IEA: Offshore Windenergie ist die Klima-Lösung
Mit einem massiven Ausbau der Offshore-Windenergie könnte die EU ihre Klimaziele 2050 relativ einfach erreichen, so die Internationale Energieagentur. Diverse Gasprojekte könnten sich indes als kurzfristige Lösungen erweisen.
In einer Berechnung der Internationalen Energieagentur darüber, wie die Ziele des Pariser Klimaabkommens bis 2050 noch zu erreichen sind, dominiert Offshore-Windenergie. Darüber hinaus wird Erdgas als wichtige Energiequelle für kurzfristige Emissionsminderungen angesehen.
Mit einem deutlichen Anstieg beim Einsatz von Offshore-Windenergie könnte die Europäische Union relativ einfach Netto-Null-Emissionen bis 2050 und somit auch ihre Klimaziele entsprechend des Pariser Abkommens erreichen. Das geht aus einer Szenarioberechnung der Internationalen Energieagentur (IEA) hervor, die am Montag in Brüssel vorgestellt wurde.
„Für ein klimaneutrales Europa muss Offshore-Wind an vorderster Front stehen,“ betonte IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol während der Präsentation des Berichts.
Laut dem „Szenario für nachhaltige Entwicklung“ der IEA, mit dem das Ziel des Pariser Abkommens, den globalen Temperaturanstieg „deutlich unter 2°C“ zu halten, erreicht würde, bliebe die Energiezufuhr aus Atom-, Solar-, Hydro- und Onshore-Windenergie nach 2025 relativ stabil. Im Gegensatz dazu dürfte Offshore-Wind rasant wachsen. Kohlenergie würde fast vollständig abgeschafft, während der Gasverbrauch kurzfristig zunehmen und nach 2025 ebenfalls sinken würde.
Der Grund für diese zuversichtliche Prognose für Offshore-Wind, laut IEA: Die Erfahrungen in der europäischen Nordsee sowie neue Entwicklungen haben die Kosten bereits gesenkt und die Effizienz gesteigert. Darüber hinaus habe der Erfolg Europas im Offshore-Bereich das Interesse in China, den Vereinigten Staaten und anderswo geweckt. Zunehmend kosteneffiziente Offshore-Windprojekte seien daher auf dem besten Weg, bis 2040 weltweit eine Billion Dollar an Investitionen anzuziehen.
Windanlagen im Meer seien darüber hinaus deutlich attraktiver als Onshore-Wind, weil die Turbinen größer sind und der Wind vor den Küsten zuverlässiger bläst. „Außerdem sieht sich Offshore nicht im selben Maße Kritik und Widerstand der Öffentlichkeit gegenüber, wie dies manchmal bei Onshore der Fall ist,“ erinnerte IEA-Chef Birol.
Er sagte weiter: „Wir sehen, dass die Technologie bei der Kostensenkung weitere große Fortschritte machen kann. Viele Öl- und Gasunternehmen, die heute über Erfahrungen mit Offshore-Öl- und Gasbohrungen verfügen, befassen sich inzwischen auch mit Offshore-Windenergie.“
Birol fügte abschließend hinzu, der Anstieg der europäischen Offshore-Windenergie könne sogar mit dem Boom bei US-Schiefergas in den vergangenen zehn Jahren vergleichbar sein.
Übergangstechnologie Gas
Dieser Schiefergasboom stand ebenfalls im Fokus des IEA-Ausblicks, wobei die Vereinigten Staaten bis 2030 voraussichtlich 30 Prozent des Anstiegs der Gasproduktion ausmachen werden. Bis 2025 wird die amerikanische Shale-Produktion (Öl und Gas) demnach die gesamte Öl- und Gasproduktion Russlands überholen. Laut der IEA-Szenarien werden die OPEC-Länder und Russland 2030 erstmals weniger als die Hälfte der gesamten globalen Ölproduktion abdecken.
Der Bericht sieht insbesondere die Gasnetze als den „entscheidenden Mechanismus zur Einbeziehung der Energieverbraucher“ im Rahmen des Pariser Abkommens. Gas liefere typischerweise mehr Energie als die Stromnetze und könne so eine „wertvolle Flexibilitätsquelle“ darstellen.
„Eine zentrale längerfristige Frage ist, ob Gasnetze wirklich kohlenstoffarme oder kohlenstofffreie Energiequellen wie Wasserstoff und Biomethan liefern können,“ so Briol. Er stellte außerdem fest, dass Wasserstoff zwar derzeit auf einer „Welle des Interesses“ reite, faktisch aber immer noch sehr teuer in der Erzeugung sei.
Bojana Achowski, Generalsekretärin von Gas Infrastructure Europe, bestätigte auf der Präsentationsveranstaltung am Montag, dass sich die Industrie aktuell klar auf Gas fokussiert: „Wir setzen uns immer für die Erhöhung und den Ausbau erneuerbarer Gase ein. Wir begrüßen die Empfehlungen in den IEA-Prognosen für die Einführung kohlenstoffarmer Gasnormen. Derzeit gibt es 43 erneuerbare Wasserstoffprojekte und 15 Power-to-Methan-Projekte. Wir halten es für äußerst wichtig und notwendig, dass diese Projekte unterstützt werden.“
Die neueste Einschätzung der IEA über das nachhaltige Potenzial der Biomethanversorgung deutet darauf hin, dass sie tatsächlich rund 20 Prozent des heutigen Gasbedarfs decken könnte.
Der europäische „Green Deal“
Einer der Schwerpunkte der neuen EU-Kommission wird die sogenannte „sektorale Integration“ sein, damit alle diese Energiequellen möglichst effizient genutzt werden können, kündigte derweil Ditte Juul-Jørgensen, die neue Generaldirektorin der Energieabteilung der Kommission, an.
„Wir sehen sehr interessante Pläne der Industrie, wie die Emissionen im Produktionsprozess durch einen Austausch der Energieträger gesenkt werden können,“ fügte sie hinzu.
Die neue Europäische Kommission wird voraussichtlich am 11. Dezember den „European Green Deal“ der neuen Präsidentin Ursula von der Leyen vorstellen. Dieser soll eine Strategie zur Erfüllung des Pariser Klimaabkommens und des Ziel von Netto-Null-Emissionen bis 2050 enthalten sowie eng mit einem angekündigten Paket zur Reform der EU-Gasvorschriften verknüpft sein.
Es ist zu erwarten, dass sich diese neue Gesetzgebung ebenfalls stark auf die Förderung der Entwicklung von „erneuerbarem Gas“ konzentrieren wird.
[Bearbeitet von Frédéric Simon und Tim Steins]