Europa bemüht sich um Alternativen im Kampf um die Düngemittelversorgung
Eine der Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist ein weltweiter Mangel an Mineraldüngern und die Staaten in Europa und anderswo suchen händeringend nach alternativen Lieferanten. Obwohl es sich Alternativen bieten, gibt es keine offensichtliche schnelle Lösung.
Eine der Folgen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist ein weltweiter Mangel an Mineraldüngern und die Staaten in Europa und anderswo suchen händeringend nach alternativen Lieferanten. Obwohl es sich Alternativen bieten, gibt es keine offensichtliche schnelle Lösung.
„Gas ist ein wichtiger Rohstoff für die Produktion von Düngemitteln, und Europa importiert fast 40 Prozent davon aus Russland“, erklärte Jacob Hansen, Generaldirektor von Fertilizers Europe, gegenüber EURACTIV. Hansens Verband vertritt die Hersteller von Mineraldünger in der EU.
„Putin spielt mit dem Gas und das hat zu sehr hohen Preisen für Düngemittel geführt, ohne die wir keine Ernährungssicherheit haben“, fügte Hansen hinzu.
Die europäischen Staaten stehen angesichts dessen vor der schwierigen Suche nach Alternativen sowie potenziell begrenzten Optionen dafür, ihre Ernährungssicherheit zu gewährleisten – insbesondere jetzt, da der Winter naht.
Mineraldünger wird für etwa die Hälfte der Lebensmittelproduktion in Europa verwendet.
„Ein Drittel unserer Importe von Ammoniak, einem sehr grundlegenden Düngemittel, sowie von Phosphat und Kali stammen aus Russland.“ Insgesamt „kommen 60 Prozent der importierten Düngemittel aus Russland und Belarus“, erklärte Hansen.
Phosphat und Pottasche oder Kaliumchlorid sind zwei der drei wichtigsten chemischen Nährstoffe, die in Handelsdüngern verwendet werden, neben Stickstoff.
Russische Düngemittel sind nicht direkt Teil der westlichen Sanktionen, aber ihr Export in den Rest der Welt ist in gewissem Maße von den restriktiven Maßnahmen betroffen, da Schifffahrts- und Versicherungsunternehmen hohe Prämien verlangen, um das Risiko von Transporten aus dem Land abzusichern.
Andererseits hat die EU in ihrem sechsten Sanktionspaket, das im März letzten Jahres vorgestellt wurde, alle Importe von Kali aus Belarus verboten – einem Stoff bei dem Europa seinen Eigenbedarf aktuell nicht decken kann.
Der Aufbau einer neuen Wertschöpfungskette mit anderen Lieferanten ist ein langsamer Prozess. „Die Industrie verringert ihre Abhängigkeit von Russland, aber das ist ein schrittweiser Prozess, der nicht von einem Tag auf den anderen eintritt. Wir reden hier über Millionen von Containern, Hunderte von Schiffen“, sagte Hansen.
Produktion ankurbeln
Eine der wenigen tragfähigen Alternativen zu russischem Dünger ist Marokko, auf das bereits 40 Prozent der europäischen Phosphateinfuhren entfallen.
Dieser Anteil könnte in den kommenden Monaten und Jahren noch erheblich steigen. Im ersten Quartal 2022 verzeichnete die staatliche marokkanische OCP-Gruppe, die Phosphatgestein abbaut, Phosphorsäure herstellt und Düngemittel produziert, einen Umsatz von 24 Milliarden Euro – ein Plus von 77 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Vertreter:innen von OCP haben angedeutet, dass die Produktion in den nächsten vier Jahren um 50 Prozent steigen könnte.
„Die naheliegendste Lösung ist, mehr Düngemittel aus Nordafrika – insbesondere Marokko – und dem Nahen Osten, vielleicht auch aus Südafrika, zu beziehen“, sagte Hansen.
