Drohender Energie- und Rohstoffimperialismus

Schon jetzt bestimmen zunehmend die strategischen Interessen der Mächte die Energie- und Rohstoffpolitik und nicht der Markt. Das neu gegründete European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King’s College London hat den Trend zu Renationalisierung, Energie- und Rohstoffimperialismus im Visier. EUCERS-Direktor Friedbert Pflüger im Gespräch mit EURACTIV.de.

Die größten Lithium-Vorkommen der Welt vermuten Geologen in der Salzebene am Uyuni-See in Bolivien. Auf Verteilungskämpfe um Seltene Erden ist Europa nicht vorbereitet (Foto: rtr)
Die größten Lithium-Vorkommen der Welt vermuten Geologen in der Salzebene am Uyuni-See in Bolivien. Auf Verteilungskämpfe um Seltene Erden ist Europa nicht vorbereitet (Foto: rtr)

Schon jetzt bestimmen zunehmend die strategischen Interessen der Mächte die Energie- und Rohstoffpolitik und nicht der Markt. Das neu gegründete European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King’s College London hat den Trend zu Renationalisierung, Energie- und Rohstoffimperialismus im Visier. EUCERS-Direktor Friedbert Pflüger im Gespräch mit EURACTIV.de.

Zur Person

" /Prof. Dr. Friedbert Pflüger war Pressesprecher von Bundespräsident Richard von Weizsäcker, CDU-Bundestagsabge-ordneter (1990 bis 2006), Staatssekretär im Verteidigungsministerium und CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus. 2008 verließ er die Politik. Im Herbst 2010 hat Pflüger das European Centre for Energy and Resoucre Security (EUCERS) am King’s College London (Department of War Studies) mitbegründet, dessen Direktor er heute ist.
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EURACTIV.de: Seit dem 1. Oktober 2010 gibt es am King’s College London das European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS). Warum? Was unterscheidet EUCERS von anderen Instituten, in denen über Energiefragen geforscht und gelehrt wird?

PFLÜGER: EUCERS beschäftigt sich mit der europa-, außen- und sicherheitspolitischen Dimension der Energiepolitik. Vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung, des stark zunehmenden Energie- und Rohstoffhungers der neuen Großmächte und  Schwellenländer wird der Wettbewerb um die begrenzten Ressourcen unserer Welt immer härter. Die Internationale Energie Agentur (IEA) kommt in ihrem letzten Jahresbericht zu dem Schluss, dass die weltweiten Energiepolitiken weder bezüglich der Erfordernisse des Klimawandels noch hinsichtlich der globalen Versorgungssicherheit nachhaltig sind.

Vor diesem Hintergrund droht eine Renationalisierung, ja ein Energie- und Rohstoffimperialismus. Nicht der Markt, sondern die strategischen Interessen der Mächte bestimmen zunehmend die Energie- und Rohstoffpolitik.

Man blicke nur auf die Art und Weise, in der China sich in den letzten Jahren mit seinen Staatskonzernen in Afrika, Lateinamerika oder Zentralasien überall dort in Stellung bringt, wo Energie- und Rohstoffvorkommen liegen! Zudem hat China sein faktisches Produzenten- und Exportmonopol bei den Seltenen Erden kürzlich politisch in einem diplomati­schen Konflikt mit Japan instrumentalisiert, indem ein faktischer Exportstopp gegenüber Tokio verhängt wurde, obwohl Peking selbst von Energie- und Rohstoffimporten stetig abhängiger wird und über zunehmende Versorgungssicher­heits­ri­siken mehr denn je besorgt ist.

Verwundbar und abhängig

Darüber hinaus zeigt die Problematik der Seltenen Erden, dass auch bei den Erneuerbaren Energien und anderen „Green Technologies“ neue Abhängigkeiten, Verwundbar­kei­ten sowie Versorgungs­sicher­heits­risiken und somit auch geopolitische Konflikte entstehen können.

Man blicke aber auch zum Nordpol, wo die Russen 2007 demonstrativ auf dem Meeresgrund ihre Flagge hissten.  Arktische Flotten werden aufgebaut und Manöver abgehalten! Hinzu kommt die Bedrohung der Handelsrouten und der sogenannten kritischen Infrastruktur im Energiebereich durch Terroristen und Cyber-Angriffe.

