Wie die Bundesregierung mit einer neuen Biomasse-Strategie EU-Standards setzen will

Die deutsche Regierung hat am Dienstag den Rahmen für ihre Biomassestrategie veröffentlicht, um Standards für Strategien in anderen EU-Ländern zu setzen.

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Da die Konkurrenz zwischen der Nutzung von Lebensmitteln und Rohstoffen und ihrer energetischen Verwertung zunimmt, möchte die deutsche Regierung einen EU-weiten Standard festlegen. [[ANDREAS GORA / POOL]]

Die Bundesregierung hat die Eckpunkte ihrer Biomassestrategie veröffentlicht, um den Konflikt zwischen Biomassenutzung und Elektrifizierung zu lösen, die Ernährungssicherheit zu gewährleisten und Standards für Strategien in anderen EU-Ländern zu setzen.

Biomasse, das Arbeitspferd des grünen Wandels in der EU, stellt derzeit fast 60 Prozent aller erneuerbaren Energien in Europa– mehr als Solar- und Windenergie zusammen. Da sich die Konkurrenz zwischen der Nutzung als Nahrungsmittel und Rohstoff und der Energiegewinnung verschärft, hofft die deutsche Regierung, einen EU-weiten Standard zu setzen.

„Biomasse – also z. B. Holz, Energiepflanzen oder organische Abfälle – ist eine sehr gefragte und auch heimische Ressource“, erklärte Robert Habeck, der grüne Minister für Wirtschaft und Klimaschutz, am Donnerstag (6. Oktober).

Neben Habeck traten auch die deutschen Umwelt- und Landwirtschaftsminister, beide ebenfalls von den Grünen, geschlossen auf.

„Die Nationale Biomasse-Strategie ist ein wichtiges Instrument, um nachhaltig erzeugte Biomasse gezielt und systemdienlich nutzbar zu machen und ihre Potenziale zu sichern“, so Landwirtschaftsminister Cem Özdemir.

Für Umweltministerin Steffi Lemke geht es darum, „festzustellen, wie viel nachhaltig gewonnene und produzierte Biomasse zur Verfügung steht“, wobei sie die Notwendigkeit einer „effizienten Kaskadennutzung“ betont.

Unter Berücksichtigung der politischen Prozesse in der EU, ohne jedoch konkret zu werden, soll ihre Strategie richtungsweisend für andere EU-Länder sein.

„Für die EU ist die Strategie auch ein Beispiel dafür, wie europäische Klimaschutz- und Umweltziele am besten gemeinsam erreicht werden können“, sagte Habeck.

Eine „brennende“ Frage

Regeln die Biomasse betreffen sind auf EU-Ebene umstritten, da sie für die Wirtschaft der nordischen Länder eine zentrale Rolle spielt. In Finnland machen forstwirtschaftliche Produkte etwa 20 Prozent der gesamten Exportbilanz aus.

Dies will die deutsche Strategie respektieren, „da Importe von biogenen Energieträgern und Rohstoffen derzeit eine wichtige Rolle spielen und Importanreize auch zu Effekten in den Herkunftsländern führen“, heißt es in dem Eckpunktepapier.

In Ländern wie Finnland und Schweden, die größten Biomassenutzer und -exporteure, wird Biomasse weitgehend in zentralen und effizienten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen verbrannt.

In Deutschland wird die meiste Biomasse in Form von Pellets für Einzelheizungen verwendet, was tendenziell weniger effizient ist.

Im Jahr 2021 wurden aus Biomasse 171,5 Terawattstunden (TWh) Wärme erzeugt, was 37 Prozent der gesamten erneuerbaren Energien in Deutschland entspricht, und 50 TWh Strom, was 11 Prozent entspricht.

Gleichzeitig zielt die Strategie darauf ab, die Befürchtungen zu zerstreuen, dass die energetische Nutzung von Biomasse die Nahrungsmittelproduktion verdrängen und damit die Ernährungssicherheit und die Erschwinglichkeit von Lebensmitteln beeinträchtigen könnte, indem sie den Grundsatz „Food-First“ festschreibt.

In der Praxis sollen immer zuerst die Belange der Ernährungssicherheit berücksichtigt werden, um zu bestimmen, wie viel Land und Biomasse anderweitig nachhaltig genutzt werden kann, heißt es in der Strategie.

Biomasse versus Elektrifizierung

Die Debatte um die Konkurrenz zwischen der Nutzung endlicher Böden und Biomasse für die Nahrungs-, Futtermittel- oder Energieproduktion ist in letzter Zeit im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg und seinen Auswirkungen auf die Agrarmärkte wieder in den Vordergrund getreten.

Angesichts der „weitreichenden Auswirkungen des illegalen russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine auf die weltweite Ernährungssicherheit“ sei ein „verantwortungsvoller und vorausschauender Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen wichtiger denn je“, betonte Özdemir.

In einer Erklärung begrüßte die Umwelt-NGO WWF den Schritt, eine Hierarchie der verschiedenen Biomassenutzungen aufzustellen. „Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die stoffliche Nutzung müssen Vorrang vor der energetischen Nutzung haben“, betonte der Referent für Landwirtschaft und Landnutzung der Organisation, Johann Rathke.

Er merkte jedoch an, dass der Vorstoß „viel zu spät“ komme, um die Probleme im Zusammenhang mit der Nutzung von Holz und Biomasse als Energiequelle bereits in diesem Winter anzugehen.

Für viele Deutsche gilt das Heizen mit Holz und Biomasse als wichtige Alternative zum teuren Gas.

Die Bioenergiebranche zeigte sich dagegen wenig erfreut über die Vorlage. Da Biomasse ein begrenztes Gut ist, wird in der Strategie darauf hingewiesen, dass „immer die langfristig effizienteste Dekarbonisierungsoption gewählt werden sollte.“

Laut der Regierung sind dies „in der Regel die elektrischen oder strombasierten Technologien“. Damit ist die Industrie nicht gerade glücklich.

Der Verband warnt, dass „der stofflichen [Rohstoff-]Nutzung kein Vorrang vor der energetischen Nutzung eingeräumt werden sollte“.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]