„Marokko wird also ermutigt, seine Produktion zu erhöhen, um die Lücke zu schließen.“
Damit steht die OCP, deren Vorsitzender, König Mohammed VI., der Hauptarchitekt der marokkanischen Außenpolitik ist, jedoch möglicherweise vor einer schwierigen geopolitischen Entscheidung.
Vor der russischen Invasion war die OCP bestrebt, die Lieferungen an die afrikanischen Länder südlich der Sahara zu erhöhen. Dies war Teil eines umfassenderen diplomatischen Vorstoßes Marokkos, das 2017 nach einem langjährigen Streit mit anderen Staaten über den Status der Westsahara der Afrikanischen Union beigetreten ist, um sich als wichtiger politischer Akteur in Afrika zu etablieren.
Derweil haben sich afrikanische Staats- und Regierungschef:innen sowie die Afrikanische Union darüber beklagt, dass die EU-Sanktionen gegen Russland sie zu Opfern eines zweiten „Kalten Krieges“ gemacht hätten, in dem es zu Engpässen bei Nahrungsmitteln und Düngemitteln gekommen sei. Dadurch hat sich der Druck auf Marokko sowie auf die anderen Düngemittelproduzenten Ägypten und Südafrika erhöht, dem afrikanischen Markt Priorität einzuräumen.
Eine Quelle aus EU-Kreisen erklärte gegenüber EURACTIV: „Die Sanktionen der EU zielen nicht auf Betriebsmittel für die Nahrungsmittelerzeugung wie Düngemittel ab, um die weltweite Ernährungssicherheit nicht zu beeinträchtigen.“
Afrikanische Staats- und Regierungschefs argumentieren jedoch, dass die Sanktionen gegen das russische Finanzsystem und der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-Transaktionssystem es den Ländern erschweren, russische Rohstoffe zu kaufen.
UN-Generalsekretär Antonio Guterres betonte am 20. August in Istanbul, die Vereinbarung zwischen Russland und der Ukraine, die Häfen am Schwarzen Meer wieder für Getreideexporte zu öffnen, beinhalte auch die Verpflichtung, „den ungehinderten Zugang zu den globalen Märkten für russische Lebensmittel und Düngemittel, die nicht den Sanktionen unterliegen, zu gewährleisten.“
Da auch andere afrikanische Staaten Düngemittelengpässe melden, hat OCP 180.000 Tonnen Phosphat und weitere 350.000 Tonnen mit einem Preisnachlass an afrikanische Landwirt:innen gespendet.
Als Ersatz für andere für die Düngemittelproduktion benötigte Stoffe wie Ammoniak – ein Rohstoff, der in Russland und Belarus reichlich vorhanden ist – wurden Kanada und Algerien als mögliche alternative Quellen genannt.
Diversifizierung
Ein EU-Beamter erklärte gegenüber EURACTIV, dass die Europäische Kommission an einer mittel- und langfristigen Lösung arbeite, „um die Abhängigkeit zu verringern.“
„Die EU-Düngemittelindustrie kann ihre Beschaffungsquellen bei den Importen diversifizieren. Für jeden Nährstoff gibt es mehrere alternative Beschaffungsmöglichkeiten in der Welt und es ist möglich, die bisherige Abhängigkeit von Russland bei Düngemitteln zu verringern“, sagte der Beamte.
Die EU-Exekutive gehe davon aus, dass die eigene Düngemittelindustrie im nächsten Jahr in der Lage sein werde, die Landwirt:innen in der EU sowohl aus heimischer Produktion als auch aus importierten Quellen zu versorgen.
„Das hohe Niveau der Verkaufspreise für Getreide sollte es den Landwirten in der EU ermöglichen, die erforderlichen Mengen an Düngemitteln zu kaufen“, so die Quelle.
Die Kommission hatte außerdem im März ein Hilfspaket in Höhe von 500 Millionen Euro angekündigt, „um die Ernährungssicherheit und die Widerstandsfähigkeit der Lebensmittelsysteme zu gewährleisten“ sowie Maßnahmen zur Bewältigung der steigenden Kosten im Agrarsektor zu finanzieren.