Erotikbranche fordert Mitsprache bei KI-Richtlinien
Die Interessenvertreter der Erotikbranche versuchen, die KI-Vorschriften der EU zu beeinflussen, welche die Rechte der Urheber von Inhalten schützen sollen. Dabei geht es um die Regulierung von KI-generierte Pornografie, Deepfakes und Herausforderungen bei der Altersüberprüfung.
Die Interessenvertreter der Erotikbranche versuchen, die KI-Vorschriften der EU zu beeinflussen, welche die Rechte der Urheber von Inhalten schützen sollen. Dabei geht es um die Regulierung von KI-generierte Pornografie, Deepfakes und Herausforderungen bei der Altersüberprüfung.
Die Digital Intimacy Coalition, die sich für Privatsphäre und sexuelle Entfaltung im digitalen Raum einsetzt, hat eine neue Initiative namens Open Mind AI ins Leben gerufen. Am Donnerstag (19. September) hat sie ein offenes Schreiben an die Europäische Kommission gerichtet und darin um eine Stimme bei den bevorstehenden Diskussionen über die KI-Politik gebeten.
Im September 2023 forderten Abgeordnete des EU-Parlaments, Sexarbeiter nicht mehr zu kriminalisieren und stattdessen die Freier zu bestrafen. Dies löste eine Debatte zwischen den Sexarbeitern und den Mitgliedern des Europäischen Parlaments aus.
Beschäftigte in der Erotikbranche fühlen sich derzeit von Diskussionen über technische Vorschriften ausgeschlossen, die sich auch auf große Technologieunternehmen, einschließlich Pornoplattformen, konzentrieren.
Diejenigen, „die in der Pornobranche arbeiten und wissen, was die Leute in die Suchleiste eingeben, können die wertvollsten Erkenntnisse [für die Regulierung] liefern“, erklärte Ana Ornelas, Mitbegründerin der Initiative, gegenüber Euractiv.
Ein Sprecher der EU-Kommission teilte Euractiv mit, dass man im regulären Gesetzfindungsprozess öffentliche Konsultationen durchführen würde, welche eine Möglichkeit für Feedback ermöglichen.
Damit gibt sich die Erotikbranche jedoch nicht zufrieden. Zum Prozess sollten Gesprächsrunden und Konsultationen mit Branchenexperten gehören, meinte Alessandro Polidoro, ein unabhängiger Anwalt, der die Koalition leitet.
Die Definition und Unterscheidung von sexueller Aufklärung, erotischer Kunst und Pornografie sei für die Politikgestaltung von entscheidender Bedeutung, sagte Ornelas.
Paulita Pappel, Erotikfilmemacherin, die an der Initiative beteiligt ist, und Mitbegründerin von Lustery, einer Plattform, auf der Paare aus dem echten Leben Videos austauschen, verwies auf Ofcom, die britische Regulierungsbehörde für Kommunikation. Ofcom sei ein gutes Beispiel für eine Regulierungsbehörde, die sich mit der Erotikbranche berät.
Offenlegung von Klarnamen
Im Juli legte Aylo, die Muttergesellschaft von Pornhub, beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) Berufung ein, um die Offenlegung der echten Namen von Nutzern in seinem Anzeigenarchiv zu vermeiden. Dies wird durch das Gesetz über digitale Dienste (DSA) vorgeschrieben.
Aylo argumentierte, dass die Offenlegung der Namen von Werbetreibenden, einschließlich der Ersteller von Inhalten und Darsteller, deren Sicherheit gefährden würde, da ihre Namen öffentlich zugänglich wären.
Obwohl die Sicherheit von Sexarbeitern wichtig ist, könnte Aylo dies als Vorwand nutzen, um die Umsetzung des Gesetzes über digitale Dienste zu verzögern, erklärte Polidoro, Vorsitzender der Digital Intimacy Coalition, im Juli gegenüber Euractiv. Die Koalition setzte sich für die Aufnahme von Pornoplattformen in das Gesetz über digitale Dienste ein.
„Es ist legitim und wichtig, dass Pornhub diese Frage aufwirft“, meinte Pappel gegenüber Euractiv. Sie merkte jedoch auch an, dass große Plattformen oft das Wohl der Darsteller vernachlässigen.
Diese Unternehmen halten sich oft einfach an die regulatorischen Anforderungen, anstatt die Rechte der Urheber von Inhalten zu priorisieren und potenzielle Schäden in Betracht zu ziehen, erklärte sie.
Chatbot-Zensur und Deepfakes
Inhaltsrichtlinien für KI-Chatbots können Urheber von Inhalten davon abhalten, sie für ihre Arbeit zu nutzen, sagte Ornelas.
Sie hat ein Projekt über die Anatomie der Klitoris und nutzt gelegentlich die Hilfe von ChatGPT. Sie kann die KI jedoch nicht verwenden, da dies „sofort gegen die Inhaltsrichtlinie verstößt“.
„Wir sprechen hier von biologischer Forschung“, sagte sie und fügte hinzu, dass selbst Beschreibungen von Kussszenen Einschränkungen unterliegen.
Umgekehrt würden KI-Modelle, die freizügige Inhalte zulassen, oft alle Filter entfernen. Dadurch würden rassistische, homophobe oder hasserfüllte Inhalte zugänglich gemacht, erklärte Ornelas.
Darüber hinaus sagte sie, dass nicht einvernehmliche Deepfake-Pornografie nicht nur Einzelpersonen persönlich verletzt, sondern auch den Arbeitnehmern, die pornografische Inhalte produzieren, schadet, indem sie ihnen das Einkommen entzieht.
Die Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt werde das „nicht einvernehmliche Teilen von intimem oder manipuliertem Material“, einschließlich Deepfakes, unter Strafe stellen. Zudem verstießen diese Handlungen gegen die Allgemeine Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), erklärte ein Sprecher der Kommission gegenüber Euractiv.
Schutz der Schwächsten
Sowohl Pappel als auch Ornelas befürworten Einschränkungen, um Minderjährige am Zugriff auf Pornografie oder nicht altersgerechte Inhalte zu hindern.
Ein Ziel des Gesetzes über digitale Dienste ist der Schutz von Kindern, die oft als „am schutzbedürftigsten“ bezeichnet werden. Ornelas ist jedoch der Meinung, dass auch die Ersteller von Erotik-Inhalten zu dieser Gruppe gehören.
Technologischer Fortschritt und der „Wunsch nach erotischen Inhalten gehen Hand in Hand“, aber es sollten Schutzmaßnahmen ergriffen werden, um die Schwächsten zu schützen, sagte sie.
„Wir müssen eine reife Diskussion führen[…], die nicht von der Moralvorstellung geprägt ist, dass wir nicht über Sex und nicht über Inhalte für Erwachsene sprechen und so tun sollten, als gäbe es sie nicht.“
Jetzt sei „ein guter Zeitpunkt, um in dieser Branche für mehr Transparenz zu sorgen, und ich hoffe wirklich, dass die politischen Entscheidungsträger diese Gelegenheit nicht verpassen“, sagte Pappel.
[Bearbeitet von Eliza Gkritsi/Rajnsih Singh/Kjeld Neubert]