Bewusstsein für die Bedeutung bäuerlicher Familienbetriebe stärken

Dass 2014 von der UNO zum "internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe" (Year of Family Farming) proklamiert wurde, ist weitgehend unbekannt. EURACTIV.de sprach mit Hermann Kroll-Schlüter, Vorstand des Ökosozialen Forums Europa.

Euractiv.de
Foto: Martin Fisch (CC BY-SA 2.0)
Foto: Martin Fisch (CC BY-SA 2.0)

Dass 2014 von der UNO zum „internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe“ (Year of Family Farming) proklamiert wurde, ist weitgehend unbekannt. EURACTIV.de sprach mit Hermann Kroll-Schlüter, Vorstand des Ökosozialen Forums Europa.

Hermann Kroll-Schlüter, Vorstand des Ökosozialen Forums Europa, der eine lange politische Laufbahn in Deutschland hinter sich hat (u.a. Bundestagsabgeordneter, Staatssekretär bei Ministerpräsident Kurt Biedenkopf), will nun den gerade laufenden Klimaschutz-Sondergipfel der UNO nützen, um das Augenmerk auf jene Bevölkerungsgruppe zu richten, die das Fundament der Welternährungspyramide bildet und auch für ein lebenswertes Klima sorgt.

Für Kroll-Schlüter lässt sich daher die Herausforderung der Zukunft auf wenige Worte reduzieren: „Mehr Nahrungsgüter produzieren, Energie und Ressourcen sparen, das Klima schützen, die Lebensqualität verbessern, Hunger und Armut bekämpfen“. Für ihn, so im Gespräch mit EURACTIV.de, ist die persönliche Verantwortung des Menschen eine schöpfungsbedingte Verpflichtung. Was ihn die Schlussfolgerung fassen lässt, die Grundlagen des Lebens nicht zerstören zu dürfen. Denn jede Generation habe letztlich ein Recht auf die Chance der nachhaltigen Entwicklung. Und jede Generation muss diese Chance erhalten, zumal es nur eine Welt gibt. Deswegen gilt: „Alle wirtschaftlichen Aktivitäten von heute dürfen die Chance zukünftiger Generationen nicht schmälern. Aus diesem Grunde sind globale Langzeitstrategien zu entwickeln. Sie müssen global und lokal anwendbar sein und ökologisch den lokalen Standortverhältnissen sowie sozial der lokal gewachsenen Kultur entsprechen“.

Vier Säulen der Ernährungssicherheit

Ausgehend von diesem Grundverständnis steht für den deutschen Politiker und engagierten Verfechter einer öko-sozialen Wirtschaftsordnung fest, dass das Recht auf Nahrung ein menschliches Grundrecht ist. Das heißt, dass jeder Mensch Zugang haben muss zu einer ausreichenden Menge gesunder Lebensmittel, die seinen Ernährungsgewohnheiten entsprechen und die es ihm ermöglichen, ein Leben in Würde zu führen. Wenn man sich freilich die Lebenssituation etwa auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch in anderen Weltregionen ansieht, eine Vorgabe, die derzeit nicht annähernd erreicht wird. Dabei ist das Menschenrecht auf angemessene Ernährung Teil des geltenden Völkerrechts. Die Welternährungsorganisation FAO hat sogar einen Konsens von 148 Staaten erreicht, wonach Ernährungssicherheit erst dann besteht, wenn alle Menschen zu jeder Zeit physischen, sozialen und wirtschaftlichen Zugang zu ausreichender, gesunder und nährstoffreicher Nahrung haben, um so ihre Ernährungsbedürfnisse zugunsten eines aktiven und gesunden Lebens befriedigen zu können. Dementsprechend sind die vier Säulen der Ernährungssicherheit: Verfügbarkeit, Versorgungsstabilität, Zugang und Nahrung. Ein hehres Ziel, das den Praxistext klar verfehlt.

