Europäische Studie zur Selbstständigkeit

Obwohl die Mehrheit der Deutschen ein positives Bild von der Selbstständigkeit hat, können es sich Bürger anderer EU-Staaten eher vorstellen, ein Unternehmen zu gründen. Deutsche fühlen sich schlecht auf das Wirtschaftsleben vorbereitet und unzureichend über Weiterbildungen informiert.

Und jetzt? Zum Beispiel Marketingerfahrung sammeln bei EURACTIV.de. Foto: Konstantin Gastmann / pixelio.de
Und jetzt? Zum Beispiel Marketingerfahrung sammeln bei EURACTIV.de. Foto: Konstantin Gastmann / pixelio.de

Obwohl die Mehrheit der Deutschen ein positives Bild von der Selbstständigkeit hat, können es sich Bürger anderer EU-Staaten eher vorstellen, ein Unternehmen zu gründen. Deutsche fühlen sich schlecht auf das Wirtschaftsleben vorbereitet und unzureichend über Weiterbildungen informiert.

Die Deutschen stehen einer Selbstständigkeit grundsätzlich positiv gegenüber, trotzdem wagen nur wenige die eigene Unternehmensgründung. Das ist das Ergebnis des European Entrepreneurship Reports, einer jährlichen europäischen Studie zum Thema Selbstständigkeit im Auftrag der Amway GmbH. "In Deutschland ist die Angst zu scheitern mit am höchsten", sagte Matthias Wittstock, Leiter des Referats Unternehmensgründung im Bundeswirtschaftsministerium (BMWi), bei der Vorstellung am Dienstag.

Die richtige Förderung sei auch bei jungen Menschen entscheidend, sagte Wittstock. Das Wirtschaftsministerium bietet Planspiele an Schulen zur Förderung des Unternehmensgeistes an. Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen verdeutlicht die Studie der Amway GmbH. 40 Prozent der befragten Deutschen gaben an, sich unzureichend auf eine Selbstständigkeit vorbereitet zu fühlen. 48 Prozent zweifeln an ihren wirtschaftlichen Kenntnissen.

Julia Lutter-Müller, Corporate Affairs Manager Germany bei Amway und Gastgeberin der Veranstaltung in Berlin, betonte, dass die Deutschen ihre unternehmerischen Kenntnisse deutlich geringer einschätzen als der europäische Durchschnitt. So halten im Vergleich zu 41,25 Prozent der Europäer nur 33 Prozent der Deutschen ihren Wissensstand für ausreichend.

"Unsere Studie legt nahe, dass sich dieser gefühlte Mangel an Knowhow negativ auf das allgemeine Gründungsverhalten auswirkt. Denn 44,75 Prozent aller Befragten geben an, dass sie vor einer Gründung Angst haben, weil ihnen die richtigen Fähigkeiten fehlen."

Deutschland liegt bei der positiven Einstellung zur Selbstständigkeit (62 Prozent) im europäischen Vergleich auf dem letzten Platz. 

Dennoch ist der Wille zur Selbstständigkeit laut Studie bei einem Viertel der Deutschen gegeben. Sie gewinne angesichts unsicherer und befristeter Beschäftigungsverhältnisse weiter an Attraktivität, erklärte Michael Meissner, Vice President Corporate Affairs Europe bei Amway. Der größte Vorteil der Selbständigkeit liegt für die Deutschen in der Unabhängigkeit vom Arbeitgeber. Selbstverwirklichung und zusätzliche Verdienstmöglichkeit belegen in der Untersuchung den zweiten und dritten Platz. "Der zusätzliche Verdienst ist damit nur noch auf Platz drei und wird als weniger wichtig empfunden, als Unabhängigkeit und die Möglichkeit, eigene Ideen umzusetzen", sagte Matthias Notz vom Entrepreneurship Centre der Ludwig-Maximilian Universität München (LMU), das die Studie wissenschaftlich betreut hat.

Eltern schätzen zeitliche Flexibilität

Als viertwichtigsten Grund für eine Selbständigkeit nannten die Befragten die bessere Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf. "Eltern stehen einer Selbstständigkeit sogar positiver gegenüber als der Durchschnitt", so Notz. Für 30 Prozent der Befragten mit Kindern ist Selbstständigkeit eine mögliche Jobalternative. Ob Selbständige ihr Privat- und Berufsleben tatsächlich besser vereinbaren könnten, komme in der Realität jedoch auf die Art der Selbständigkeit an, erklärte Notz.

