Europa bereitet sich auf eine Zukunft ohne russische Energie vor
Da sich ein Verbot russischer Öl- und Gasimporte immer deutlicher abzeichnet, bereiten die Mitgliedstaaten ihre Pläne und Strategien für eine Zukunft ohne russische Energie vor.
Da sich ein Verbot russischer Öl- und Gasimporte immer deutlicher abzeichnet, bereiten die Mitgliedstaaten ihre Pläne und Strategien für eine Zukunft ohne russische Energie vor.
Russland ist der weltweit größte Exporteur von Erdgas und Erdöl. Nach Angaben von International Energy stammten 45 Prozent des russischen Staatshaushalts im Jahr 2021 aus den Einnahmen aus Erdöl und Erdgas.
Nachdem die Welt von dem Massaker in Butscha erfahren hatte, wuchs der Druck, russische Energieimporte vollständig zu verbieten.
Die Mitgliedstaaten konnten sich zwar noch nicht auf den Zeitplan einigen, sind sich jedoch einig, dass der Ausstieg aus der russischen Energieabhängigkeit notwendig sei. Viele von ihnen prüfen bereits alternative Importoptionen sowohl für Öl als auch für Gas. Andere, wie beispielsweise der französische Präsident Emmanuel Macron, setzten auf erneuerbare Energien.
Mitteleuropa und Südeuropa
Die Abhängigkeit von Moskau ist in Mitteleuropa am größten.
Die Tschechische Republik importiert ihr gesamtes Gas und die Hälfte des Öls aus Russland. Daher bereitet die Regierung derzeit eine Strategie zur Diversifizierung ihrer Lieferanten vor, teilte das tschechische Handels- und Industrieministerium mit.
„Die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Umstellung auf norwegisches Gas werden derzeit vorbereitet“, erklärte das Ministerium gegenüber EURACTIV.cz. Prag unterstütze außerdem den gemeinsamen Ankauf von Gase.
Neben Tschechien zählt auch die Slowakei zu den EU-Ländern, die besonders von Russlands Energieimporten abhängen. Die slowakische Regierung einigte sich kürzlich auf einen Krisenplan für den Fall, dass die Gasimporte ausbleiben. Konkrete Informationen, wie dieser aussehen könnte, wurden jedoch nicht veröffentlicht.
Wirtschaftsminister Richard Sulík erklärte, die Slowakei prüfe die Möglichkeit von LNG-Importen aus den Vereinigten Staaten und Katar. Er äußerte jedoch Bedenken, die Kapazität der LNG-Terminals in Europa seien nicht ausreichend, um den Verlust an russischem Gas auszugleichen.
Ungarn bezieht fast 95 Prozent seines Gases und etwa die Hälfte seines Öls aus Russland. Im Gegensatz zu den anderen mitteleuropäischen Mitgliedsstaaten bereitet sich Orbáns Ungarn jedoch nicht auf eine Diversifizierung der Energieimporte vor.
Derzeit gibt es keinen öffentlichen Plan zur Deckung der Verluste. Die ungarische Regierung, die auf gute Beziehungen zu Russland wert legt, lehnt ein Embargo ab. Sie sehe keine Alternative zu ihrer derzeitigen Energiestrategie.
Rumänien verfügt über eine eigene Öl- und Gasproduktion, die 70 Prozent des Verbrauchs deckt. In den letzten Jahren haben die Gasimporte jedoch zugenommen, während die heimische Produktion zurückgeht.
Mehr als 80 Prozent der Importe stammen aus Russland. Ob es einen Notfallplan gibt, wurde nicht bekannt gegeben. Der rumänische Energieminister hielt jedoch bereits vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine nach zusätzlichen Gasquellen Ausschau. Zudem ist die Förderung aus neuen Vorkommen im Schwarzen Meer im Gespräch.
Bulgarien ist nicht nur zu fast 100 Prozent von russischem Gas abhängig, sondern auch seine einzige Raffinerie in der Hafenstadt Burgas befindet sich im Besitz des russischen Unternehmens Lukoil und verarbeitet ausschließlich russisches Öl.
Dies gilt auch für die slowakische Raffinerie Slovnaft. Im September soll eine neue Verbindungsleitung mit Griechenland in Betrieb genommen werden. Damit könnte ein Drittel des Gases, das Bulgarien normalerweise aus Russland importiert, durch aserbaidschanisches Gas ersetzt werden.
Westeuropa
Die Abhängigkeit von Russland ist in den Ländern Westeuropas geringer, mit den bemerkenswerten Ausnahmen von Österreich, Deutschland und Italien. Für Österreich und Deutschland gilt russisches Gas als unverzichtbar.
Deutschland befasst sich aktiv mit Katar und amerikanischem Flüssigerdgas (LNG), um alternative Lieferwege zu finden, es mangelt aber noch an LNG-Terminals um das Gas anlanden zu können.
Italien arbeitet ebenfalls daran, seine Abhängigkeit von Moskau zu beenden. Für Gas hat Rom ein Abkommen mit Algerien über zusätzliche Lieferungen unterzeichnet und verhandelt derzeit mit Ägypten und Aserbaidschan.
Die Strategie des französischen Präsidenten Emmanuel Macron basiert auf dem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und der Atomkraft. Außerdem will Frankreich seine LNG-Importe steigern und den Gesamtenergieverbrauch senken.
Finnlands Plan geht in eine ähnliche Richtung – die Sicherung alternativer Lieferanten und die Beschleunigung der grünen Wende. Die Regierung hat bereits eine ministerielle Arbeitsgruppe mit der Ausarbeitung von Maßnahmen zur Steigerung der heimischen Energieproduktion und zur verstärkten Einführung neuer Heizsysteme beauftragt.