Die erste Bilanz der Start-Up Strategie ist durchwachsen
Der Bundestag beriet am Mittwoch (27. September) den ersten Fortschrittsbericht zur Umsetzung der Start-up-Strategie. Laut Regierung sind bereits mehr als 40 Prozent der 130 Strategiemaßnahmen umgesetzt worden. Zweifel an deren Wirksamkeit bleiben allerdings trotzdem.
Der Bundestag beriet am Mittwoch (27. September) den ersten Fortschrittsbericht zur Umsetzung der Start-up-Strategie. Laut Regierung sind bereits mehr als 40 Prozent der 130 Strategiemaßnahmen umgesetzt worden. Zweifel an deren Wirksamkeit bleiben allerdings trotzdem.
Aus der gestrigen Unterrichtung ging hervor, dass mehr als 52 der 130 Strategiemaßnahmen der vor einem Jahr beschlossenen Start-up-Strategie umgesetzt worden sind.
Mit der im Juli 2022 beschlossenen Strategie wollte man Deutschland zur Start-Up-Nation machen, und den Standort international vorantreiben.
Zu den Handlungsfeldern der Strategie zählen eine finanzielle Stärkung, effektivere Talentgewinnung, einfachere Gründungsbedingungen, Förderung der Diversität und das Potenzial von Frauen, Verbesserung der Rahmenbedingungen, erleichterter Datenzugang und die Stärkung der Reallabore.
„Wir sehen Herausforderungen bei der Einschätzung des Gesamtökosystems, gerade, das natürlich von der weltweiten Krise nicht unberührt bleibt. Dennoch sagen 8 von 10 Start-ups, sie würden wieder in Deutschland gründen. Das zeigt, wir sind ein starker Standort“, sagte Anna Christmann, die Grüne Start-up Beauftragte des Bundeswirtschaftsministeriums.
„Und auch zwei Drittel planen, im kommenden Jahr externes Kapital aufzunehmen. Auch hier sieht man Optimismus bei den Start-ups. Das ist ein gutes Signal für unsere Wirtschaft, und das wollen wir weiter unterstützen“, fügte Christmann hinzu.
Allerdings sehen nicht alle die Entwicklung so rosig.
„Erstmals seit der Erhebung des Start-up-Monitors, also einer Befragung von etwa 2000 Start-ups in Deutschland, hat sich die Bewertung des Ökosystems in Deutschland verschlechtert, deutlich verschlechtert“, kritisierte Hansjörg George der CDU/CSU.
Rückendeckung erhalten die Kritiker zudem von einigen Studien, die ein deutlich düstereres Bild von den Entwicklungen als der Fortschrittsbericht der Bundesregierung zeichnen.
Der EY Startup-Barometer Deutschland zeigt, dass deutsche Start-ups in den ersten sechs Monaten diesen Jahres mehr als 3 Milliarden Euro und damit fast 50 Prozent weniger Risikokapital als im Vorjahreszeitraum erhalten haben.
Auch der Deutsche Start-up Monitor 2023 zeigt, dass das Geschäftsklima für Start-ups, abgesehen von der Covid-Pandemie in 2020, auf einem historischen Tiefpunkt.
Berichteinzelheiten
Bereits im Koalitionsvertrag hatte die derzeitige Bundesregierung vor knapp zwei Jahren angekündigt: „Wir verabschieden eine umfassende Start-up-Strategie“, mit dem Ziel, Deutschland als „führende[n] Start-Up-Standort in Europa“ voranzutreiben.
Im Detail versprach die Regierung damals digitale Schlüsseltechnologien zu fördern, die Bedingungen für Start-ups am Technologiestandort zu verbessern, einen leichteren Markteintritt und Zulassung zu gewährleisten, sowie Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund besseren Zugang zu Finanzierung und Wagniskapital zu gewähren.
Im Fortschrittsbericht wird nun vor allem die positive Entwicklung im Start-Up-Bereich hervorgehoben.
Zwischen 2020 und 2030 erwartet der Bericht einen Anstieg an in Start-ups Beschäftigten um rund 560.000 Stellen.
Um Testräume unter realen Bedingungen zu schaffen, war zudem geplant, Reallabore ins Leben zu rufen.
„Wir haben erst 20 Prozent bei der Umsetzung der Reallabore erreicht“, so FDP-Abgeordneter Gerald Ullrich.
