Boden- und Luftverschmutzung in Pariser Stadtteil zeigt Frankreichs Umweltprobleme
Der französische Senat wird am heutigen Mittwoch über einen Bericht des Untersuchungsausschusses zum Thema Bodenverschmutzung debattieren, nachdem sich Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils Ormes in der Pariser Gemeinde Romainville gegen ein Wohnbauprojekt auf einem stark verschmutzten Grundstück ausgesprochen haben.
Der französische Senat wird am heutigen Mittwoch über einen Bericht des Untersuchungsausschusses zum Thema Bodenverschmutzung debattieren, nachdem sich Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils Ormes in der Pariser Gemeinde Romainville gegen ein Wohnbauprojekt auf einem offenbar stark verschmutzten Grundstück ausgesprochen haben. EURACTIV Frankreich berichtet.
Der Immobilienentwickler Alios hatte bereits mit dem Bau von 99 neuen Wohnungen begonnen, die innerhalb von zwei Jahren errichtet werden sollen.
Obwohl über die Hälfte der Wohnungen bereits vorab verkauft wurde – genug, um mit dem Bau zu beginnen – informiert eine kleine Tafel auf der Baustelle vor allem über andere Zahlen: „6.000 Tonnen belastetes Erdreich entsorgt“, „1.200 m3 aufbereitetes Wasser“, „Überwachung der Außenluftqualität“.
Entdeckt wurde dies von einem Kaufinteressent, der sich über seinen Hauskauf unsicher war und das Gelände besichtigte – und dadurch auf die giftbelastete Vergangenheit des Standortes stieß.
Der ehemalige Industriestandort – von 1990 bis 2003 in Betrieb – wurde von Wipelec genutzt, einem französischen Unternehmen, das sich auf die Oberflächenbehandlung von Metallen für Rüstungsgüter spezialisiert hat. Zu den Kunden des Unternehmens gehörten einige der größten französischen Unternehmen der Verteidigungs- und Luftfahrtindustrie, wie Safran und Thales.
Im Jahr 2012 zog das Unternehmen nach Meaux in Seine-et-Marne – in die Nähe einer Kindertagesstätte.
Der Ex-Chef der Firma, Guy Pelamourgue, wurde im Juni 2017 in Polizeigewahrsam genommen und angeklagt, nachdem Joëlle Roborg, die ehemalige Leiterin für Qualität, Sicherheit und Umwelt bei Wipelec am Standort Meaux, die regionale und interministerielle Abteilung für Umwelt und Energie (DRIEE) über die Umweltverschmutzung des Unternehmens informiert hatte.
Ein langer Kampf
Bereits seit 2014 kämpft eine Anrainer-Vereinigung dafür, dass die hohen Schadstoffbelastungen, die vom Wipelec-Gelände ausgehen und die das gesamte Wohnviertel betreffen, erkannt und beseitigt werden.
So wurden nicht nur Trichlorethylen (TCE), Cyanide und Benzol festgestellt, sondern auch eine Verunreinigung des Grundwassers mit Chrom VI, so ein am 23. Juni 2020 veröffentlichter Bericht des technischen Komitees der staatlichen Agentur für den ökologischen Übergang (Ademe).
Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung der UN sind Chrom, Trichlorethylen („Trichlo“) und Benzol „nachweislich krebserregend“. Nach der europäischen REACH-Verordnung ist die Verwendung von Chrom VI darüber hinaus verboten – es sei denn, es wird eine Ausnahmegenehmigung erteilt.
Offiziell wurde die Dekontaminierung des Standorts im Juli 2018 abgeschlossen, teilten Gingko, ein auf „nachhaltige Stadtsanierung in Europa“ spezialisiertes Unternehmen, das den Standort gekauft hat, und Frankreichs Ministerium für ökologischen Übergang mit.
Angesichts der anhaltenden Intransparenz und der Weigerung der Behörden, die aktuellen Schadstoffwerte zu messen, kämpft die Anrainer-Organisation Romainville Sud jedoch weiter. „Wir, die Anwohner, werden als das Problem gesehen. Wir sind ein Hindernis für die unternehmerische Freiheit auf diesem Gelände,“ so Romainville-Chef Sébastien Tirloir gegenüber EURACTIV Frankreich.
