Grund zur Sorge oder verfrühter Abgesang? Analysten uneinig über deutsche Wirtschaft
Die deutsche Wirtschaft ist in diesem Jahr zum zweiten Mal einer Rezession nahe und die Angst vor einer dauerhaften Deindustrialisierung hält an. Bankanalysten sind allerdings geteilter Meinung, ob die weiter gestiegenen Firmeninsolvenzen einen zusätzlichen Anlass zur Sorge geben sollten.
Die deutsche Wirtschaft ist in diesem Jahr zum zweiten Mal einer Rezession nahe und die Angst vor einer dauerhaften Deindustrialisierung hält an. Bankanalysten sind allerdings geteilter Meinung, ob die weiter gestiegenen Firmeninsolvenzen einen zusätzlichen Anlass zur Sorge geben sollten.
Am Freitag (12. Juli) veröffentlichte Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass die Zahl der Unternehmen, die im April und Mai dieses Jahres Insolvenz angemeldet haben, stark angestiegen ist – die Zahlen lagen um 33,5 bzw. 25,9 Prozent höher als noch vor einem Jahr.
Dies folgt auf Anstiege im zweistelligen Prozentbereich in jedem Vormonat seit Juni 2023 – wobei bereits 2023 der höchste jährliche Anstieg seit vier Jahren zu verzeichnen war.
Ein separater Bericht des Beratungsunternehmens Falkensteg, der letzte Woche vom Handelsblatt veröffentlicht wurde, zeigte, dass Insolvenzen größerer Unternehmen im ersten Halbjahr 2024 um 41 Prozent häufiger waren als im Vorjahr.
Dies untermauert die Sorgen um den Zustand der größten Volkswirtschaft der EU, die oft als wirtschaftlicher Motor Europas bezeichnet wird.
„Wir sind wirklich in einer Phase von Stagnation, schleichendem Verlust von Wettbewerbsfähigkeit, sowie demografischen Wandels, also letztlich des Fachkräftemangels“, sagte Carsten Brzeski, Global Head of Macro bei ING Research, gegenüber Euractiv.
Zudem sehe man eine „sich verändernde Welt, die ein exportorientiertes Land wie Deutschland ziemlich stark trifft“, fügte er hinzu.
„Dieses Gefühl stellt sich jetzt wirklich erst nach einer Weile ein, dass wir sehen, es geht nicht so schnell wieder hoch, es geht nicht alles wieder zurück zum Normalen“, sagte Brzeski.
Das Schwächeln Deutschlands sei hierbei historisch gesehen eine neue Entwicklung, denn in der Vergangenheit hatte sich die Bundesrepublik vergleichsweise schnell von wirtschaftlichen Schocks wie der globalen Finanzkrise oder der COVID-19 Pandemie erholt.
„Wir haben gesellschaftlich auch eigentlich gar keine Erfahrung damit: Was heißt es, wenn ein Land über Jahre hinweg stagniert? Was heißt das auch für die Bevölkerung, für die Gesellschaft, politisch, von Vermögensverteilung?“, sagte Brzeski.
„Da habe ich ein Vermuten, da würde ich sagen, der Anstieg des Populismus ist davon auch schon mal eine Folge“, fügte er hinzu.
Abgesehen von der aktuellen wirtschaftlichen Schwäche hat Deutschland auch bei Indikatoren für globale Wettbewerbsfähigkeit des International Institute for Management Development (IMD) an Boden verloren: Deutschland rutschte von Platz 15 im Jahr 2021 auf Platz 24 in diesem Jahr ab.
„Das sorgt dafür, dass natürlich Unternehmen doch immer mehr auch schauen: Muss ich woanders hingehen?“, sagte Brzeski.
Deutsche Bank warnt vor selbsterfüllender Prophezeiung
Robin Winkler, Chefvolkswirt für Deutschland bei Deutsche Bank Research, ist da allerdings anderer Meinung.
„Wir sehen Insolvenzen als Spätindikator für die Konjunktur“, sagte Winkler gegenüber Euractiv und fügte hinzu: „Diese Zahlen bekommen manchmal mehr Beachtung von den Medien als von uns Volkswirten.“
In einer letzte Woche veröffentlichten Analyse argumentierten Winkler und sein Kollege Eric Heymann, dass Deutschland eher eine Phase der „industriellen Evolution“ als der Deindustrialisierung erlebe.
„Man kann nicht leugnen, dass in der deutschen Industrie ein Anpassungsprozess stattfindet“, sagte Winkler und verwies als Beispiel auf die jüngsten Schritte des Chemiegiganten BASF, Teile seiner Produktion ins Ausland zu verlagern.
„Ich glaube aber, dass bei den wichtigen Aktivitäten, wo die Margen hoch sind, wo auch der Technologiewert hoch ist – also vor allem in der Forschung und Entwicklung – immer noch sehr viel in Deutschland stattfindet“, sagte er.
Er sei optimistischer als viele andere, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird, sagte er, und fügt hinzu: „Ich glaube, die ganze Diskussion muss auch ein bisschen optimistischer geführt werden.“
„Es ist einfach nicht hilfreich, wenn man die deutsche Industrie totredet und den Teufel an die Wand malt“.
Er warnte davor, dass dies sogar als selbsterfüllende Prophezeiung wirken könnte, da „ausländische Investoren nicht gewillt sind, in Deutschland in Sektoren einzusteigen, auch wegen des Narrativs, das wir uns selbst gebastelt haben.“
„Ich denke, es würde helfen, das, nicht zuletzt in der Industrie, ein bisschen differenzierter und nuancierter zu sehen, und darüber auch wieder ein bisschen Optimismus herzustellen, was dazu beitragen wird, ausländische Investoren ins Land zu locken.“
[Bearbeitet von Anna Brunetti/Alice Taylor]