Globaler Handel braucht eine globale Ordnung

Trotzdem oder gerade deswegen, so Kroll-Schlüter, gelte es immer wieder die Stimme zu erheben, in der Hoffnung, dass man nicht nur theoretische Proklamationen verfasst sondern auch konkrete Taten setzt. Es ist zu wenig, die Globalisierung als eine Zeiterscheinung hinzunehmen. Man muss sich auch der Tatsache bewusst sein, dass „globaler Welthandel eine globale Ordnung voraussetzt“. Und diese braucht ein Leitbild. Gerade auch die Welthandelsorganisation WTO bräuchte ein Leitbild, denn die Offenheit der Märkte als Maßstab des Handelns ist zu wenig. Das Ordnungsmodell der ökosozialen Marktwirtschaft, vor mehr als drei Jahrzehnten entwickelt, wäre optimal geeignet, um die neuen und vor allem notwendigen Spielregeln zu definieren. Man müsste dieses Leitbild nur aus dem Dornröschenschlaf holen, auch wieder zu erkennen, wofür und weshalb der Staat Anreize schafft und fördert.

Schlussendlich verweist Kroll-Schlüter im Gespräch auf die Bedeutung der Europäischen Landwirtschaft und insbesondere der bäuerlichen Struktur. Sie ist es nämlich, die die Basis für eine multifunktionale, nachhaltige, wettbewerbsfähige und flächendeckende Landbewirtschaftung schafft. Eine tragende Säule sind – bei aller Notwendigkeit der industriellen Bewirtschaftung – letztlich die bäuerlichen Familienbetriebe. Hier wird „nachhaltig und umweltgerecht, bodengebunden und tierartgerecht, eigenverantwortlich und eigentumsorientiert, familien– und tradionsgebunden, vielfältig, wettbewerbs- und leistungsfähig produziert. Mehr noch, es erfolgt die Pflege und der Erhalt der Kulturlandschaft, es wird für den Schutz der natürlichen Ressourcen optimale Vorsorge getroffen.“

Notwendigkeit von Politik- und Forschungsprogrammen

Diese Aufgaben, das zeigen Statistiken ebenso wie wissenschaftliche Erhebungen, werden am besten vom bäuerlichen Familienbetrieb erfüllt, weil dieser wirtschaftlich sehr flexibel auf erhöhte Nachfrage reagieren kann und der Schutz der natürlichen Ressourcen im ureigensten Interesse steht. Damit aber erhalten der Bauer, die Bäuerin eine zentrale Funktion im Berufs- und Gesellschaftssystem, sind sie doch ein entscheidender Träger der Landschafts- und Ernährungskultur.Daher ist es aber auch zwingend notwendig, Politikprogramme zu entwickeln und zu fördern, die eine nachhaltige Entwicklung bäuerlicher Familienbetriebe zum Ziel haben.

Es sind simple Zahlen, die bewusst machen, um welche Potenz es dabei geht. 2,6 Milliarden Menschen, das sind 40 Prozent der Weltbevölkerung, leben von einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft leben. 85 Prozent der weltweit 525 Millionen Höfe haben weniger als zwei Hektar Betriebsfläche. Dass in der EU der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten nur noch bei 4.7 Prozent liegt, darf weltweit nicht als Maßstab genommen werden, zeigt nur wie sehr Europa von der Lebensrealität auf der gesamten Erde abgekoppelt ist. Der Vorstand des ökosozialen Forums, Kroll-Schlüter, plädiert daher mit Nachdruck zum Abschluss des Gesprächs dafür, das Bewusstsein für die Rolle und Bedeutung bäuerlicher Familienbetriebe in der Bevölkerung zu stärken und zu steigern. Das erfordert auch mehr Anerkennung für die Rolle und Rechte der Frauen auf bäuerlichen Familienbetrieben.

Abseits von verbalen Deklarationen gilt es aber insbesondere die Forschung zu nachhaltiger Entwicklung des ländlichen Raumes massiv zu fördern. Es ist an der Zeit „bäuerliche Landwirtschaft nicht als Nischenprodukt, nicht als einen bloß schützenswerten Lebenszweig, sondern als nachhaltige Landbewirtschaftung zu verstehen, die gesunde Lebensmittel erzeugt, Ressourcen schonend wirtschaftet, Tiere artgerecht hält, einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz leistet und so einen entwicklungsfähigen ländlichen Raum schafft“.