Geschäftsgründungen sind schneller und billiger, aber Herausforderungen bestehen
Die Europäische Union nahm 2008 den „Small Business Act“ an, um es einfacher zu machen, ein Unternehmen zu gründen und zu betreiben. Zwei Jahre später sieht sich das EURACTIV-Netzwerk die bevorstehenden Erfolge und Probleme an.
Die Europäische Union nahm 2008 den „Small Business Act“ an, um es einfacher zu machen, ein Unternehmen zu gründen und zu betreiben. Zwei Jahre später sieht sich das EURACTIV-Netzwerk die bevorstehenden Erfolge und Probleme an.
Um dieses Jahr ihre neue Internet-Kunstgalerie in London zu gründen, brauchte Gina Cross etwa eine Woche. Es kostete sie 70 Pfund (82 Euro), etwa den durchschnittlichen Preis für Unternehmer in Großbritannien.
Gleichermaßen in Bulgarien, Frankreich und Deutschland kostet die Anmeldung einer neuen Firma weniger als 100 Euro und dauert weniger als eine Woche.
Es sei recht einfach, sagte Cross, Gründerin von „A Little Bit of Art“, einer kleinen Firma, die Druckkunstwerke verkauft.
In Polen und Spanien warten Unternehmer noch etwa einen Monat darauf, dass ihre ersten Dokumente angenommen werden. In Italien, Luxemburg, Griechenland und den Niederlanden ist die Prozedur schneller aber teurer – über 1.000 Euro.
Diese Diskrepanz unterstreicht die Herausforderungen, die in der EU den Anstrengungen zur Ankurbelung der Wirtschaft bevorstehen. Wenn es um Wirtschaftsinitiativen geht, hat die EU keine Macht, Gesetze mit Durchsetzungskraft zu schaffen. Sie hält Treffen, fördert Programme und tauscht sich über bewährte Methoden aus, aber schlussendlich sind ihre Empfehlungen nur so stark wie der politische Wille, Änderungen auf nationaler und regionaler Ebene umzusetzen.
Einige Mitgliedsstaaten seien in einigen Fragen vorangekommen, doch nicht alle, sagte Marko Curavi?, Abteilungsleiter für Unternehmertum in der Europäischen Kommission. Es gebe auf jeden Fall noch Handlungsraum, um weiter zu drängen. Sie seien sich dessen bewusst.
Vor vier Jahren setzten sich die Chefs aller 27 Mitgliedsstaaten die Frist, bis 2007 in ihren eigenen Ländern eine einzige Anlaufstelle zur schnellen Gründung eines Unternehmens zu schaffen – idealerweise innerhalb einer Woche. Die Gründungskosten, schloss der Europäische Rat, sollten so niedrig wie möglich sein und die Anstellung des ersten Arbeitnehmers sollte nicht mehr als eine Verwaltungsstelle mit einbeziehen.
Es ist klar, dass einige Länder Jahre Verspätung haben.
Doch warum ist dies ein Problem?
Kleine und mittlere Unternehmen schaffen 80 Prozent der neuen Arbeitsplätze in Europa. Das bedeutet, Unternehmer und KMU werden eine kritische Rolle spielen, wenn Europa sich von der Wirtschafts- und Finanzkrise erholt. Alles, was neue Unternehmen hemmt, verhindert deswegen Wachstum.
Dies ist jetzt besonders wichtig, da die Arbeitslosenrate in der EU bei durchschnittlich zehn Prozent liegt und für Arbeitsuchende unter 25 doppelt so hoch ist, wie es einer Studie, die vergangene Woche von der OECD veröffentlicht wurde, entgeht. Die höchste Jugendarbeitslosigkeit besteht in Spanien, Irland, der Slowakei und Griechenland. Nur Deutschland vermerkt eine leichte Abnahme.
Der „Small Business Act“: Ob er etwas gebracht hat?
Um kleine Unternehmen in der EU zu fördern, nahm die EU vor zwei Jahren den „Small Business Act“ an. Das Ziel war es, die Aufmerksamkeit der nationalen Regierungen auf das Wachstums- und Innovationspotential der KMU zu konzentrieren. Die zehn Prinzipien in dem Act reichen vom verbesserten Zugang zu Geldern zur Hilfe für Unternehmer, die dem Bankrott gegenüberstehen, eine zweite Chance zu erhalten.
Nächsten Monat wird die Kommission eine Bilanz über den Fortschritt im Rahmen der Initiative präsentieren. Die Beteiligten sind auf die Kritik seitens der Verfechter von Kleinunternehmern wie Andrea Benassi, dem Generalsekretär einer Lobbygruppe des europäischen Handwerks und der KMU, UEAPME, vorbereitet.
