Deutschlands Mittelstand fürchtet Rohstoff-Spekulanten
Spekulationen an den Rohstoffmärkten sind für die große Mehrheit der deutschen Mittelständler "besorgniserregend", so das Ergebnis einer Studie der Commerzbank. Viele Unternehmen versuchen weiter, ihre Material-Kosten im Einkauf zu senken, ohne auf mehr Ressourceneffizienz zu setzen. Darf sich EU-Umweltkommissar Janez Poto?nik mit seinem Ruf nach staatlichen Eingriffen bestätigt fühlen?
Spekulationen an den Rohstoffmärkten sind für die große Mehrheit der deutschen Mittelständler „besorgniserregend“, so das Ergebnis einer Studie der Commerzbank. Viele Unternehmen versuchen weiter, ihre Material-Kosten im Einkauf zu senken, ohne auf mehr Ressourceneffizienz zu setzen. Darf sich EU-Umweltkommissar Janez Poto?nik mit seinem Ruf nach staatlichen Eingriffen bestätigt fühlen?
Steigende und schwankende Preise für Rohstoffe belasten zunehmend den deutschen Mittelstand. Das geht aus der Studie "Rohstoffe und Energie: Risiken umkämpfter Ressourcen" der Initiative "UnternehmerPerspektiven" der Commerzbank hervor, die am Donnerstag veröffentlicht wurde. Befragt wurden 4.000 Inhaber und Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen in ganz Deutschland. Zwei Drittel der Unternehmen berichten, dass sich steigende Rohstoffpreise derzeit negativ auf die Geschäfte auswirken. Die Hälfte klagt über Planungsunsicherheit angesichts schwer kalkulierbarer Rohstoffpreise. Spekulationen an den Rohstoffmärkten sind für 89 Prozent der befragten Mittelständler "besorgniserregend". Die Folgen des weltweit steigenden Verbrauchs – etwa in den Schwellenländern – fürchten dagegen nur 84 Prozent. "Man kann von einer regelrechten Rohstoffkrise im Mittelstand sprechen", kommentierte Markus Beumer, Vorstandsmitglied der Commerzbank.
Verknappung als Innovationstreiber?
Die Firmen müssen sich etwas einfallen lassen, wollen sie ihren Rohstoffbedarf verringern. 52 Prozent der befragten Unternehmer sehen die Verknappung auf den Rohstoff- und Energiemärkten als Innovationstreiber. Nur 18 Prozent fürchten dagegen, Ressourcenknappheit könnte den technologischen Fortschritt bremsen.
Bundesumweltminister Norbert Röttgen kommentierte als Schirmherr der Studie: "Wer in Ressourceneffizienz investiert, schont nicht nur die natürlichen Ressourcen, sondern verschafft sich entscheidende Wettbewerbsvorteile." Den Technologievorsprung in Bezug auf die Wiederverwertung und effiziente Nutzung von Ressourcen könne man als Deutschlands Rohstoffquelle bezeichnen.
Ressourceneffizienz: Viel Luft nach oben
Allerdings führt die Einsicht in die Potenziale der Ressourceneffizienz nicht bei allen Firmen zu konkreten Taten. Noch setze der Mittelstand nicht auf Innovationen, sondern versuche, die Kosten im Einkauf zu senken, heißt es in der Studie. 47 Prozent der Unternehmen suchen neue Lieferanten, parallel werden längere Lieferverträge mit bestehenden Zulieferern verhandelt (ebenfalls 47 Prozent). Bislang bemühen sich nur 35 Prozent um mehr Effizienz beim Rohstoffverbrauch, nur 23 Prozent kümmern sich um Energieeffizienz. 31 Prozent nutzen Recycling, um den Rohstoffverbrauch zu reduzieren.
Auch der Dienstleistungssektor ist rohstoffhungrig
Einen hohen Bedarf an Rohstoffen und rohstoffintensiven Vorprodukten haben laut der Studie nicht nur Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe und der Baubranche, sondern nahezu alle Branchen. Bei den benötigten Stoffen handelt es sich bei 56 Prozent der Unternehmen um fossile Rohstoffe, also Öl, Gas oder Kohle und darauf basierende Vorprodukte wie beispielsweise Kunststoffe.
Mittelstand überfordert?
Während das Problembewusstsein hoch ist, fühlen sich die Unternehmen der Studie zufolge zum Teil der Komplexität der Ressourcenproblematik ausgeliefert. "In diesem Zusammenhang gibt es zu denken, dass 40 Prozent der befragten Unternehmen nicht einschätzen können, ob sie in puncto Ressourcenversorgung gut oder schlecht für die Zukunft gerüstet sind. Hier besteht großer Orientierungsbedarf", So Commerzbank-Vorstand Beumer.
EU-Kommission drängt auf staatliche Eingriffe
Auf europäischer wie auf nationaler Ebene steht die Rohstoffversorgung der Wirtschaft auf der Agenda. Deutschland erarbeitet derzeit das nationale Ressourceneffizienzprogramm ProgRess (Entwurf vom April 2011). Darin werden für jeden Schritt der Wertschöpfungskette Maßnahmen zur Steigerung der Ressourceneffizienz entwickelt – vom nachhaltigen Rohstoffabbau über ein langlebiges Produktdesign, materialeffiziente Produktionsprozesse, Anreize für ressourceneffizienten Konsum bis hin zur Schließung von Stoffkreisläufen durch Wiederverwertung und Recycling.
Die Commerzbank-Studie dürfte auch der Debatte um EU-Vorgaben zur Ressourceneffizienz neue Nahrung liefern. Mit der Flagschiff-Initiative "Ressourcenschonendes Europa" im Rahmen der Europa 2020-Strategie widmet sich die EU der Aufgabe, die Ressourceneffizienz zu verbessern (EURACTIV-LinkDossier).
