Das Internet erschwert die Gesundheitskompetenz der EU-Bürger
Politische Entscheidungsträger, Ärzte und Gesundheitsaktivisten wollen die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, auf ihre Gesundheit zu achten. Das Internet macht diese Aufgabe aber schwieriger. EURACTIV Brüssel berichtet.
Politische Entscheidungsträger, Ärzte und Gesundheitsaktivisten wollen die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, auf ihre Gesundheit zu achten. Das Internet macht diese Aufgabe aber schwieriger. EURACTIV Brüssel berichtet.
Gesundheitskompetenz bedeutet, in der Lage zu sein, profunde Gesundheitsentscheidungen zu treffen. Das betrifft den Alltag zu Hause, in der Gemeinschaft, am Arbeitsplatz, im Gesundheitssystem und auf politischer Ebene. Sie bezieht sich auf die Allgemeinbildung und beschreibt das Wissen und die Fähigkeit eines Menschen, Gesundheitsinformationen für gute Entscheidungen für das Wohlbefinden anzuwenden.
Mit den neuen Technologien sehen sich die die Bürger aber komplizierteren Entscheidungen ausgesetzt.
Seit Jahren würden Gesundheitsexperten „den mündigen Bürger“ fordern. Der Bürger könne aber nicht dazu befähigt werden, seine oder ihre Gesundheit zu verwalten, wenn er keinen Zugang zu digitalen Geräten habe. Viele hätten gar nicht die Informationen zur eigenen Nutzung dieser digitalen Geräte , sagte P?teris Zigalvis, Leiter der Abteilung Gesundheit und Wohlbefinden in der Generaldirektion Connect der Kommission beim Europäischen Gesundheitsforum Gastein (EHFG) am vergangenen Donnerstag.
Die Generaldirektion Connect sei momentan mit einem Projekt zur Entwicklung eines Lehrplans für Computerfertigkeiten der Arbeitskräfte beschäftigt, sagte Zigalvis. Einer Eurobarometer-Umfrage zur E-Gesundheit zufolge stimmen 77 Prozent der EU-Bürger mit der Aussage überein, dass das Internet ein gutes Werkzeug zur Verbesserung ihres Wissens bei Gesundheitsthemen ist. Allerdings haben 41 Prozent noch nie Onlinequellen für Informationen zur Gesundheit genutzt.
Die meistgesuchten Gesundheitsthemen im Internet sind allgemeine Informationen zur Verbesserung der Gesundheit. Dabei geht es meistens um Faktoren wie die Ernährung und Sport. Die meisten stuften die gefundenen Informationen als relevant ein. Aber 41 Prozent der Befragten glaubten nicht, dass die gefundenen Informationen aus einer vertrauenswürdigen Quelle stammten.
Die Ergebnisse des Eurobarometers seien ermutigend, sagte Kaisa Immonen Charalambous vom Europäischen Patientenforum.
„Für mich ist eine kritische Gesundheitskompetenz entscheidend. Wir müssen in der Lage sein, zwischen guten und vertrauenswürdigen Informationen und denen, die es nicht sind, zu unterscheiden, weil wir mit so vielen Informationen bombardiert werden. Es gibt viele Artikel über die medizinische Forschung, die die Forschung auf missverständliche Art darstellen, zum Beispiel falsche Erwartungen schüren“, sagte Immonen Charalambous.
Die sozialdemokratische Europaabgeordnete Karin Kadenbach aus Österreich forderte verlässliche Informationsquellen: „Wir haben Bevölkerungsteile, die keine ausreichenden Informationen, oder Informationen, die sie verstehen, haben. Wir haben auch einen großen Teil der Bevölkerung, der das Internet nutzt, wo es so viele Falschinformationen gibt. Wir sollten zum Beispiel in einer Phase sein, in der es in Europa keine Masern mehr gibt. Dennoch haben wir so viele Menschen, die ihre Kinder aufgrund einiger Horrorgeschichten in den sozialen Medien nicht immunisieren. Auf der einen Seite gibt es viele Informationen, aber auf der anderen Seite gibt es mindestens doppelt so viele Fehlinformationen.“
Die Zielgruppe erreichen
Die Kommission sei sich des Problems der mangelnden Gesundheitskompetenz seit Jahren bewusst, sagte Sylvain Giraud, Leiter der Abteilung Strategie und Internationales der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucher.
„Wir erkennen an, dass die Gesundheitskompetenz definitiv etwas ist, dass bei der Entwicklung der Gesundheitspolitik auf EU-Ebene berücksichtigt werden muss. Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und der sozialen Ebene und Bildung und Gesundheit. Schlechte Bildung steht also in vielen Fällen im Zusammenhang mit schlechter Gesundheit. Das muss bei der Gestaltung der Gesundheitspolitik auf jeder Ebene berücksichtigt werden. Das muss spezifisch vom Standpunkt der Gesundheitskompetenz berücksichtigt werden, aber auch vom breiteren Ansatz als gesundheitbestimmender Faktor. Zum Beispiel durch Bildung“, sagte Giraud.
Ramazan Salman ist der Direktor des Ethno-Medizinischen Zentrums in Hannover, das mit Einwanderern aus sieben verschiedenen Ländern in Europa arbeitet. Ihm zufolge gibt es in der Gesellschaft immer noch verschiedene Gruppen, die keinen ausreichenden Zugang zur Gesundheitsversorgung haben.
„Europa hat einige der besten Gesundheitssysteme, aber es macht keinen Sinn, dass es Kapazitäten gibt, die Menschen diese aber nicht nutzen können“, sagte Salman.
Die Informationen müssten der Sprache der Zielgruppe angepasst werden, um die Gesundheitskompetenz zu vergrößern, sagte Giraud. Die medizinische Sprache sollte ebenfalls einem niedrigeren Wissensstand angepasst werden. Die Interessensvertreter sollten auch das allgemeine Bildungsniveau und die digitalen Fertigkeiten erhöhen, damit die Menschen besser auf den Zugang zu Gesundheitsinformationen vorbereitet werden.
Patientenorganisationen könnten eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Gesundheitskompetenz spielen, sagte Imonen Charalambous:
„Sie kommunizieren regelmäßig vor Ort mit der Patientengemeinschaft. Sie verstehen, was die Patienten brauchen und wissen wollen. Sie sind oft auch gut darin, komplexe Themen wie medizinische und wissenschaftliche Probleme in verständlicher Sprache auszudrücken. Das Hindernis für ihre Arbeitsaufnahme sind die Ressourcen. Sie arbeiten oft gänzlich auf freiwilliger Basis. Ich würde also nicht zu hohe Erwartungen darin setzen, sollten wir die Last der Verbesserung der Gesundheitskompetenz nur auf die Patientenorganisation verteilen, aber sie wollen sicherlich dazu beitragen.“