In wenigen Jahren wird zudem die Wasserproblematik in den Vordergrund rücken – alles mit enormen außen- und sicherheitspolitischen Implikationen. Diese Entwicklungen zu analysieren und aufzuzeigen, wie die sich anbahnenden Ressourcenkonflikte friedlich und präventiv gelöst werden können, ist eine wichtige Aufgabe für die EU und ihre Mitgliedsländer.  

EURACTIV.de: Ist es das Ziel von EUCERS, die europäische Energiepolitik zu beeinflussen?

PFLÜGER: Eines der Ziele ist es, mit den Ergebnissen unserer Studien, unserer Runden Tische und Workshops europäischen und nationalen Institutionen im Energie- und Rohstoffbereich, aber auch Verbänden oder Unternehmen, ein Angebot zur wissenschaftlicher Analyse und Begleitung zu ermöglichen.

Wir wollen, dass sich die bei uns betriebene Forschung und Lehre nicht im Elfenbeinturm abspielt, sondern wir wollen den Dialog mit der praktischen Energiepolitik. Dieser soll für beide Seiten fruchtbar werden. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass unsere Studenten bei der EU oder in europäischen Energieunternehmen Praktika absolvieren, dass sie in ihren Doktorarbeiten praxisrelevante Themen bearbeiten, um sich damit für berufliche Karrieren im Energie- und Rohstoffbereich zu rüsten.

Die EU ist durch den Vertrag von Lissabon – nicht zuletzt aber durch die Arbeit des Präsidenten der Kommission, Jose Manuel Barroso, und des Energiekommissars  Günther Oettinger – aufgebrochen, um eine wirksame europäische Energiepolitik zu formulieren. Das ist auch dringend erforderlich, wenn wir für die europäischen Nationen – bei Einhaltung der  beschlossenen EU-Klimapolitik –  langfristig Versorgungssicherheit für alle garantieren und unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten wollen.

Das gleiche gilt übrigens auch für den Bereich Rohstoffe, denken Sie nur an die Probleme der europäischen Industrie mit der Versorgung von Seltenen Erden.  

Politisches und Akademisches


EURACTIV.de:
Sie waren über zwei Jahrzehnte deutscher Politiker –  u.a. als Vorsitzender des EU-Ausschusses des Bundestages und Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Wieso jetzt dieser Schritt in die akademische Welt?

PFLÜGER: Mein Doktorvater, Karl Dietrich Bracher, war immer der Meinung, dass ich schon gleich nach meiner Promotion in die Wissenschaft hätte gehen sollen. Warum der lange Umweg?, fragte er im letzten Jahr… Im Ernst: Wir sollten viel mehr Karrierewechsel und Austausch zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft in Deutschland und Europa zulassen und fördern. Die USA sind da weiter als wir in der alten Welt.

Ich habe in meiner Zeit als Politiker nie den Kontakt zur Wissenschaft aufgegeben, ständig publiziert – immer wieder auch zu Fragen der  internationalen Energie- und Umweltpolitik – und trage jetzt gerne meine zwanzigjährigen Erfahrungen in der praktischen Politik, die schwerpunktmäßig Europa-, Außen- und Sicherheitspolitik war, in die akademische Welt hinein.

Besondere Freude bereitet mir, wie sehr Studenten und Doktoranden sich gerade dafür interessieren. Am King’s College London arbeiten zu dürfen, ist eine besondere Ehre. Hier hat es – besonders auch von dem Dekan des Department of War Studies, Mervyn Frost, und seinem Vorgänger, Sir Lawrence Freedman,–  den ausdrücklichen Wunsch nach solcher Erfahrungsweitergabe gegeben. Im übrigen empfinde ich gerade die ständige Zusammenarbeit mit unserem kleinen Team hervorragender Wissenschaftler als große Bereicherung.  

EURACTIV.de: Sie sprechen vom EUCERS-Team. Wer gehört dazu?

