Erste Ideen für eine Neuauflage der EU-Pestizidregeln

Eine europaweite Regelung zur Pesitzidreduktion ist gescheitert. Dennoch will die Bundesregierung den Pestizideinsatz reduzieren – und auch in Europa wird das Thema wieder wichtig werden.

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Während Brüssel noch in der Schockstarre ist, regt sich in Berlin der politische Wille, Pestizide im Alleingang anzugehen, so das Landwirtschaftsministerium im Januar. [Shutterstock/Andrii Yalanskyi]

Eine europaweite Regelung zur Pesitzidreduktion ist gescheitert. Dennoch will die Bundesregierung den Pestizideinsatz reduzieren – und auch in Europa wird das Thema wieder wichtig werden.

Am 6. Februar sah sich die EU-Kommission gezwungen, die gescheiterte Pestizid-Verordnung (SUR) inmitten von europaweiten Bauernprotesten zurückzunehmen. Das Ziel, den Pestizideinsatz um 50 Prozent zu reduzieren, bleibt dennoch bestehen – sowohl in Brüssel als auch Berlin.

Doch während Brüssel noch in der Schockstarre ist, regt sich in Berlin der politische Wille, Pestizide im Alleingang anzugehen, so das Landwirtschaftsministerium im Januar.

Wie könnte ein politisch gangbarer Weg aussehen? Der Deutsche Bauernverband (DBV) habe zuletzt betont “dass wir uns durchaus Reduktionsschritte in deutlich zweistelligem Maße vorstellen können,” erklärte Johann Meierhöfer, Leiter der Abteilung Ackerbau beim DBV, zuletzt auf einem von Euractiv veranstalteten Panel.

“Erstmal gilt es abzuwarten, was die Bundesregierung vorlegt”, fügte er hinzu.

Der mächtige Bauernverband, der bereits die Pestizidverordnung zu Fall brachte, hat auch eigene Erwartungen an einen solchen Vorstoß.

Wichtig zum einen sei Meierhöfer ein “kooperativer Ansatz”, sodass diejenige, welche die Regeln umsetzen müssten, auch an ihrer Entwicklung beteiligt werden. Zudem stelle man sich einen neuen Ansatz vor, die verschiedenen Pestizidarten gestaffelt anzugehen.

Es wäre “vielleicht sinnvoll bei den Herbiziden zu reduzieren”, betonte er. Wenn man Qualitätsprobleme in Kauf nehme, wären auch Fortschritte bei den Fungiziden möglich, so Meierhöfer.

“Ich glaube, das schwierigste Thema, das ist uns allen klar, ist das Thema Insektizide”, so der Landwirtschaftslobbyist. Denn infolge des Klimawandels würden zunehmend neue Insektenarten in den Norden wandern.

Bei Pestizid-Experten trifft ein derartiger kaskadenartiger Ansatz durchaus auf Zustimmung.

“Ich finde den Ansatz, sich Herbizide, Fungizide, Insektizide anzusehen, nicht verkehrt,” erklärte Lars Neumeister, ein Mitglied des globalen Pestizid-Aktions-Netzwerk PAN.

Allerdings betonte der Experte, bei den Fungiziden im Ackerbau “können wir wahrscheinlich auf das meiste verzichten”, wenn man eine “vernünftige Fruchtfolge” anwende. Dabei werden verschieden Nutzpflanzen in einer zeitlichen Abfolge auf einem Feld angebaut, um die Verbreitung von Krankheiten und Schädlingen natürlich zu minimieren.

Insgesamt forderte er einen neuen Schwerpunkt. Statt sich auf den Anbau von Obst und Gemüse zu konzentrieren – “da reden wir von 2,5 Prozent der deutschen Fläche – , müsse gegen den Einsatz von Insektiziden im großflächigen Anbau von Mais und Getreide vorgegangen werden.  Die Einhaltung von Fruchtfolgen könne hierbei helfen.

“Das heißt, wir könnten eigentlich auf 97 Prozent der Fläche wirklich viel mehr erreichen als auf drei Prozent”, betonte Neumeister.

Laut dem Experten solle die Bundesregierung zudem zum Nachbarn blicken. “In Dänemark sind grundsätzlich immer 150 Wirkstoffe weniger zugelassen als in Deutschland und übrigens kein einziges kupferbasiertes Mittel.”

Deswegen habe man dort erfolgreich eine Pestizid-Gebühr umsetzen können. In Deutschland haben sich bisher Abgaben auf landwirtschaftliche Produkte wiederholt als politisch unbeliebt erwiesen, zuletzt erlebte das der Tierwohl-Cent-Vorschlag des Bundeslandwirtschaftsministers.

Für den Biobauer und grünen Europaabgeordneten Martin Häusling bedarf es für einen neuen Anlauf, den Pestizideinsatz zu reduzieren, vor allem eins: bessere Kommunikation.

“Der Hauptstreitpunkt war ja im Grunde genommen die sensiblen Gebiete”, erklärte der Abgeordnete. Diese hätten nach dem ursprünglichen Vorschlag vollkommen pestizidfrei sein sollen.

“Da hat man viel Unruhe ausgelöst,” so der Abgeordnete, denn es habe “noch nicht mal Ausnahmen für ökologische Mittel” gegeben. “Da hat man die Bauern auf die Bäume getrieben”, um dann zurückzurudern, sagte Häusling.

“Das war mit Sicherheit falsch und man hat zu wenig darauf geachtet, dass man erklärt, was gibt es da eigentlich für Alternativen?”

Für die politisch schwierige Situation sieht der grüne Politiker die Schuld vor allem in Berlin:  “Wir hatten alle Zeit und die alte Bundesregierung hat es leider verschlafen.”

Ob des Zeitdrucks forderte die grüne Europaabgeordnete Sarah Wiener – Berichterstatterin für die gescheiterte EU-Pestizidverordnung – einen neuen Ansatz.

Für die “90 Prozent” der Pestizide, die heute bereits durch natürliche Methoden ersetzbar wären, “sollten wir uns doch einig sein,” beschwor Wiener – die ebenfalls Bio-Landwirtin ist.

“Da muss was passieren, da kann was passieren. Und da kann natürlich der Deutsche Bauernverband vorauseilend positiv vorgehen”, betonte sie.

Ob der Schulterschluss der grünen Biobauern mit den europäischen Bauernverbänden gelingt wird sich zeigen, doch zumindest in Deutschland scheint es möglich. “Wir sind ja in Detailfragen gar nicht so weit auseinander”, betonte Meierhöfer vom DBV.

[Bearbeitet von Kjeld Neubert]