„Mit einem Reallaborgesetz wollen wir die Leitplanken setzen, damit Bund, Länder und Kommunen mit einem geregelten Verfahren diese Räume auch wirklich schaffen können“, fügte Ullrich hinzu.
Damit Gründerinnen und Gründer künftig nicht mehr „von Amt zu Amt rennen müssen, um ihren bürokratischen Pflichten nachzukommen“, verweist Ullrich auf die One-Stop-Shop-Strategie. Gründerinnen und Gründer „haben eine Stelle, einen Ansprechpartner, an welchem sie alle relevanten Daten senden können und wo ihnen auch bei allen möglichen Problemen geholfen werden kann“, so Ullrich.
Zwei weitere Maßnahmen führte Christmann aus: „Ich will zwei nennen, den Deep Tech und Climate Fonds, wo wir explizit 1 Milliarde bereitstellen für Direktinvestitionen in Unternehmen, die im Deep Tech oder in Klimatechnologien unterwegs sind“.
Das Programm ‘Exist Women’ ist eine weitere Maßnahme, die dazu beitragen soll, mehr Gründerinnen für die Start-up-Szene zu begeistern.
„Dieses Programm startet jetzt bereits. Wir stagnieren im Moment bei der Zahl von Female Founders. Etwa 20 Prozent sind zu wenig. Da müssen wir besser werden“, so Christmann.
„Wir müssen dafür sorgen, dass Frauen Zugang zu Kapital und Netzwerken erhalten. Und wir müssen dafür sorgen, dass Frauen in der Gründungsszene sichtbarer werden“, fügte Linda Werner der Sozialdemokraten hinzu.
Es hagelt Kritik
Andere Studien kommen allerdings zu gänzlich gegenteiligen Einschätzungen, so etwa der Deutsche Start-up Monitor.
Dieser befragte 1.824 Start-ups, 4.559 Gründerinnen und Gründer, sowie 31.925 Mitarbeitende. Bei den Ergebnissen zeigte sich, dass 9 von 10 der Befragten zwar wieder gründen würden, aber 17 Prozent davon lieber ihr nächstes Unternehmen im Ausland aufbauen würden. Auch ist die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Unternehmen seit 2020 um 10 Prozentpunkte auf 61 Prozent gesunken.
„Ich darf erwähnen, dass die Bedingungen für Start-ups sich in Deutschland nach Einschätzung von Gründerinnen und Gründern im letzten Jahr verschlechtert haben. Das geht aus dem Start-up Monitor hervor“, kritisierte auch der Linken-Abgeordneter Alexander Ulrich.
„Also Ihr Fortschrittsbericht ist in Wirklichkeit ein Rückschrittsbericht“, so Ulrich.
Neben dem deutschen Start-up Monitor belegt auch der EY-Barometer, dass sich das Startup-Umfeld in Deutschland verschlechtert hat. EY verzeichnete für das erste Halbjahr 2023, dass das Finanzierungsvolumen im dritten Halbjahr in Folge gesunken ist und damit ein Rückgang auf Vor-Corona-Niveau vorliegt.
Auch sind weniger Mega-Deals abgeschlossen worden, während es vor einem Jahr noch 488 Finanzierungsrunden gab, sind es dieses Jahr 402, dabei wurden ein Drittel weniger Deals von über 100 Mio. Euro und nur noch halb so viele Mega Deals in Höhe von 51,1 Mio. bis 100 Mio. Euro abgeschlossen.
Mehr Einsatz in Brüssel
Auch ist die Bundesregierung in der Unterrichtung angehalten worden, sich aktivier in der EU einzubringen, um ein gedeihendes Ökosystem für Start-ups zu gewährleisten.
„Wichtig wäre auch, wenn die Bundesregierung in Brüssel endlich aktiver würde. Wesentliche Rahmenbedingungen für den Kapitalmarkt werden nämlich genau dort gesetzt“, so der Christdemokrat Klaus Wiener.
„Auch, um privates Kapital besser zu mobilisieren, würde es Sinn machen, in Brüssel häufiger anzuklopfen“, fügte Wiener hinzu.
„Nur wenn wir als Europa zusammenarbeiten, können die jungen Unternehmen hier auch wachsen. Denn Einhörner gehören nicht in den Stall, sondern auf die Koppel“, betonte Ullrich der Freien Demokraten.
„Deshalb muss der europäische Binnenmarkt besser für Start-ups erschließbar sein. Hier sind noch viele Hürden zu nehmen und zu überbrücken“, fügte er hinzu.