PFLÜGER: Unsere Forschungsdirektorin Petra Dolata zum Beispiel und unser Associate Director Frank Umbach. Petra Dolata hat ein wichtiges Buch über die deutsche Kohlekrise im nationalen und transatlantischen Kontext und zahlreiche Artikel zu Fragen der US-amerikanischen und kanadischen Energiepolitik publiziert. Nachdem sie an der Berliner Freien Universität als Assistant Professor tätig war, begann sie 2007 am King’s College London am Department of Political Economy. Sie ist für die PhD-Studenten im Bereich Energiesicherheit am KCL zuständig.

Frank Umbach ist neben seiner Tätigkeit für Eucers Senior Associate & Head of Programme für internationale Energiesicherheit am Centre fo European Security Studies (CESS GmbH) in München-Berlin. Von 1996-2007 war er der Leiter der beiden Programme „Internationale Energiesicherheit“ und „Außen- und Sicherheitspolitik in Asien-Pazifik“  bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Er ist weltweit sehr gut vernetzt und Autor von über 250 Publikationen in 25 Ländern, die sich schwerpunktmäßig mit Energie- und Rohstoffsicherheit befassen, darunter sein 2003 erschienenes Buch über globale Energiesicherheit als strategische Herausforderung der europäischen und deutschen Außenpolitik.

Außerdem haben wir mit Carola Gegenbauer eine junge Europa-Expertin als Head of Operations unseres Centres am KCL. Carola gehört zu den besten Schülerinnen von Ludger Kühnhardt vom Zentrum für Europäische Integrationsforschung (ZEI) der Universität Bonn. Darüber hinaus haben wir sehr qualifizierte junge research-associates – alles in allem ein kleines, aber sehr gutes und motiviertes Team, das sich der vollen Unterstützung durch das Department of War Studies und der Universität erfreut. 

EURACTIV.de: Wie finanziert sich EUCERS?

PFLÜGER: Das King’s College London stellt uns ein Büro im Unigebäude am Strand und die entsprechende Ausstattung, ferner die Räumlichkeiten für große und kleine Veranstaltungen. Es deckt die Basiskosten. Darüber hinaus finanzieren wir unsere Forschungsprojekte und Konferenzen durch Drittmittel. Mit Hilfe der Konrad Adenauer-Stiftung haben wir z.B. im letzten Jahr einen workshop zur europäischen Energiesicherheit veranstaltet, den key-note-Vortrag damals hat Jürgen Grossmann, der CEO von RWE, gehalten. Dessen britischer Ableger n-Power und die österreichische Botschaft haben uns bei der Durchführung eines weiteren workshops unterstützt, auf dem der frühere österreichische Kanzler Wolfgang Schüssel zum Thema „Turkey as an Energy Hub for Europe“ den Hauptvortrag hielt.

Für 2011 haben wir Unterstützungszusagen der Bertelsmann-Stiftung, des britischen Foreign Office, der Standard Chartered Bank u.a. Neben Stiftungen, Unternehmen und der öffentlichen Hand haben wir auch einen ersten privaten Stifter gewinnen können, der den akademischen Nachwuchs fördern will und sich besonders für unsere Themen interessiert.

EURACTIV.de: Sie sind ein junges Forschungscenter: was können und was wollen Sie 2011 erreichen?

PFLÜGER: Wir planen zwei umfassende Studien zum Thema Türkei und der südliche Korridor sowie über die Chancen von Carbon Capture Storage (CCS), also der CO2-freien Kohleproduktion. Außerdem mindestens vier Workshops und zwei Round-table-Konferenzen zu Themen wie unkonventionelle Gasvorkommen oder Seltene Erden. Außerdem betreuen wir die ersten Dissertationen, bieten hoffentlich sehr bald erste Stipendien an und leisten auf diese Weise einen wachsenden Beitrag zum akademischen Leben am Department of War Studies am KCL.

Interview: Ewald König

Links:

Zur Person: Prof. Dr. Friedbert Pflüger

Homepage EUCERS

Homepage King’s College London / EUCERS

EURACTIV.de: China fährt Export Seltener Erden drastisch zurück (30. Dezember 2010)

EURACTIV.de: Debatte um EU-Rohstoffpolitik (16. April 2010)

EURACTIV.de: Wirtschaft besorgt über Chinas marktaggressive Methoden (13. Oktober 2010)