Europas Wasserstoffwirtschaft kommt kaum in die Gänge
Die Nachfrage nach erneuerbarem Wasserstoff in Europa wird bis 2030 voraussichtlich 8,5 Millionen Tonnen betragen. Das liegt weit unter den von der EU geplanten 20 Millionen Tonnen, erklärten Industrievertreter.
Die verpflichtende Nachfrage nach erneuerbarem Wasserstoff in Europa wird bis 2030 höchstens 8,5 Millionen Tonnen betragen. Das liegt weit unter den von der EU geplanten 20 Millionen Tonnen an Produktion und Importen.
Wasserstoff wird momentan oft als Retter zur Dekarbonisierung von Industriezweigen, die derzeit auf fossile Brennstoffe angewiesen sind, wie Stahl und Chemie, angesehen.
Die Europäische Kommission unternimmt daher schon länger Anstrengungen, um die Markteinführung von Wasserstoff voranzutreiben. 2020 wurde hierzu eine Strategie verabschiedet, in der Definitionen und Verwendungsziele für erneuerbaren Wasserstoff festgelegt wurden. Damit wurde Europa zum Vorreiter.
Nach dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine erhöhte die Kommission die Ziele der EU und strebt an, bis 2030 10 Millionen Tonnen erneuerbaren Wasserstoff in der EU mit 27 Ländern zu produzieren und die gleiche Menge wieder zu importieren.
Einige, wie der Sciences-Po-Professor Thierry Bros, sind jedoch der Meinung, dass bisher nur wenig erreicht wurde und dass der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft „ein unmögliches Unterfangen“ sei.
Auch die politischen Entscheidungsträger erkennen die Herausforderungen an. „Wir haben nicht genug Nachfrage nach grünem Wasserstoff, weil wir nicht genug Wasserstoff auf dem Markt haben“, sagt Jerzy Buzek, ein polnischer EU-Abgeordneter der konservativen Europäischen Volkspartei.
„Auf der anderen Seite haben wir keine Anreize, Wasserstoff zu produzieren, weil es nicht genug Nachfrage gibt“, fügt er hinzu.
Die Politiker nennen es das „Henne-Ei-Dilemma“ des Wasserstoffs und fragen sich, ob die Nachfrage oder die Produktion Vorrang haben sollte.
Grauer Wasserstoff, der aus Erdgas hergestellt wird, ist bereits weit verbreitet. 8 Millionen Tonnen davon werden jedes Jahr in Europa verbraucht, hauptsächlich von Ölraffinerien und der chemischen Industrie. Die Produktion von klimafreundlichem Wasserstoff ist dagegen nach wie vor gering und macht weniger als 5 Prozent der Gesamtmenge aus.
Normen zur Förderung einer Wasserstoffwirtschaft
Um die Umstellung auf grünen Wasserstoff zu erleichtern, hat die Europäische Kommission zunächst mehrere wichtige Gesetze erlassen, die Normen und Nutzungsziele für industrielle Verbraucher kombinieren. Die Markt- und Infrastrukturvorschriften werden derzeit noch im Rahmen des Gas- und Wasserstoffpakets der Kommission diskutiert, das im Dezember 2021 vorgelegt wurde.
Im Juli 2021 stellte die Europäische Kommission ihren Goldstandard vor: die „erneuerbare“ Kennzeichnung für Wasserstoff, das im Rahmen einer umfassenderen Überarbeitung der EU-Richtlinie über erneuerbare Energien vorgestellt wurde.
Um eine solche Kennzeichnung zu erhalten, müssen Elektrolyseure, die Wasserstoff erzeugen, nachweisen können, dass sie an eigens zugeordnete, neu errichtete Solar- oder Windkraftanlagen angeschlossen sind.
