Das große Gerangel um ukrainische Arbeitskräfte

Während der Ukraine-Krieg in den dritten Monat geht, herrscht in Deutschland weiter Fachkräftemangel. Nun beginnt das Gerangel um die gut ausgebildeten ukrainischen Flüchtlinge.

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In der Arbeitswelt sind die gut gebildeten Geflüchteten aus der Ukraine, die meisten von ihnen Frauen, hoch begehrt. [EPA-EFE/HANNIBAL HANSCHKE / POOL]

Während der Ukraine-Krieg in den dritten Monat geht, herrscht in Deutschland weiter Fachkräftemangel. Nun beginnt das Gerangel um die gut ausgebildeten ukrainischen Flüchtlinge.

Der deutsche Arbeitskräftemangel ist altbekannt. “Wir haben heute 390.000 offene Arbeitsplätze und erwarten einen Hochlauf auf bis zu einer Million und darüber“, so Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck im Januar.

„Wenn wir diese Lücke nicht schließen, werden wir echte Produktivitätsprobleme bekommen“, fügte er damals hinzu.

Doch schon etwas später sollte die russische Invasion der Ukraine einen Flüchtlingsstrom von inzwischen mehr als 300.000 zum großen Teil hoch qualifizierten Ukrainer:innen auslösen. Um die 40 Prozent sind minderjährige Kinder, fast der gesamte Rest Frauen, denn für Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren besteht ein Ausreiseverbot.

„Diese Menschen sind gut ausgebildet und müssen seitens der Arbeitgeber entsprechend ihrer Qualifikationen eingesetzt werden,“ erklärte Bettina Stark-Watzinger, Bundesministerin für Bildung und Forschung (BMBF), am Dienstag (19. April).

Laut dem BMBF haben „73 Prozent der Geflüchteten aus der Ukraine ein Studium abgeschlossen, 10 Prozent sprechen gut Deutsch“, weswegen nun der Fokus auf einer Beschleunigung der Anerkennung deren Qualifikationen liege. 

Auch das Institut für Arbeitsmarkt Berufsforschung (IAB) hat ausgearbeitet, dass ukrainische Geflüchtete für den deutschen Arbeitsmarkt hochattraktiv sind. “Das Bildungsniveau in der Ukraine ist im internationalen Vergleich hoch“, so das IAB. 

Was den Besuch von Universitäten und Hochschulen betrifft, bleibt Deutschland sogar insgesamt hinter der Ukraine zurück. Außerdem sind ukrainische Frauen, die den Großteil der Geflüchteten ausmachen, zusätzlich im Schnitt gebildeter als ihre männlichen Landsleute. 

Zusätzlich sei „das Durchschnittsalter der erwachsenen [ukrainischen] Geflüchteten sehr viel höher als bei den 2015 Geflüchteten“, so der Ökonom Herbert Brücker gegenüber EURACTIV Deutschland.

Wo werden die meisten Arbeitskräfte gebraucht?

In Deutschland herrscht zwar rundum ein notorischer Mangel an Arbeitskräften, doch der Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten stand anfangs noch die deutsche Bürokratie im Wege. 

Die „Geflüchteten aus der Ukraine müssen für eine Arbeitserlaubnis zuallererst bei der Ausländerbehörde den Titel des ‚vorübergehenden Schutzes‘ beantragen,“ seit dem 18. März ist das beispielsweise in Berlin online möglich, so Sarah Strobel, Projektleiterin vom BMWK-Projekt Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge.“

„Die Stellenvermittlung läuft gerade erst an,“ fügte sie hinzu.

Bei erfolgreicher Vermittlung könnten Geflüchtete aus der Ukraine derweil in vielen Branchen Lücken im Arbeitsmarkt füllen – gerade bei Zukunftsthemen, die sich die Ampelregierung auf die Fahnen geschrieben hat.

So hat sich in den letzten Jahren der ukrainische IT-Sektor rasant entwickelt, rund 300.000 Beschäftigte waren dort vor Kriegsbeginn tätig und verfügen über wertvolles Know-how.

Grundsätzlich seien ukrainische Geflüchtete als Arbeitskräfte überall dort am gefragtesten, wo Deutschland die größten Engpässe im Arbeitsmarkt habe, erklärt Brückner – also etwa in technischen Berufen, im Transport- und Baugewerbe oder im Gesundheitsbereich.

Auch in der Landwirtschaft hofft man auf personelle Verstärkung aus der Ukraine. Bereits in vergangenen Jahren kamen zunehmend Menschen aus dem Land als Saisonarbeitskräfte für Erntearbeiten nach Deutschland.

So forderte der Deutsche Bauernverband Ende März in einem Positionspapier, die administrativen Verfahren zu beschleunigen, sodass Flüchtlinge schnell eine Arbeit aufnehmen können.

Gleichzeitig sprach sich der Verband dafür aus, die gesetzlichen Regeln über befristete Tätigkeiten zu lockern – beispielsweise die zeitliche Begrenzung hierfür auszudehnen.

Keine „Beschäftigten 2. Klasse“

Aus Sicht von Gewerkschaften bergen solche Forderungen jedoch die Gefahr, ukrainische Flüchtlinge könnten in Deutschland als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden.

“Beschäftigte zweiter Klasse darf es nicht geben”, betonte der Bundesvorsitzende der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), Robert Feiger, am Dienstag in einer Erklärung. Wer als Saisonarbeitskraft in der Landwirtschaft arbeite, genieße beispielsweise bis zu 70 Tage lang keinen Sozial- und Krankenversicherungsschutz, so Feiger.

In der Baubranche drohe den Beschäftigten nach dem Scheitern der kürzlichen Verhandlungen zu einem branchenweiten Mindestlohn derweil aktuell ein Einkommen auf dem Niveau des gesetzlichen Mindestlohns – für die schwere Arbeit auf dem Bau ist das aus Sicht der Gewerkschaft nicht ausreichend.

Die Kontroverse zeigt, welche Gratwanderungen bei der Arbeitsmarktintegration der ukrainischen Flüchtlinge zu bestreiten sind. “Es geht zunächst um eine humanitäre Aufgabe, erst zweitrangig um die Integration in den Arbeitsmarkt”, betont Brückner.

Während also beispielsweise die Sicherheit der Flüchtlinge oder deren Versorgung mit Wohnraum und Gesundheitsdienstleistungen zunächst vorrangig seien, müssten zugleich die Weichen für die Integration in den Arbeitsmarkt bereits heute richtig gestellt werden, so der Ökonom – beispielsweise, indem Geflüchtete nicht in strukturschwachen Regionen untergebracht würden.