäischen Gasmarkt weiter zu verwerten. Letztes Jahr kündigte der norwegische Energieriese Equinor an, fast 12 Milliarden Euro in Wasserstoff zu investieren, wobei der Schwerpunkt auf blauem Wasserstoff liegen soll.
Das einzige Problem ist, dass Deutschland blauen Wasserstoff bereits weitgehend ausgeschlossen hatte und erklärte, er werde in keines der Förderprogramme des Landes aufgenommen.
Aus Sorge vor einem Lock-in-Effekt bei fossilen Brennstoffen steht die deutsche Regierung gasbasiertem Wasserstoff skeptisch gegenüber und bevorzugt stattdessen die Produktion von „grünem“ Wasserstoff aus erneuerbarem Strom.
„Wir werden langfristig auf grünen Wasserstoff setzen, und wann immer wir Geld auf den Tisch legen, wird es für grünen Wasserstoff sein“, sagte Patrick Graichen, deutscher Staatssekretär und Habecks rechte Hand, während einer Podiumsdiskussion mit dem norwegischen Premierminister am 19. Januar.
Aber weniger als zwei Monate später könnte das Kräfteverhältnis angesichts von Russlands Krieg in der Ukraine ins Wanken geraten sein.
Denn am Mittwochabend kam die Nachricht aus dem Bundesministerium, dass Deutschland mit Norwegen enger bei Wasserstofffragen kooperieren werde.
„Norwegen und Deutschland sind enge Partner bei der Energiewende und beim Klimaschutz. Diese Partnerschaft wollen wir weiter vertiefen“, so Habeck in der Pressemitteilung.
Zusätzlich wollen die beiden Länder prüfen, „welche Rolle blauer Wasserstoff als Übergang auf dem Weg zu grünem Wasserstoff spielen kann“, so das BMWK, womit der Wunsch der norwegischen Gasindustrie erfüllt scheint.
Im gemeinsamen Statement wurde „grüner“ Wasserstoff kein einziges Mal erwähnt, wogegen es heißt, dass die beiden Länder „auch gemeinsam den Einsatz von blauem Wasserstoff für eine Übergangszeit planen“ werden.
Noch im Januar hatte Graichen gesagt, blauer Wasserstoff werde nicht gefördert. Aber in Kriegszeiten bleiben die eigenen Ansprüche oft an der Realität hängen.
[Bearbeitet von Benjamin Fox und Frédéric Simon]