Die politischen Entscheidungstreffer hätten in den letzten Jahren die Erwartungen hoch gesetzt, sagte er. Leider hätten sie es bislang versäumt, diese zu erfüllen. Viele konkrete Maßnahmen hingen noch in der Luft oder würden nicht angewendet, da die nationalen Regierungen nur halbherziges Engagement zeigten. Man sei noch sehr weit entfernt von den Resultaten, die man sich erwarte.
Letzte Woche veröffentlichte Eurochambres, eine Vereinigung, die die Handelskammern Europa repräsentiert, eine Umfrage unter Geschäften in 18 europäischen Ländern. Sie zeigte eine Vielfalt von Hindernissen, wie regulatorischen Lasten, der Schwierigkeit, Gelder zu erhalten sowie unflexiblen Arbeitsmärkten.
Krise hin oder her, sagte Alessandro Barberis, Präsident bei Eurochambres in Brüssel, die Ergebnisse zeigten eine erschreckend wohl bekannte Liste an Engpässen. Das Ergebnis wäre wahrscheinlich ähnlich gewesen, wenn die Umfrage vor fünf, zehn oder zwanzig Jahren ausgeführt worden wäre.
Etwas Fortschritt
Natürlich sind einige wichtige Schritte auf paneuropäischer und lokaler Ebene gemacht worden. Letzten Monat nahm das Europäische Parlament eine neue Richtlinie an, um zum Beispiel dem Zahlungsverzug zu entgegnen. Diese benötigt nun die Zustimmung des Europäischen Rats.
Viele Dinge seien in den letzten zwei Jahren geschehen, sagte Curavi?. Ob mehr getan werden könne? Selbstverständlich. Doch betonte er, das Glas sei „halbvoll“.
Er hofft, die Überarbeitung und die vorgeschlagenen Änderungen werden das Interesse der Spitzenpolitiker erneut darauf konzentrieren, eine Unternehmerkultur und die Geschäftsbedingungen zu schaffen, um Unternehmen gedeihen zu helfen. Bereiche, die mehr Kraft bräuchten, sagte er, seien Zugang zu Geldern, Ausbildung, Mentorenmodelle und weibliche Unternehmer.
In Amerika träumten junge Menschen davon, den nächsten technologischen Erfolg zu kreieren, sagte Curavi?, und in die Fußstapfen von Bill Gates, Steve Jobs oder Michael Dell zu treten. In Europa, sagte er, sei der einzige coole, weitbekannte Unternehmer der Gründer der Virgin-Gruppe, Richard Branson.
Umfragen zeigten immer wieder, dass die Mehrheit der Europäer Jobs mit niedrigem Risiko vorzögen, wie in Regierungsinstitutionen und großen Firmen, anstatt für sich selbst zu arbeiten. In Amerika trifft das Gegenteil zu.
Dieser kulturelle Unterschied sei eine Bedrohung für die europäische Wettbewerbsfähigkeit, wie die Forschung des in Brüssel ansässigen Think-Tanks Bruegel aufzeigt. In der EU wurde nur eine von fünf führenden, innovativen Firmen nach 1975 gegründet. In den USA sind mehr als die Hälfte so jung und sie konzentrieren sich auf schnell wachsende Sektoren wie die Gesundheit- und Informationstechnologien.
Hier einige Beispiele dessen, was in ganz Europa geschieht, um Firmen zu helfen, schneller durchzustarten und zu wachsen.
Slowakei
Das operationelle Programm „Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum“ ist das Hauptinstrument zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der KMU, insbesondere in der EU.
Firmen mit weniger als zehn Beschäftigten sind von Kontoführungsanforderungen ausgenommen. Den Unternehmern werden Ausnahmen von der doppelten Buchführung gewährt, wenn sie der einzige Arbeitnehmer sind und weniger als 170.000 Euro verdienen. Einige Spesen können abgeschrieben werden, wenn sie nicht einen gewissen Betrag überschreiten.
Selbständige können sich innerhalb von fünf Arbeitstagen für einen Standard-Gewerbeschein bewerben. Kapitalgesellschaften können sich innerhalb von zehn Tagen eintragen. Die Kosten betragen laut der Kommission etwa 335 Euro.
2007 veröffentlichte die Regierung ein Dokument mit dem Titel „Bessere Regulierung in der Slowakei: Aktionsprogramm für die Senkung der Verwaltungslasten in der Slowakei 2007-2012“. Das ehrgeizige Ziel war es, die Bürokratie bis 2012 um 25 Prozent zu senken.
Der letzten Messung der Bürokratie zufolge kosten solche Lasten die Unternehmer jährlich 91 Millionen Euro. Das Ministerium sah 48 Gesetze in 12 Bereichen durch, darunter die Buchhaltung, die Besteuerung, das Wirtschaftsrecht und das geistige Eigentum.
