Hohe Inflation könnte Eigenkapitalfinanzierung von Investitionen anheben

Angesichts des Zinsanstiegs als Reaktion auf die hohen Inflationszahlen könnten sich Unternehmen veranlasst sehen, zur Finanzierung ihrer Investitionen auf Eigenkapital statt auf Fremdkapital zurückzugreifen.

EURACTIV.com
epa08797914 Bull and Bear outside the Deutsche Boerse stock exchange, the morning following the US Presidential Election, in Frankfurt/Main, Germany, 04 November 2020. The German stock index DAX opened weakly but rebounded quickly despite inconclusive news about the outcome of the US elections.  EPA-EFE/MAXIMILIAN VON LACHNER
Bulle und Bär vor dem Börsengebäude der Deutschen Börse in Frankfurt am Main. [[Maximilian von Lachner / EPA-EFE]]

Angesichts des Zinsanstiegs als Reaktion auf die hohen Inflationszahlen könnten sich Unternehmen veranlasst sehen, zur Finanzierung ihrer Investitionen auf Eigenkapital statt auf Fremdkapital zurückzugreifen. Insgesamt könnten die Investitionen jedoch aufgrund der unsicheren Wirtschaftsaussichten stagnieren.

Im Juni erreichte die Inflation im Jahresvergleich nach Angaben von Eurostat schätzungsweise 8,6 Prozent, ein Anstieg, der vor allem auf hohe Energiepreise und nicht auf eine überhitzte Wirtschaft zurückzuführen ist.

Die Europäische Zentralbank (EZB) kündigte eine Normalisierung ihrer Geldpolitik an, um die Inflationserwartungen relativ niedrig zu halten, obwohl dies die Energiepreise nicht direkt beeinflussen kann.

Teure Schulden

Da die Finanzmärkte diesen Politikwechsel vorweggenommen haben, sind die Zinssätze in den letzten Monaten stark gestiegen.

Laut Stephan Bruckbauer, Chefvolkswirt der UniCredit Austria, bedeutet der Zinsanstieg, dass die Kreditaufnahme für Unternehmen um 2-2,5 Prozentpunkte teurer geworden ist.

Noch wichtiger ist, dass sich auch die Realzinsen um bis zu 2,5 Prozentpunkte erhöht haben. Denn während die Nominalzinsen deutlich gestiegen sind, bleiben die langfristigen Inflationserwartungen niedrig.

„Die Emission von Unternehmensanleihen wird teurer“, so Bruckbauer gegenüber EURACTIV. Da Schulden aufgrund des Anstiegs der Realzinsen immer teurer werden, könnten sich europäische Unternehmen nach anderen Möglichkeiten der Finanzierung umsehen.

„Der Anteil des Eigenkapitals könnte steigen“, sagte Bruckbauer und fügte hinzu, dass es für Investoren in Zeiten hoher Inflation in der Regel auch vorteilhafter sei, Aktien zu halten. Eine solche Verschiebung sei jedoch noch nicht zu erkennen, sagte er.

Geringeres Investitionswachstum

Europäische Unternehmen neigen dazu, sich größtenteils mit Fremdkapital – meist Bankkrediten – zu finanzieren, während US-Unternehmen auf der anderen Seite des Atlantiks leichter auf Eigenkapital zurückgreifen können.

Dies wird allgemein als einer der Hauptgründe dafür angesehen, dass europäische Unternehmen nicht so schnell wachsen und nicht so viele bahnbrechende Innovationen hervorbringen wie US-Unternehmen, da der EU-Markt nicht so aufgebaut ist, dass die Banken solche Risiken eingehen können.

Die EU-Kommission hat seit langem den Ehrgeiz, dies durch die Schaffung einer „Kapitalmarktunion“ zu ändern.

Ihr jüngster Vorschlag, um EU-Unternehmen von ihrer übermäßigen Abhängigkeit von Bankkrediten zu befreien, ist die Einführung einer so genannten „Debt-Equity Bias Reduction Allowance (DEBRA)“, die Anreize für Unternehmen schaffen soll, sich mit mehr Eigenkapital statt mit Schulden zu finanzieren.

Die steigenden Kosten für den Zugang zu Finanzmitteln könnten auch die Bereitschaft der Unternehmen zur Finanzierung neuer Investitionen verringern.

Bruckbauer argumentierte jedoch, dass die Finanzierungskosten für Investitionsentscheidungen weniger relevant seien als die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten der Unternehmen.

Und diese Aussichten haben sich in den letzten Monaten verschlechtert. So ist der Eurostat-Indikator für das Vertrauen der Unternehmen in der ersten Hälfte dieses Jahres erheblich zurückgegangen, während der Indikator für wirtschaftliche Unsicherheit im gleichen Zeitraum gestiegen ist.

„Der Schmerz ist da, und er hat nicht viel mit Finanzierungskosten zu tun, sondern mit steigenden Preisen und Unsicherheit“, sagte Bruckbauer gegenüber EURACTIV. Er fügte hinzu, dass er aufgrund der Unsicherheit auf dem Markt ein geringeres Investitionswachstum oder stagnierende Investitionen erwarte.

Was ist mit „grünen Investitionen“?

Stagnierende Investitionen sind eine schlechte Nachricht für die Entwicklung der Wirtschaft im Allgemeinen, aber sie könnten auch der grünen Wende schaden.

So schätzte die EU-Kommission im Jahr 2020, dass die grüne Wende zusätzliche Investitionen in Höhe von 260 Milliarden Euro pro Jahr erfordern würde, um die Klimaziele für 2030 zu erreichen.

Da die EU-Regierungen zögern, dafür viel öffentliches Geld zu mobilisieren, muss ein großer Teil der Finanzierung durch private Mittel erfolgen.

Bruckbauer sagte jedoch, dass die derzeitige Krise grüne Investitionen attraktiver mache als zuvor. Mit den steigenden Energiepreisen wird sowohl die Bereitstellung von grüner Energie als auch das Energiesparen viel rentabler, was Investitionen in diesen Sektoren attraktiver macht.

Nach Ansicht des Chefökonomen von UniCredit Austria sollte dieser Vorteil die Belastung durch die gestiegenen Finanzierungskosten aufwiegen.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]