Kaum Forschungsfortschritt: Heilmittel für Alzheimer nicht in Sicht

Die Forschungsfortschritte bei der Alzheimer-Krankheit und bei Demenz stagnieren, warnte Paola Barbarino, Geschäftsführerin von Alzheimer's Disease International. Bei der Symptombehandlung gibt es jedoch Hoffnung.

Euractiv's Advocacy Lab
The,Daughter,Is,Comforting,An,Elderly,Woman,Who,Is,A
Die Alzheimer-Krankheit ist keine obskure Krankheit, sondern die häufigste Form der Demenz bei älteren Menschen, für die sie auch eine der häufigsten Todesursachen darstellt. In der EU sind derzeit rund sieben Millionen Menschen von Alzheimer betroffen. [Shutterstock / PopTika]

Die Forschungsfortschritte bei der Alzheimer-Krankheit und bei Demenz stagnieren, warnte Paola Barbarino, Geschäftsführerin von Alzheimer’s Disease International. Bei der Symptombehandlung gibt es jedoch Hoffnung.

Die Alzheimer-Krankheit ist keine obskure Krankheit, sondern die häufigste Form der Demenz bei älteren Menschen, für die sie auch eine der häufigsten Todesursachen darstellt. In der EU sind derzeit rund sieben Millionen Menschen von Alzheimer betroffen.

Schätzungen zufolge werden im Jahr 2050 weltweit 152 Millionen Menschen mit Demenz leben.

Trotz dieser steigenden Zahlen sieht sich Barbarino gezwungen, Staaten daran zu erinnern, dieser Krankheit mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie ist die Geschäftsführerin von Alzheimer’s Disease International (ADI), einem weltweiten Zusammenschluss von Alzheimer-Vereinigungen.

Barbarino beschreibt einen weit verbreiteten Mangel an Bewusstsein als eine der wichtigsten Herausforderungen. „Dies führt dazu, dass Regierungen das Thema Demenz zugunsten anderer Krankheiten vernachlässigen, für die es bereits Behandlungen gibt und bei denen die [als zu teuer empfundene] Langzeitpflege kein so großes Problem darstellt“, erklärte sie gegenüber Euractiv.

Keine Heilung, aber Symptombehandlung

Die genaue Ursache der Alzheimer-Krankheit ist noch unklar. Vermutlich wird sie jedoch durch eine Kombination aus genetischen Faktoren, Lebensstil und Umweltfaktoren ausgelöst. Einige Theorien gehen davon aus, dass die Ablagerung von Proteinen zwischen den Nerven Alzheimer auslöst. Andere wiederum sagen, dass andere körperliche Prozesse fehlerhaft verlaufen.

Derzeit gibt es keine Heilung für Alzheimer, aber einige Medikamente können die Symptome verzögern.

Barbarino erklärte, dass die hohen Kosten für die Behandlung von Demenz dazu beitragen, dass politische Entscheidungsträger das Thema meiden. Mit den richtigen Unterstützungssystemen könnten pflegende Angehörige jedoch weiterhin arbeiten und einen Beitrag zur Wirtschaft leisten, anstatt sich Vollzeit um ihre Angehörigen kümmern zu müssen, erläuterte sie.

Sie fügte hinzu, dass Regierungen fälschlicherweise davon ausgehen, dass nichts getan werden kann. Dabei ignorierten sie Forschungsergebnisse, die zeigten, dass Demenz durch gesunde Lebensgewohnheiten verhindert werden kann. „Das Stigma“, sagte sie, „ist schwer zu durchbrechen.“

Alzheimer’s Disease International ist nicht die einzige Organisation, die das Gefühl hat, dass die Alzheimer-Krankheit vernachlässigt wird.

Alzheimer Europe, eine NGO, die sich zum Ziel gesetzt hat, Demenz zu einer europäischen Priorität zu machen, hat festgestellt, dass „Demenz als politisches Thema in den letzten Jahren keine Priorität mehr hat.“

In ihrem jüngsten Programm beklagte die NGO sich darüber, dass Alzheimer im Rahmen breiterer Themen und politischer Maßnahmen behandelt wird, ohne dass spezifische Antworten gegeben werden. Sie forderte konkrete Maßnahmen zur Verbesserung von Prävention, Diagnose, Pflege und Behandlung von Menschen mit Demenz.

