E-Book Debatte zwischen Google und EU geht weiter [DE]
Obwohl die EU Google’s Bücherdigitalisierungsprojekt prinzipiell unterstützt, gibt es noch viele Fragen zu klären. Europa befürchtet besonders eine mögliche Alleinherrschaft Googles über den Zugang zu den bisher digitalisierten Dokumenten. Copyright, Datenschutz und Zensur sind weitere wichtige Themen.
Obwohl die EU Google’s Bücherdigitalisierungsprojekt prinzipiell unterstützt, gibt es noch viele Fragen zu klären. Europa befürchtet besonders eine mögliche Alleinherrschaft Googles über den Zugang zu den bisher digitalisierten Dokumenten. Copyright, Datenschutz und Zensur sind weitere wichtige Themen.
„Europa steht vor einer sehr wichtigen kulturellen und wirtschaftlichen Herausforderung: Bislang sind nur 1 % der Bücher in Europas Nationalbibliotheken digitalisiert worden. Eine enorme Aufgabe liegt daher noch vor uns, gleichzeitig eröffnen sich aber auch neue kulturelle Perspektiven und Marktchancen‘, schrieben EU- Medienkommissarin Viviane Reding und Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy in einer vor kurzem veröffentlichten gemeinsamen Erklärung. Für diese Herkules-Aufgabe würde sich besonders die Unterstützung des privaten Sektors anbieten, so die beiden EU-Kommissare.
Google ist der bisher größte private Anbieter von digitalisierten Büchern. Im Rahmen des revolutionären Book Search Projekts hat die Firma bereits 10 Millionen Bücher von Printausgaben in digitale Versionen übertragen. Dieser enorme Umwandlungsprozess bietet vollkommen neue Entwicklungsmöglichkeiten für das kulturelle Erbe der Menschheit. Alte Bücher, die oft nur noch Bibliotheken stehen und damit schwer zugänglich sind, stehen in der digitalisierten Form jedem Internetnutzer zur Verfügung.
‚Es ist wie eine Auferstehung der alten Bücher,‘ sagt Silvia Van Peteghem von der Universität Ghent in den Niederlanden. Ghent ist eine der europäischen Bibliotheken, die mit Google ein Abkommen über die Digitalisierung ihrer Bücher geschlossen hat.
Google argumentiert, dass die Digitalisierung dem schon bestehenden Markt für digitale Bücher nicht schadet. Schließlich würde Google Books nur Bücher digitalisieren, die kommerziell gar nicht mehr erhältlich sind. Diese Bücher seien vergriffen, oft nur noch in abgelegenen Bibliotheken zu finden, und würden auch ihren Autoren keine Gewinne mehr bringen. Bücher, die regulär in Buchläden verkauft werden, seien von der Google Books Digitalisierung nicht betroffen.
Laut Unternehmensangaben besteht der weltweite Buchmarkt zu 97% aus im Druck erscheinenden Büchern. Vergriffene Bücher oder Werke, bei denen der Copyright-Besitzer unbekannt ist (sogenannte verwaiste Bücher oder ‚Orphan Books‘), halten den restlichen Marktanteil von 2-3%.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Obwohl vergriffene Bücher und Orphan Books oft nur einen niedrigen kommerziellen Wert besitzen, stellen sie doch 90% der europäischen Bibliothekskollektionen dar und den mit Abstand größten Teil der weltweiten Buchsammlungen. Es ist ein potenziell riesiger Markt, der entsprechend hohe Gewinne abwerfen könnte, würde man ihn voll ausschöpfen. Gleichzeitig würden jedoch auch die derzeitigen Marktbedingungen maßgeblich verändert werden.
Und das ist für viele Kritiker der Knackpunkt. Die Umsetzung von Google Books würde dem Unternehmen einen massiven Marktvorteil vor seinen Konkurrenten verschaffen. Was sollte Google davon abhalten, diese Monopolstellung in dem neuen Markt der digitalisierten alten Bücher auszunutzen?
Die meisten europäischen Verleger, Autoren und Buchhändler stimmen überein, dass sich in diesem Fall neue Wettbewerbsbedingungen und möglicherweise drastische Folgen für einige der derzeitigen Geschäftsmodelle ergeben würden.
‚Google würde de facto der größte digitale Buchverkäufer der Welt werden‘, warnt Fran Dubruille von der European Booksellers‘ Federation (EBF), dem Dachverband der europäischen Buchverkäufer. Im EBF sind rund 20,000 europäische Buchhändler organisiert.
