Die Welt steht vor einem „Abgrund“ bei der Energieversorgung, warnt Lagarde
Die Chefin der Europäischen Zentralbank sagte, der Krieg mit dem Iran könnte einen schnelleren Preisanstieg auslösen als Russlands groß angelegte Invasion in der Ukraine.
„Die Weltwirtschaft steht vor einem Abgrund in der Energieversorgung“, sagte Christine Lagarde heute.
Mit einer eindringlichen Warnung schlug die Präsidentin der Europäischen Zentralbank Alarm: Ein Krieg der USA und Israels gegen den Iran könnte die Inflation in der Eurozone schneller in die Höhe treiben als die groß angelegte Invasion Russlands in der Ukraine im Jahr 2022.
In einer Rede, die sie am Mittwoch in Frankfurt hielt, sagte sie, dass die jüngsten Angriffe Israels und Irans auf die kritische Energieinfrastruktur im Nahen Osten zeigen, dass die „Wahrscheinlichkeit einer schnellen Normalisierung“ des seit fast einem Monat andauernden Konflikts „abnimmt“.
„Eine weitere kritische Schwelle rückt ebenfalls näher: Die weltweiten Ölreserven gehen zur Neige, und die letzten LNG-Tanker [Flüssigerdgas], die vor dem Krieg im Golf beladen wurden, erreichen nun ihre Ziele, was bedeutet, dass die vollen Auswirkungen der Versorgungsausfälle erst jetzt spürbar werden“, sagte Lagarde.
Wachsende Befürchtungen über die Auswirkungen des Krieges
Ihre Äußerungen kommen inmitten wachsender Befürchtungen über die Auswirkungen des Krieges auf die Weltwirtschaft. Fatih Birol, Leiter der Internationalen Energieagentur – die Anfang dieses Monats die bislang größte Freigabe von Ölvorräten angekündigt hatte –, sagte letzte Woche, der Krieg stelle „die größte globale Bedrohung für die Energiesicherheit in der Geschichte“ dar.
Eine am Dienstag veröffentlichte, mit Spannung erwartete Umfrage zeigte zudem, dass die Stimmung im privaten Sektor der Eurozone eingebrochen ist und Lieferverzögerungen auf ein seit 2022 nicht mehr gesehenes Niveau gestiegen sind.
Lagarde warnte zudem, dass die „frische Erinnerung“ der Europäer an den durch Moskaus groß angelegten Einmarsch ausgelösten Preisanstieg dazu führen könnte, dass die Preise schneller steigen als vor vier Jahren, als die Inflation mit 10,6 % ihren Höchststand erreichte – mehr als das Fünffache des Zielwerts der EZB von 2 %.
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Unternehmen, so Lagarde, hätten nun „praktische Erfahrung mit raschen Preisänderungen“, während Arbeitnehmer den Auswirkungen von Preisänderungen auf ihre Löhne „mehr Aufmerksamkeit schenken“.
„Auch wenn der Schock von 2022 unter Kontrolle gebracht wurde, hat diese Erfahrung Spuren hinterlassen“, sagte Lagarde. „Eine ganze Generation hat nun ihre erste Phase hoher Inflation durchlebt – und sie wird beim zweiten Mal vielleicht nicht mehr so langsam reagieren“.
Wirtschaftliche Lage Europas weniger gravierend als vor vier Jahren
Mit optimistischeren Tönen betonte Lagarde, dass die aktuelle wirtschaftliche Lage Europas in gewisser Weise weniger gravierend sei als vor vier Jahren. Die Inflation liege nun nahe am 2-Prozent-Ziel der EZB, während die Zinssätze und die Staatsausgaben weniger „akkomodierend“ gegenüber Preisanstiegen seien als damals.
„Wir befinden uns nicht in derselben Lage wie vor vier Jahren“, sagte sie. „Aber wir werden uns nicht durch Zögern lähmen lassen“.
(bw)