In Wirklichkeit jedoch würde die Sanierung des Geländes – die weiterhin im Gange ist – die Anwohnerinnen und Anwohner einer „sehr besorgniserregenden“ Verschmutzung aussetzen, vor allem, wenn die Situation nicht behutsam angegangen wird. Alios und die mit der Reinigung des Geländes beauftragte Firma wollten aber möglichst schnell vorankommen.
In einem Dekret, das am 29. Dezember 2020 veröffentlicht wurde, wurden derweil die Grenzwerte für die Trichol geändert. Zuvor war es zu einem Schlagabtausch zwischen dem Bürgermeister der Stadt und dem Präfekten von Seine-Saint-Denis gekommen. „Im September hatten wir ein erstes Treffen mit dem Unterpräfekten, dem DRIEE und der ARS [Anm. d. Übers.: Regionale Gesundheitsbehörde], bei dem wir um zusätzliche Informationen gebeten haben, um zu verstehen, wohin die Reise gehen soll,“ so der Bürgermeister von Romainville, François Dechy.
„Es gab ein mehrfaches Hin und Her um den Entwurf des Dekrets, dann schickte der Präfekt es mir am 24. Dezember und gab mir acht Tage Zeit, es zu unterschreiben. Wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich definitiv komplett raus gewesen, weil ich für säumig erklärt und meine Befugnisse ausgesetzt worden wären“, fügt Dechy hinzu.
Dennoch gelang es dem Bürgermeister, Änderungen zu erwirken. Unter anderem wurde eindeutig festgelegt, dass die städtische Polizei jederzeit die Verschmutzung kontrollieren darf.
Immer mehr Beschwerden
Die Unterzeichnung des Dekrets gibt dem Bürgermeister auch die Aufgabe, Fragen von Anwohnern über die Belastung mit den Chemikalien zu beantworten. Eine unabhängige Firma, SolPol, nach eigenen Angaben ein Experte für belastete Standorte und Böden, wurde beauftragt, die Gemeinde bei diesem komplexen Thema technisch zu unterstützen.
Abhängig von den Ergebnissen dieser – relativ kostspieligen – Aktion sollten die ersten Schlussfolgerungen in vierzehn Tagen vorgelegt werden können, woraufhin der Erlass vom 29. Dezember dann erneut abgeändert werden könnte.
„In den kommenden Tagen werden wir dann sehen, ob sich das Rathaus entscheidet, eine Klage einzureichen oder auch eine Zivilklage zu erheben, mit der es sich den bereits angedachten Klage anschließt,“ kündigte der Bürgermeister an.
Während zunächst zwei Vereine und 30 Einzelpersonen Beschwerden eingereicht hatten, hatten bis Februar 2018 sieben weitere Beschwerdeführer und ein neuer Verein Zivilklage erhoben. Im November 2020 folgten dann Beschwerden weiterer zehn Personen, von denen sich der Verein Romainville Sud bei sechs als Kläger anschloss.
Die im Dezember-Dekret festgehaltenen neuen Belastungsraten für Trichlo sind derweil 1.600-mal höher als der bisher akzeptierte Standard.
In den Jahren 2018 und 2020 erteilte die ehemalige Bürgermeisterin Corinne Valls zudem zwei Baugenehmigungen, obwohl noch 300 bis 500 kg TCE zu extrahieren waren. Außerdem wurde geplant, zehn Prozent der Gesamtmenge vor Ort zu belassen, also 600 kg TCE – eine gigantische Menge angesichts der Gesundheits- und Umweltrisiken.
Die Umweltverschmutzung in der Umgebung des Standorts anzugehen war offenbar überhaupt nicht geplant, trotz der hohen Flüchtigkeit der Substanz. Und trotz der wiederholten Zusagen des damals zuständigen Ministers François de Rugy wurde keine Kampagne zu Proben bei den Opfern der Verschmutzung gestartet, um die möglichen Auswirkungen der Sanierung sichtbar zu machen.