Autoren befürchten, dass Google seine eigenen Preise bestimmen wird. Die Verlagsbranche hingegen sorgt sich um einen möglichen Umsatzverlust. Angela Mills-Wade vom European Publisher’s Council argumentiert: ‚Sollte sich eine Ausgabe eines englischsprachigen Buches in eine US-Bibliothek verirren, könnte Google es einscannen, selbst wenn der Herausgeber die Rechte für den amerikanischen Markt gar nicht erteilt hat. Das würde die Möglichkeiten des Herausgebers, diese Rechte später einmal zu verkaufen, ganz enorm einschränken‘.
Es gibt jedoch noch sehr viel drastischere Bedenken. Eine Monopolsituation im digitalisierten Buchmarkt könnte verheerende Auswirkungen auf das internationale kulturelle Leben und Schaffen haben, beispielsweise durch die Möglichkeit der Zensur. Wenn es nur einen Vertreiber gibt, wäre es für einen Staat oder eine einflussreiche Interessensgruppe sehr einfach, die Herausgabe eines bestimmten Buches zu verhindern.
Auch der Datenschutz stellt ein großes Problem dar. Bei vielen Google-Anwendungen wie dem E-Mail Programm oder der Suchmaschine werden persönliche Daten erhoben und zentral gespeichert. Besonders in Europa stellt man sich oft die Frage, wie denn mit dieser riesigen Datenmenge eigentlich verfahren wird.
Google hingegen behauptet, es sei an einer Monopolstellung gar nicht interessiert und diese Szenarien seien somit unrealistisch. Das Unternehmen erklärte sogar, dass es jeder Firma, die an der Digitalisierung von Büchern interessiert sei, freien Zugriff auf seine Datenbank bieten würde.
Der feine Unterschied zwischen vergriffenen und im Druck erscheinenden Büchern
Obwohl Google behauptet, sein Projekt würde sich nur mit ‘nicht-kommerziell erhältlichen Büchern’ beschäftigen, sieht Owen Atkinson von der British Authors‘ Collecting Society doch potenziell schwerwiegende Probleme.
‚Datenbanken mit Büchern, die im Druck sind, werden oft nicht aktualisiert‘, sagt Atkinson. Dies bedeutet, dass Google auch Bücher digitalisieren kann, die in Buchhandlungen erhältlich sind. ‚Wir haben 30,000 der von Google digitalisierten Bücher überprüft und herausgefunden, dass 10% davon noch im Druck sind‘.
Andrej Savin von der Copenhagen Business School sieht ein ähnliches Problem. ‚Letztendlich bestimmt die Nachfrage, welche Bücher in den Druck kommen oder vergriffen sind. Dies betrifft besonders Bücher, die in Minderheitensprachen geschrieben sind‘.
Diese Schwierigkeiten sind selbst Google bewusst. Dan Clancy, Google’s Engineering Director, gibt zu: ‘Es ist nicht einfach, zu erkennen, was kommerziell erhältlich ist und was nicht.‘
Der Dachverband der Europäischen Verleger hat nun ein System entwickelt, mit dem sich schnell feststellen lässt, ob ein Buch im Druck ist oder nicht. ARROW (Accessible Registries of Rights Information and Orphan Works) ist eine elektronische Datenbank, die als Alternative zu Google Books eingesetzt werden könnte.
Europäische Bücher in den USA – wer darf dran?
Europäer haben noch ein zusätzliches Problem mit Google Books. Das von Google angestrebte Abkommen umfasst auch europäische Bücher, die in den USA verlegt werden. Ohne eine ähnliche Abmachung in Europa würde dies bedeuten, dass amerikanische Nutzer auf tausende digitalisierte europäische Bücher zugreifen können, die sich in europäischen Bibliotheken befinden und de facto nicht für europäische Leser zugänglich sind. Europäische Leser hingegen hätten keinerlei Zugriff auf ihre eigenen Bücher in den USA. Dadurch könnte sich im Laufe der Zeit eine kulturelle Trennung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten ergeben.
Dies ist auch einer der Gründe, warum die Kommission Google’s Buchprojekt unterstützt und sich gleichzeitig für harmonisierte Urheberrechtsbestimmungen in den unterschiedlichen EU-Ländern stark macht. Die derzeitige EU-Gesetzgebung verhindert die Einbeziehung des amerikanischen Abkommens in den EU-Binnenmarkt. Ein grenzübergreifendes Abkommen ist noch lange nicht in Sicht.