Der Zerfall der Euro-Zone wird durchgespielt
Das mögliche Auseinanderbrechen der Währungsunion beschäftigt die Finanzmärkte. Der weltgrößte Währungs- und Anleihebroker Icap simuliert in Szenarien den Euro-Austritt einzelner Länder. Die britische Finanzaufsicht rät Geldinstituten, für das Schlimmste gewappnet zu sein. Banken in den Krisenländern geraten einem Zeitungsbericht zufolge unter Druck, heimische Staatsanleihen zu kaufen.
Das mögliche Auseinanderbrechen der Währungsunion beschäftigt die Finanzmärkte. Der weltgrößte Währungs- und Anleihebroker Icap simuliert in Szenarien den Euro-Austritt einzelner Länder. Die britische Finanzaufsicht rät Geldinstituten, für das Schlimmste gewappnet zu sein. Banken in den Krisenländern geraten einem Zeitungsbericht zufolge unter Druck, heimische Staatsanleihen zu kaufen.
Der Währungs- und Anleihebroker Icap bereitet sich mit Krisen-Szenarien auf einen Ausstieg Griechenlands und anderer Staaten aus der europäischen Währungsgemeinschaft vor. "Angesichts der wachsenden Sorgen unserer Kunden über die Zukunft der Euro-Zone haben wir über die weltgrößte Devisenhandels-Plattform EBS die Wiedereinführung der Drachme durchgerechnet", erklärte ein Icap-Sprecher am Montag. Icap simuliert bereits seit Monaten den Handel zwischen den Währungspaaren Euro/Drachme und Dollar/Drachme, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. "Wir haben diese Szenarien rund sechs Monate lang getestet", so der Sprecher. "Unser Ziel ist es, vorbereitet zu sein, um im Falle eines Falles so schnell wie möglich reagieren zu können." Etwa 3.000 Großinvestoren betreiben über die Icap-Plattform in London ihre Devisengeschäfte.
Die britische Bankenaufsicht Financial Services Authority (FSA) hat die heimischen Geldinstitute vergangene Woche aufgefordert, sich auf einen Zusammenbruch der Euro-Zone vorzubereiten. Sie sollten sich auf das Schlimmste gefasst machen, sagte der FSA-Topbeamte Andrew Bailey in einer Rede (24. November 2011). "Gutes Risikomanagement bedeutet die Vorbereitung auf unwahrscheinliche, aber folgenschwere Szenarien, und das heißt, dass wir die Aussicht auf einen ungeordneten Austritt einiger Länder aus der Euro-Zone nicht ignorieren dürfen."
Financial Repression in Italien und Portugal?
Die Unsicherheit über den Fortbestand der Währungsunion in ihrer heutigen Zusammensetzung verschärft die Finanzierungsschwierigkeiten der Euro-Krisenländer. Italien und Portugal setzen nun inländische Banken unter Druck, heimische Staatsanleihen nicht abzustoßen bzw. neue zu erwerben, berichtet am Dienstag das "Wall Street Journal Europe" unter Berufung auf informierte Kreise.
Historisch gesehen wäre es nicht ungewöhnlich, dass Länder ihren Geldinstituten den Kauf von Staatsanleihen vorschreiben. "Natürlich kann man die Refinanzierungskrise lösen, indem man beispielsweise Banken zwingt, Staatsanleihen zu kaufen", erklärte der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth im Interview (6. September 2011) mit EURACTIV.de. "Ein solches System heißt ‚Financial Repression‘, und sowohl die USA als auch Europa haben es jahrzehntelang nach dem 2. Weltkrieg praktiziert." Sollten die Euro-Krisenländer nun "Financial Repression" betreiben, hätte dies laut Voth allerdings beträchtliche Auswirkungen auf das Finanz- und Wirtschaftssystem. "Das ist dann (…) eine sehr andere Wirtschaftswelt, in der ein Zentralelement freier Marktwirtschaft abgeschaltet wird."
awr
Links
Presse
Reuters: Broker ICAP prepares systems for euro zone meltdown (28. November 2011)
Wall Street Journal Europe: European Nations Pressure Own Banks for Loans (29. November 2011)
Dokument
FSA: Promoting a prudent and stable financial system. Speech by Andrew Bailey, Director of UK Banks & Building Societies, at the Future of Retail Banking Conference, London (24. November 2011)
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