Obwohl sie etwa 50 Empfehlungen zur Senkung der Verwaltungslast gemacht hätten, bereiteten sie eine zweite Runde vor, sagte Jozef Hudák, Direktor der Abteilung für Geschäftsbedingungen im Wirtschaftsministerium. Nachdem allen Empfehlungen zugestimmt worden sei, habe die slowakische Regierung vor, diese umzusetzen.
Das Binnenmarktdienstleistungsgesetz wurde vergangenen Januar angenommen und trat im Juni in Kraft. Alle KMU, die sich auf dem slowakischen Markt registrieren lassen wollen, können eine Dienststelle der Abteilung für Unternehmertum kontaktieren und ihre Gewerbescheine vorlegen. Diese Stellen sammeln Informationen wie Strafregister aus dem Ursprungsland der KMU und versenden innerhalb von drei Tagen eine Nachfrage für die Autorisierung.
Bislang haben sie beinahe 950 ausländischen Firmen aus verschiedenen Sektoren Informationen darüber gegeben, wie man in der Slowakei Geschäfte führt. Die Sektoren sind unter anderem der Einzel- und Großhandel, die Dienstleistungen, der Bau, die Nahrungsmittel, die Beratung direkt oder per Telefon, die Personalbeschaffung und die Technologie.
Die häufigsten Fragen betrafen die Lizenz für Geschäftsbetreibung, die Anerkennung ausländischer Zeugnisse, Steuerpflichten und -nachlässe, die Gesundheits- und Sozialversicherung.
Der nächste Schritt werde es sein, ein e-Regierungssystem, das neue Unternehmen von der Pflicht entbinden werde, persönlich zu einer Amtsstelle zu gehen, einzuführen, so Hudak. Die Regierung hat über 2,3 Millionen Euro in diesem und nächstem Jahr bereitgestellt, um diese Phase zu vervollständigen.
Tschechische Republik
Die neue tschechische Regierung, die im Sommer 2010 gebildet wurde, hat einige ehrgeizige Schritte unternommen, um neugegründeten Unternehmen zu helfen und den KMU das Leben zu erleichtern. Der Minister der Industrie und des Handels, Martin Kocourek, sagte, die Reduktion der Schreibarbeit und die Verbesserung der gesetzlichen Umgebung seien seine Hauptziele.
Die Bemühungen des Ministeriums für Industrie und Handel zielen zum Beispiel darauf ab, die Zahl der bürokratischen Anforderungen an KMU pro Jahr zu senken. Dieses Jahr schlug es vor, etwa 20 Anforderungen zu beseitigen. Ein weiteres Ziel ist es, spezielle Tage im Jahr für neue legislative Änderungen zu präzisieren. Dies würde es für KMU leichter machen, genau zu wissen, wann neue Gesetze umgesetzt werden.
Das Ministerium arbeitet auch daran, verschiedene Datenbanken zu integrieren, selbst in kleinen Dörfern, um den KMU die Verwaltung zu erleichtern. Kocourek hat auch vor kurzem Pläne für einen Sonderkapitalfonds angekündigt, um in kleine Geschäftsprojekte zu investieren.
Die Tschechische Republik hat bereits ein Netzwerk von 15 einzigen Anlaufstellen eingerichtet, um jede Region des Landes zu erreichen. Üblicherweise kontaktieren Unternehmer diese Anlaufstellen, um mehr Informationen über Nachbarländer und deren Märkte zu erfahren.
Im Augenblick benötigt man etwa 15 Tage und 345 Euro, um ein Geschäft zu gründen, befand die Kommission.
Frankreich
Vor zwei Jahren verabschiedete Frankreich ein Gesetz, um die Wirtschaft zu modernisieren (Loi sur la modernisation de l’économie). Dieses enthielt mehrere Maßnahmen, um die Gründung von KMU zu vereinfachen. Gründungsgebühren betragen durchschnittlich 84 Euros und der Vorgang dauert laut der Kommission etwa vier Tage. Das Gesetz vereinfachte auch die Leitung von KMU, um die Bürokratie zu reduzieren.
Das neue Gesetz entwickelte und stärkte auch die Nutzung von Mikrokrediten. Diese sind nun jedem offen –,soziale Kriterien treffen nicht zu. Darüber hinaus hat die französische Regierung die Schaffung von industriellen und kommerziellen Patenten erleichtert.
2009 richtete Frankreich unter der EU-Dienstleistungsrichtlinie eine einzige Anlaufstelle, das „Guichet entreprise“, ein. Sie zielt darauf ab, die Schaffung von Firmen in Frankreich Sektor um Sektor zu erleichtern.