In Ländern, die bereits einen CO2-armen Strommix haben, wie Frankreich und Schweden, werden weniger strenge Regeln gelten. Ab 2030 müssen die Erzeuger ihren Verbrauch an „grünem“ Strom auf Stundenbasis nachweisen. Bis dahin muss der Wasserstoffverbrauch auf monatlicher Basis der Erzeugung aus erneuerbaren Energien entsprechen.
Die aufstrebende Wasserstoffindustrie in der EU hält diese Kriterien für zu restriktiv, während die Befürworter des Konzepts sagen, dass strenge Regeln unerlässlich sind, um zu verhindern, dass Elektrolyseure mit Kohlestrom betrieben werden.
Eine zweite, weniger strenge Ausweichdefinition sieht vor, dass klimafreundlicher Wasserstoff die Emissionen im Vergleich zu den Brennstoffen, die er ersetzt – ob Erdgas, Kohle oder konventioneller Wasserstoff – um 70 Prozent reduzieren muss.
Trotz dieser Bedenken geht die europäische Industrie davon aus, dass die EU-Vorschriften, die den Einsatz von Wasserstoff in Sektoren wie Verkehr und Industrie vorschreiben, die Nachfrage nach erneuerbarem Wasserstoff bis 2030 erheblich steigern werden.
„Wir gehen davon aus, dass die obligatorische Nachfrage bis dahin 8,5 Millionen Tonnen erreichen wird“, erklärt Jorgo Chatzimarkakis, der Cheflobbyist des Industrieverbands Hydrogen Europe. Das ist allerdings weit entfernt von den 20 Millionen Tonnen, die die Europäische Kommission anstrebt.
Wasserstoffbank für Finanzierungshilfen
Auf dem Weg dorthin wird ein Instrument voraussichtlich eine Schlüsselrolle spielen: die Wasserstoffbank der EU, ein Finanzierungsinstrument zur Unterstützung angehender Wasserstoffproduzenten.
Ende August begrüßte die Branche die Ankündigung, dass die ersten Ausschreibungen im November eröffnet werden sollen. Damit ist der Weg frei für die Auszahlung von 800 Millionen Euro an Wasserstoffhersteller aus dem EU-Innovationsfonds.
Die Projekte müssen strenge Vorschriften erfüllen, um in den Genuss der Subvention von bis zu 4,50 Euro pro Kilogramm produzierten Wasserstoffs zu kommen. Eine Summe, welche die US-Subvention von 3 Euro pro Kilogramm momentan übertrifft.
Zu den Anforderungen gehört der Anschluss an neu errichtete erneuerbare Energien und die Sicherstellung, dass die Nutzung des erzeugten Wasserstoffs die Emissionen um mindestens 70 Prozent reduziert.
Die Akteure der Branche zeigten jedoch „ein gewisses Zögern, ob es der richtige Zeitpunkt ist, von Projekten auf dem Papier zu endgültigen Investitionsentscheidungen überzugehen“, sagte Stefano Grassi, Kabinettschef des EU-Energiekommissars Kadri Simson, im Juni.
In der Zwischenzeit wird in Brüssel noch heftig über das Gas- und Wasserstoffpaket verhandelt. Das Ergebnis wird darüber entscheiden, welche Spielregeln für die Hersteller gelten, wie die künftige Wasserstoffinfrastruktur finanziert werden kann und wer die Aufsicht über den Markt haben wird.
Die Industrie fordert jedoch bereits eine Überarbeitung des EU-Konzepts und verweist dabei auf das Auftauchen neuer Akteure wie die USA und die mangelnde Marktakzeptanz in wichtigen Anwendungsbereichen wie der Automobilindustrie.
„Europa braucht eine Wasserstoffstrategie 2.0“, betont Lobbychef Chatzimarkakis. Wenn es nach ihm ginge, würde das Gesamtbudget der Wasserstoffbank in Höhe von 3 Milliarden Euro stattdessen jährlich zur Verfügung stehen.
[Bearbeitet von Alice Taylor/Frédéric Simon/Kjeld Neubert]