EU-Umweltkommissar Janez Poto?nik stellte jüngst den Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa vor (EURACTIV.de vom 20. September 2011). Dieser benennt die Wirtschaftszweige, die die meisten Ressourcen verbrauchen, und schlägt Instrumente und Indikatoren vor, an denen sich die Maßnahmen in Europa und weltweit orientieren sollen. Poto?nik erklärte: "Grünes Wachstum ist die einzige nachhaltige Zukunft – für Europa und für die Welt. Wirtschaft und Umwelt müssen Hand in Hand gehen – auf lange Sicht haben wir dieselben Interessen."
Im EU-Fahrplan werden Maßnahmen vorgeschlagen, die auf eine Umgestaltung von Produktion und Verbrauch abzielen. Dazu gehören auch Anreize für Investoren zur Förderung umweltfreundlicher Innovationen und eine größere Bedeutung für Ökodesign, Ökokennzeichnung und ein umweltfreundlicheres öffentliches Beschaffungswesen. Die EU-Regierungen werden aufgefordert, die Besteuerung vom Faktor Arbeit weg auf Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch zu verlagern und Verbrauchern neue Anreize für den Umstieg auf ressourcenschonende Produkte zu geben. Der Fahrplan empfiehlt auch, die Preise so anzupassen, dass sie die wahren Kosten des Ressourcenverbrauchs widerspiegeln, insbesondere in Bezug auf die Umwelt und die Gesundheit.
EU-Länder bremsen
Die EU-Wirtschaftsminister reagierten im September mit der Forderung, mehr Ressourceneffizienz dürfe nicht zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie gehen. Der EU-Wettbewerbsrat erinnert in seinen Schlussfolgerungen zur Ressourceneffizienz daran, dass die regulatorischen Rahmenbediungen für die Industrie berechenbar und verhältnismäßig sein müssten (EURACTIV.de vom 30. September 2011).
Red.
Links
Dokumente zur Ressourcen- und Rohstoffpolitik
Commerzbank: "Rohstoffe und Energie: Risiken umkämpfter Ressourcen". Studie (6. Oktober 2011)
BMU: Entwurf des Ressourceneffizienzprogramms (ProgRess) (Stand: April 2011)
EU-Wettbewerbsrat: Conclusions on a competitive European economy: Industrial competitiveness in the light of resource efficiency (29. September 2011)
EU-Kommission: Fahrplan fu?r ein ressourcenschonendes Europa (20. September 2011)
EU-Kommission: Questions and answers on the Resource Efficiency Roadmap (20. September 2011)
EU-Kommission: "Grundstoffmärkte und Rohstoffe: Herausforderungen und Lösungsansätze". Mitteilung. KOM (2011) 25 (2. Februar 2011)
EU-Kommission: Bericht "Critical Raw Materials for the EU" (Für die EU kritische
Rohstoffe) der Ad-hoc-Gruppe der Gruppe Rohstoffversorgung der Generaldirektion
Unternehmen und Industrie (30. Juli 2010)
EU-Kommission: Ressourcenschonendes Europa – eine Leitinitiative innerhalb der Strategie Europa 2020. Mitteilung. KOM (2011) 21 (26. Januar 2011)
EU-Kommission: "Fahrplan für den Übergang zu einer wettbewerbsfähigen CO2-armen Wirtschaft bis 2050". Mitteilung. KOM (2011) 112 (8. März 2011)
EU-Kommission: Die Rohstoffinitiative — Sicherung der Versorgung Europas mit den für Wachstum und Beschäftigung notwendigen Gütern. KOM (2008) 699 (4. November 2011)
EU-Parlament: Bericht über eine erfolgreiche Rohstoffstrategie für Europa
(2011/2056(INI)). Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE). Berichterstatter: Reinhard Bütikofer. Angenommen am 13. September 2011. (25. Juli 2011)
NABU:Schwacher EU-Plan zur Ressourceneffizienz (19. September 2011)
Dokumente und Internetseiten zur EU-Industriepolitik
Dokumente und Internetseiten
EU-Kommission: Die Industrie für Europa – Europa für die Industrie. Pressemitteilung (28. Oktober 2010)
EU-Kommission: "Eine Industriepolitik für das Zeitalter der Globalisierung". Mitteilung (28. Oktober 2010)
EU-Kommission: "Eine Industriepolitik für das Zeitalter der Globalisierung" – Bestandteile der Strategie der Kommission. MEMO/10/532 (28. Oktober 2010)
EU-Kommission: Overview of Competitiveness in 27 Member States (28. Oktober 2010)
EU-Parlament: Entwurf eines Berichts über eine Industriepolitik im Zeitalter der Globalisierung (13. September 2010)
EU-Parlament: Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE)
EU-Ratspräsident: EU External Relations. "We have strategic partners, now we need a strategy" – Herman Van Rompuy (14. September 2010)
Mehr zum Thema auf EURACTIV.de
EU: Ressourceneffizienz vs. Wettbewerbsfähigkeit? (30. September 2011)
Ressourceneffizienz: Wirtschaftliche Aktivitäten unter Öko-Vorbehalt? (20. September 2011)
Ressourcenschonendes Europa. LinkDossier
Bütikofer zur EU-Rohstoffpolitik: "Recycling, Effizienz, Fairness" (19. September 2011)
Europäische Rohstoffstrategie: Bütikofer-Bericht angenommen (13. September 2011)
Gefährliche Energiewende und gefährdete Bodenkultur (23. August 2011)
Europäisches Recyclingsystem für Seltene Erden? (1. Februar 2011)