„Man würde erwarten, dass die Regierungen dem Problem etwas mehr Aufmerksamkeit schenken, ohne dass wir sie ständig daran erinnern. Das ist aber nicht der Fall“, schrieb Barbarino in den sozialen Medien, nachdem sie an der 77. Weltgesundheitsversammlung in Genf teilgenommen hatte. Sie wies darauf hin, dass es keine Lösungen zur Bekämpfung des Mangels an Pflegeleistungen und Unterstützung für Pflegepersonen gebe. Zudem liege die Unterdiagnose bei bis zu 75 Prozent.

Früherkennung kompliziert

Obwohl Kliniker nun dazu angehalten werden, Alzheimer früher zu erkennen, wird die Diagnose in der Praxis durch verschiedene Hindernisse erschwert. Dazu gehören Patienten und Gesundheitsdienstleister, die die Symptome als Teil des normalen Alterungsprozesses abtun. Auch der Zeitmangel der Ärzte und die Schwierigkeit, die Alzheimer-Pathologie genau zu diagnostizieren, gehören dazu.

Eine frühzeitige Diagnose gibt den Menschen mehr Zeit, um einen Pflegeplan für ihre Zukunft zu erstellen. Ein Bericht von Alzheimer Europe von 2018 ergab, dass 47 Prozent von 1.409 pflegenden Angehörigen eine frühere Demenzdiagnose vorgezogen hätten.

Dies hätte die negativen emotionalen Auswirkungen verringert und es ihnen ermöglicht, sich besser auf die Demenz einzustellen.

Einer frühen Diagnose steht oft die Bereitschaft der Patienten selbst im Wege. Zudem verhindert ein mangelndes Bewusstsein für Demenz, die Reaktion von Fachleuten und Verzögerungen innerhalb der Gesundheitssysteme ein schnelles Handeln.

Eine frühere Diagnose kann den Patienten auch den Zugang zu Behandlungen ermöglichen, die das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen können.

Frauen stark betroffen

Alzheimer bringt zwar viele Herausforderungen mit sich, aber es wurden auch Anstrengungen unternommen, um die Auswirkungen der Krankheit speziell auf Frauen zu erkennen.

In einem Artikel, der im Mai dieses Jahres in der Zeitschrift npj Women’s Health als Teil des Nature’s Portfolios veröffentlicht wurde, argumentierte eine Gruppe von Forschern der Universität von Kalifornien in San Francisco, dass die Medizin die Alzheimer-Krankheit noch nicht vollständig als ein Gesundheitsproblem von Frauen erkannt habe. Dadurch verzögere sich die Entwicklung von gezielten Präventionsstrategien und Behandlungen.

Sie wiesen darauf hin, dass Frauen im Alter von 45 Jahren ein lebenslanges Alzheimer-Risiko von eins zu fünf haben. Bei Männern liegt das Risiko dagegen bei eins zu zehn.

Laut der Alzheimer’s Society im Vereinigten Königreich ist der Hauptgrund für dieses höhere Risiko, dass Frauen länger leben als Männer. Ein hohes Alter sei der größte Risikofaktor für diese Krankheit.

Dieser Vorstoß, Alzheimer neu zu bewerten, ist nicht neu. Bereits in den 1990er Jahren erklärten Forscher, dass „die Alzheimer-Krankheit […] tatsächlich eine Frauenkrankheit [ist].“

Barbarino zufolge müsste ein größeres Bewusstsein und öffentlicher Druck dafür sorgen, um einen Wandel herbeizuführen und die Art und Weise, wie man Alzheimer behandle, zu revolutionieren. Sie erklärte, dass Regierungen sich am besten vorbereiten können, indem sie Demenzpläne entwickeln und umsetzen, die die WHO-Leitlinien berücksichtigen.

„Neue Therapien und neue Diagnosemethoden für Demenz sollten die Diagnose und das Pflegemanagement revolutionieren, doch es gibt Hinweise darauf, dass beides von den meisten Regierungen und Gesundheitssystemen sträflich vernachlässigt wird“, sagte sie.

Bearbeitet von Brian Maguire/Kjeld Neubert | Euractiv’s Advocacy Lab