Laut einem vertraulichen Arbeitsbericht, den EURACTIV Frankreich einsehen konnte, überstiegen die Schadstoffwerte in der Außenluft rund um den Standort die von der WHO empfohlenen Richtlinien. Während der Sanierungsarbeiten konnte die Luft in der Nachbarschaft tatsächlich als „nicht atembar“ eingestuft werden, mit bis zu 511µg/m3 TCE sowie 23µg/m3, die in Innenräumen gemessen wurden.
Der EU-Schwellenwert, also der Grenzwert, ab dem der Stoff gesundheitliche Auswirkung haben kann, liegt bei 50µg.
Trotz dieser nachgewiesenen Gefahren wurden die Anwohnerinnen und Anwohner nie gewarnt.
Und das ist nicht alles: Die in der Verordnung vorgesehenen neuen Expositionsraten wurden auf höchster Ebene geändert. Nach einer gemeinsamen Empfehlung des Gesundheits- und des Umweltministeriums an den Hohen Rat für öffentliche Gesundheit vom 4. Juni 2020, die Standards für TCE zu lockern, aktualisierte der Hohe Rat – nachdem er jahrelang empfohlen hatte, die Exposition gegenüber Trichlo zu reduzieren – im Juli 2020 seine zuvor festgelegten „Richtwerte für Kontrolle der Luftqualität in Innenräumen“.
Dies machte es der Präfektur Seine-Saint-Denis möglich, in ihrer Verfügung vom 29. Dezember die Werte neu zu interpretieren. Die bisher am Standort geltende TCE-Warnschwelle der WHO (23µg/m3) konnte somit auf 3200 µg/m3 für die Außenluft angehoben werden.
In einem Schreiben vom 30. Dezember 2020 hat der Vizepräsident von France Nature Environnement Île-de-France, Francis Redon, die Senatoren auf diese Änderung der Normen und die Situation in Romainville aufmerksam gemacht.
Da ein von der Untersuchungskommission des Senats über gesundheitliche und ökologische Probleme im Zusammenhang mit der Bodenverschmutzung erstellter Bericht zu dem Schluss kommt, dass es sich um ein nationales Problem handelt und dass die Verschmutzung auch außerhalb des Standorts schlecht gemessen sowie in der französischen Gesetzgebung nicht ausreichend berücksichtigt wird, wird der Senat heute über die Schlussfolgerungen des Berichts debattieren.
Krebserkrankungen
Laut einer eigenen Erhebung, die von einem Anwohner zwischen Juni 2016 und Februar 2019 durchgeführt wurde, hat es seit 1990 mindestens 30 Krebserkrankungen in der Nachbarschaft gegeben, wobei 26 Personen starben. Darüber hinaus konnten bei Jugendlichen, die in der Nähe des Standorts wohnten, überdurchschnittlich viele Asthmaerkrankungen festgestellt werden.
Drei Familien mussten aus medizinischen Gründen Schwangerschaftsabbrüche vornehmen und mehrere Kinder wurden mit gesundheitlichen Problemen geboren oder litten an Atemwegserkrankungen.
Eine im Jahr 2018 durchgeführte Untersuchung zu möglichen „Krankheitshäufungen“ im Zusammenhang mit der Trichloexposition auf dem ehemaligen Wipelec-Gelände in Romainville brachte jedoch keine Ergebnisse. Da es nicht möglich war, „die Zustimmung der betroffenen Personen zu erhalten“, konnten die von Romainville Sud gemeldeten Krankheiten darüber hinaus „nicht anhand von medizinischen Aufzeichnungen belegt werden – insbesondere, wenn die Berichte verstorbene Personen betrafen.“
In einem Brief an die Ministerin für den ökologischen Wandel, Barbara Pompili, vom 24. November 2020 warnte der Verein Romainville Sud dennoch weiterhin vor einer Situation, die „immer undurchsichtiger wird, in der Zusagen nicht eingehalten werden und in der die Zukunft dieses Standorts und seiner Umgebung die Bevölkerung von Romainville zunehmend beunruhigt“.
Das Schreiben ist bis heute unbeantwortet geblieben.
[Bearbeitet von Benjamin Fox und Tim Steins]