Beschäftigte im Gesundheitswesen häufig Gewalt ausgesetzt

Die Europäische Ärztevereinigung schlägt Alarm wegen zunehmender körperlicher und verbaler Aggressionen gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen.

Euractiv.de
NHS facing worst workforce crisis in its history
In Europa nimmt die Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen mit "alarmierender Geschwindigkeit" zu, so der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte (CPME). [EPA-EFE/ANDY RAIN]

Die Europäische Ärztevereinigung schlägt Alarm wegen zunehmender körperlicher und verbaler Aggressionen gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen.

Weltweit sind laut Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Februar bis zu 38 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen im Laufe ihres Berufslebens körperlicher Gewalt ausgesetzt. Viele weitere werden demnach bedroht oder sind verbalen Aggressionen ausgesetzt.

In Europa nehme die Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen mit „alarmierender Geschwindigkeit“ zu, warnt der Ständige Ausschuss der Europäischen Ärzte (CPME).

„Wir müssen die Auswirkungen von Gewalt gegen Beschäftigte im Gesundheitswesen erkennen, die letztlich nicht nur die Arbeitskräfte, sondern auch die Patientenversorgung beeinträchtigen“, betonte CPME-Präsident Christiaan Keijzer in einer am Sonntag (12. März) veröffentlichten Erklärung.

Die ausgeübte Gewalt sei physischer und verbaler Natur und habe zahlreiche Folgen für die Gesundheit der Betroffenen. In den extremsten Fällen könne die Aggression zum Tod führen, warnte der Verband.

In Frankreich beispielsweise sind laut Daten des Gesundheitsministeriums 37 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen regelmäßig Gewalt ausgesetzt. Aus diesem Grund kündigte das Ministerium am 3. Februar an, dass bis zum Sommer ein Kontrollplan eingeführt werden soll.

„Es ist wichtig, dass die Beschäftigte im Gesundheitswesen sowie alle Akteure, die mit der Sicherheit des Pflegepersonals zu tun haben, über wirksame Maßnahmen nachdenken“, sagte Agnès Firmin Le Bodo, Ministerin für territoriale Organisation und Gesundheitsberufe.

Pflegekräfte und Frauen stärker gefährdet

Verschiedene Fachkräfte im Gesundheitswesen sind einem höheren Gewaltrisiko ausgesetzt als andere: Vor allem Pflegekräfte und Personal, das direkt an der Patientenversorgung beteiligt ist, sowie Mitarbeiter der Notaufnahme und Sanitäter sei gefährdet, so die WHO.

„Pflegekräfte, insbesondere Frauen, scheinen besonders gefährdet zu sein und haben ein doppelt so hohes Risiko, Opfer von Gewalt zu werden“, erklärte die European Federation of Nurses Associations (EFN) in einer im November 2022 veröffentlichten Pressemitteilung.

Eine Umfrage der EFN aus dem Jahr 2021 ergab, dass 28 nationale Krankenpflegeverbände in ganz Europa fast einstimmig bestätigten, dass Gewalt gegen Krankenschwestern ein erhebliches Problem darstelle, allerdings nicht immer von Patienten ausgehe.

Laut Eurostat machten Frauen im Jahr 2020 rund 78 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen aus. Der Anteil variiert von 61 Prozent in Griechenland bis zu über 90 Prozent in Estland und Lettland.

„Verbände aus Dänemark, Portugal und dem Vereinigten Königreich wiesen darauf hin, dass bis zu 30 Prozent der Krankenschwestern und -pfleger potenziell von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen sind“, heißt es in der EFN-Umfrage. In Deutschland haben bis zu 41 Prozent der Pflegekräfte von Missbrauch durch andere Mitarbeiter berichtet.

„Was das Gesundheitspersonal betrifft, ist dies [die Belästigung] etwas, das untersucht wurde. Frauen machen einen großen Teil des Gesundheitspersonals in der EU aus“, sagte auch Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides kürzlich in einem Interview mit EURACTIV.

Mehr Maßnahmen gefordert

Weitere Daten wurde Anfang März von der Agentur der Europäischen Union veröffentlicht, deren Aufgabe es ist, Wissen im Bereich der Sozial- und Arbeitspolitik zu vermitteln.

Die Studie besagt, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen in Europa dreimal häufiger über unerwünschte sexuelle Übergriffe berichten. Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen und in Sicherheitsdiensten über Mobbing, Belästigung und Gewalt berichten, zwei bis drei Mal höher.

Burnouts aufgrund der zunehmenden Zahl von Aggressionen werden laut CPME zu einem „zunehmenden Faktor, der dazu führt, dass Fachkräfte sich entscheiden, den Gesundheitssektor ganz zu verlassen.“

Langfristig könnte dies die Qualität der Pflege beeinträchtigen und die Gesundheitsversorgung gefährden, was von der WHO als möglicher „immenser finanzieller Verlust“ für den Gesundheitssektor betrachtet wird.

„Es ist von entscheidender Bedeutung, eine Kultur des Respekts für Beschäftigte im Gesundheitswesen zu fördern und Ressourcen bereitzustellen, um Vorfälle von Gewalt zu melden und zu bekämpfen“, sagte Keijzer von CPME.

Die Europäische Ärztevereinigung forderte die Kommission auf, die Regierungen zu unterstützen, indem sie Richtwerte für die Mindestkapazitäten bezüglich des Personals im Gesundheitswesen vorgibt und Beschäftigte im Gesundheitswesen in dem bevorstehenden umfassenden Ansatz zur psychischen Gesundheit berücksichtigt.

„Die Arbeitskräfte im Gesundheitswesen befinden sich bereits in einer Krise. Wir fordern die politischen Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit auf, zum Schutz der Beschäftigten im Gesundheitswesen beizutragen“, betonte Keijzer von CPME.