Das Selbstständigkeitspotenzial hält Meissner bei Frauen und jungen Menschen für besonders hoch. Bisher würden sich jährlich 300.000 bis 400.000 Frauen selbstständig machen, erklärte Margarita Tchouvakhina von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Doch würden sich die Unternehmungsgründungen von Frauen stark von denen der Männer unterscheiden. Frauen gründeten meist mit dem Ziel eines Neben-, und nicht eines Vollerwerbs. Gründerinnen investierten sehr selten in ihre Unternehmen, und wenn, dann meist zum Erhalt und nicht zur Expansion. Daher falle das Wachtum ihrer Unternehmen häufig sehr gering aus.

"Viele Frauen wollen, dass ihre Unternehmen wachsen, wissen aber nicht wie", so Tchouvakhina. Wichtig sei es, die staatlichen Qualifikationsangebote entsprechend zu gestalten. 

Julia Lutter-Müller fordert vor diesem Hintergrund, dass sich Forschung, Politik und Wirtschaft stärker mit dem Status von Selbstständigkeit im Nebenerwerb auseinandersetzen: „Eine größere Wertschätzung von Selbstständigkeit im Nebenerwerb würde mehr Menschen – vor allem Frauen – Mut machen, Selbstständigkeit auszuprobieren. Gleichzeitig unterstützt diese Form des Unternehmertums die Vereinbarkeit von Familie und Beruf." 

Schüler gründen Unternehmen in Planspielen

Die richtige Förderung sei auch bei jungen Menschen entscheidend, sagte Wittstock. Das Wirtschaftsministerium bietet Planspiele an Schulen zur Förderung des Unternehmensgeistes an. Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen verdeutlicht die Studie der Amway GmbH. 40 Prozent der befragten Deutschen gaben an, sich unzureichend auf eine Selbstständigkeit vorbereitet zu fühlen. 48 Prozent zweifeln an ihren wirtschaftlichen Kenntnissen.

Deutschland liegt bei der positiven Einstellung zur Selbständigkeit (62 Prozent) im europäischen Vergleich auf dem letzten Platz; im Durchschnitt gaben 72 Prozent der befragten Europäer an, der Selbständigkeit positiv gegenüber zu stehen. Ganz vorne liegen Dänemark (88 Prozent), Großbritannien (82 Prozent) und Frankreich (76 Prozent). 

Trotz Krise: Interesse an Unternehmensgründung

39 Prozent der befragten Europäer gaben an, eine eigene Unternehmensgründung für möglich zu halten. Im Vergleich zu 2010 hat sich das Ergebnis nicht verändert, trotz der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und der Eurokrise. Am ehesten können sich die Befragten in der Schweiz (51 Prozent), der Türkei (50 Prozent) und Italien (42 Prozent) vorstellen, sich selbständig zu machen. Das niedrigste Selbstständigkeitspotenzial besteht bei Ukrainern (35 Prozent), Russen (32 Prozent) und Deutschen (27 Prozent).

Die Gründe, die für die Selbstständigkeit sprechen, unterscheiden sich zwischen den europäischen Ländern kaum. Nicht nur in Deutschland nannten die Befragten die Vorteile Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und zusätzliche Verdienstmöglichkeit. Auch die Vereinbarung von Familie, Freizeit und Beruf macht die Selbständigkeit attraktiv. 

Geringe Wirtschaftskenntnisse und mangelhafte Information

Das Bildungs-und Weiterbildungsangebot zur Vorbereitung der Selbstständigkeit stufen 69 Prozent der Europäer als wichtig ein. Jedoch kommt für 42 Prozent der Europäer eine Unternehmensgründung aufgrund fehlender wirtschaftlicher Kenntnisse nicht in Frage. Schlechter vorbereitet als die Deutschen in Bezug auf ihr wirtschaftliches Know How fühlen sich nur die Russen (55 Prozent).

Zufrieden mit dem Bildungsangebot in ihrem Land sind die Mehrheit der befragten Österreicher und Schweizer. Türken, Italiener und Spanier drücken hingegen ihre Unzufriedenheit mit dem Angebot in ihren Ländern aus. Als problematisch beurteilen die Europäer, dass sie unzureichend über Bildungsangebote für Selbstständige informiert sind. Besonders Deutsche (58 Prozent), Spanier (55 Prozent) und Franzosen (53 Prozent) bemängeln, schlecht informiert zu sein.

Hintergrund

Der European Entrepreneurship Report ist eine europäische Studie im Auftrag des Direktvertriebsunternehmens Amway. Wissenschaftlich betreut wurde die Studie von dem Entrepreneurship Center der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, durchgeführt wurde sie von der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg (GfK). Im Zeitraum vom 15. August bis zum 10. Oktober befragte die GfK 13.606 Frauen und Männer ab 14 Jahre zum Thema Selbstständigkeit. Die Studie wurde in acht EU-Staaten und in der Schweiz, Türkei, Ukraine und Russland durchgeführt.

jni

Links


Dokument

Amway European Entrepreneurship Report (14. November 2011)

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