„Keine Volkspartei, sondern Sekte“
Das Fiasko der SPD bei der Euopawahl blieb vielen ein Rätsel. Einer der renommiertesten Meinungsforscher erklärt die Misere und gibt der Partei praktisch keine Chance mehr. Den Vorwurf der Parteilichkeit muss Forsa-Chef Güllner dabei nicht fürchten, er ist selbst SPD-Mitglied.
Das Fiasko der SPD bei der Euopawahl blieb vielen ein Rätsel. Einer der renommiertesten Meinungsforscher erklärt die Misere und gibt der Partei praktisch keine Chance mehr. Den Vorwurf der Parteilichkeit muss Forsa-Chef Güllner dabei nicht fürchten, er ist selbst SPD-Mitglied.
Nach Einschätzung von Forsa-Chef Manfred Güllner ist die SPD so gut wie am Ende und hat keine Chance mehr auf Erholung. Nur die Partei selbst habe immer noch nicht begriffen, in welcher Krise sie stecke, sagte Güllner am Mittwoch in Berlin in einem Gespräch mit Korrespondenten.
Lokale Verankerung verloren
"Die SPD hat überhaupt keine Personalreserve mehr. Es gibt schlicht niemanden mehr, der noch als charismatische Führungsfigur in Frage käme." Das hänge mit dem Rückzug der Sozialdemokraten aus den Kommunen zusammen: "Die Partei brauchte die Provinz, um Spitzenleute zu rekrutieren. Diese lokale Verankerung ist verloren gegangen“, so Güllner.
Früher war die SPD die typische Großstadtpartei. Jede große Stadt hatte einen roten Oberbürgermeister. Über Jahrzehnte hinweg wäre es unvorstellbar gewesen, dass Frankfurt, Stuttgart oder Köln keinen SPD-Bürgermeister gehabt hätten. "Die typische Großstadtpartei hat ihre Basis verloren." In vielen Städten sei die SPD hinter den Grünen an dritter Stelle gelandet.
Keine Kompetenzen mehr
Auch mit ihren Themen scheint die SPD auf der Verliererstraße zu sein. Umfragen zufolge traut man ihr in allen politischen Feldern keine Kompetenz mehr zu, vor allem keine ökonomische Kompetenz.
Nicht einmal Finanzminister Peer Steinbrück vermag für die SPD Kompetenzpunkte zu retten. „Jeder weiß, dass er Finanzminister ist, aber sogar unter den Sozialdemokraten weiß ein Drittel nicht, dass er der SPD angehört“, verrät Güllner. Steinbrück werde als Finanzminister zwar geachtet, aber wie ein Gehilfe oder Zuarbeiter der Bundeskanzlerin wahrgenommen. „Also hilft er der SPD wenig.“
Auch Steinbrück hat zu wenig Charisma
Um einer neuen Diskussion um den Kanzlerkandidaten geich vorzubeugen, fügt Güllner aus seinen Umfragen an, dass Steinbrück nicht genug Charisma zugebilligt werde, das ihn etwa zu einem besseren Kanzlerkandidaten als Frank-Walter Steinmeier machen würde.
Guttenberg-Attacken ein Fehler
Steinmeier wiederum habe mehrere große Dilemmata: Er habe kein Feindbild. Zum Beispiel eigne sich Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nicht als Feindbild des Kanzlerkandidaten. Die jüngsten Angriffe Steinmeiers auf Guttenberg waren Güllner zufolge ein schwerer Fehler. Denn auch unter vielen SPD-Sympathisanten finden Guttenbergs Positionen Anklang. Es sei wichtig und richtig, dass Steinmeier versuche, sich abzugrenzen und zu profilieren, doch seien die Attacken auf den Wirtschaftsminister dafür ungeeignet gewesen.
Ferner musste Steinmeier nie kämpfen. Sein Mentor Gerhard Schröder hatte immerhin vier Landtagswahlkämpfe in Niedersachsen bestritten und drei davon gewonnen. Steinmeier war bis 2005 der typische Koordinator im Hintergrund für den Kanzler.
Als Wahlkämpfer und Kanzlerkandidat verlässt er das sichere Feld der Außenpolitik und muss sich mit ganz anderen Politikbereichen herumschlagen, in denen er kein Profil gewinnen kann, so Güllner.
„Wahlkampagnen schlecht wie nie“
Auch die Wahlkämpfe der SPD nimmt der Experte mit seiner demoskopischen Erfahrung äußerst kritisch unter die Lupe. "Bei Willy-Brandt-Plakaten aus dem Jahr 1969, da stimmte einfach alles. Heute stimmt gar nichts." Auch unter Gerhard Schröder seien die Kampagnen schlecht gewesen, was nur durch die Persönlichkeit des Medienkanzlers nicht aufgefallen sei.
"Wenn sie es schon letzten Wahlkämpfe nicht konnten – wie sollen sie es jetzt können, wo es doch noch viel schwieriger ist?", fragt der Forsa-Chef und spricht damit namentlich das Gespann von Parteichef Franz Müntefering und seinem Intimus und Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel an. Sie konnten, so Güllner, noch kein einziges Mal eine richtige Wahlkampfstrategie entwickeln."
Nur noch fünf Prozent
"Die SPD kann man wirklich nicht mehr als Volkspartei bezeichnen", stellte Güllner fest. "In Bayern und in Sachsen erhielt sie nur 5 Prozent! Das heißt, 95 Prozent haben nicht die SPD gewählt. Das ist keine Volkspartei mehr, das ist schon eine Sekte!"
Ewald König
Zur Person
Manfred Güllner, 1941 in Remscheid geboren, Studium der Soziologie, Sozialpsychologie und Betriebswirtschaft in Köln, Abschluss als Diplom-Kaufmann. Danach Assistent am Soziologischen Seminar der Universität. 1964 Eintritt in die SPD. 1970-78 Mitglied der Institutsleitung des Meinungsforschungsinstituts infas in Bonn-Bad Godesberg. 1969-78 Mitglied des Rates der Stadt Köln. 1978-83 Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Köln. 1984 Gründer von Forsa und seither Geschäftsführer.
Zum Institut
Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analyse mbH wurde 1984 in Köln gegründet. 1986 verlegte das Institut seinen Hauptsitz nach Dortmund. 1991 eröffnete es ein Büro in Berlin, das heute als Hauptsitz fungiert. Eine Niederlassung besteht in Dortmund. Forsa hat 60 festangestellte Mitarbeiter und arbeitet mit 1200 Interviewern zusammen. Heute gehört das Unternehmen zu den renommierten deutschen Wahlforschungsinstituten. Derzeit stehen 300 Bildschirm-Telefoninterviewplätze in Berlin und Dortmund zur Verfügung. Kunden sind u.a. CNN, ZDF, EuroNews, BBC und Deutsche Welle, Stern, Die Welt. Arbeitsfelder sind Wahl- und Politikforschung, Medien-, Marketing- und Sozialforschung.