Deutsches KI-Projekt: Größte EU-weite Einzelfinanzierung für Hirndatenforschung

Das Cottbuser Start-up Zander Laboratories GmbH unterzeichnete am Freitag (15. Dezember) eine Finanzierung in Höhe von 30 Millionen Euro. Damit vergibt die Cyberagentur der Bundesregierung die größte Einzelfinanzierung eines KI-Forschungsprojektes in der EU.

Euractiv.de
„Die Revolution wird es sein, dass wir Maschinen ermöglichen, in Echtzeit Hirndaten zu erfassen und zu interpretieren, wodurch sie einen Einblick in die momentane, individuelle Wahrnehmung und Interpretation des Nutzers erhalten“, so Thorsten Zander, Geschäftsführer von Zander Labs. [JLStock / Shutterstock]

Das Cottbuser Start-up Zander Laboratories GmbH unterzeichnete am Freitag (15. Dezember) eine Finanzierung in Höhe von 30 Millionen Euro. Damit vergibt die Cyberagentur der Bundesregierung die größte Einzelfinanzierung eines KI-Forschungsprojektes in der EU.

Die Vertragsunterzeichnung mit der Agentur für Innovation in der Cybersicherheit GmbH (Cyberagentur) fand am Freitag (15. Dezember) an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) statt.

Zander Labs setzte sich im Ausschreibungsverfahren „Sichere neuronale Mensch-Maschine-Interaktion“, welches im Oktober letzten Jahres veröffentlicht wurde, gegen seine vier Mitstreiter durch.

Das Cottbuser Start-up gewann mit der Idee „Neuroadaptivität für autonome Systeme“ (NAFAS), ein KI-Projekt, das Hirndaten in Echtzeit erfassen und mit diesen trainieren soll.

Während man sich in den USA hauptsächlich auf medizinische Anwendungen konzentriert und invasive Methoden bevorzugt, setzt Zander Labs auf nicht-invasive Technologien.

„Dieser Ansatz im Bereich der Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCI) zeigt deutlich die Unterschiede in der Herangehensweise zwischen den USA und Europa“, erklärte Zander sein Projekt.

Gerade in diesem Forschungsbereich könne sich Europa sehen lassen, da die Union im internationalen Vergleich hier die Spitze einnehme, heißt es von Seiten der Cyberagentur.

Auch die Stadt Cottbus begrüßt die Projektfinanzierung.

„Durch diesen wissenschaftlichen Großauftrag an ein Cottbuser Unternehmen wird der Transfer unserer Stadtgesellschaft in eine Zukunftsregion vorangetrieben“, richtete Dr. Markus Niggemann, Beigeordneter und Leiter des Geschäftsbereiches Finanzmanagement, Wirtschaftsentwicklung und Soziales in Vertretung des Oberbürgermeisters der Stadt Cottbus aus.

KI-Revolution

Mit dem Projekt erhofft man sich, die Interaktion zwischen Mensch und Maschine zu revolutionieren.

„Die Revolution wird es sein, dass wir Maschinen ermöglichen, in Echtzeit Hirndaten zu erfassen und zu interpretieren, wodurch sie einen Einblick in die momentane, individuelle Wahrnehmung und Interpretation des Nutzers erhalten“, so Zander.

Bei dem Projekt versuchen die Forscherinnen und Forscher anhand von Hirnsignalen menschliche mentale Reaktionen zu kategorisieren, damit Maschinen in der Zukunft Reaktionen besser interpretieren können.

„Dies versetzt uns in die Lage, Wissen, Werte und Ziele des Nutzers in die Maschine zu übertragen, was eine intuitive Interaktion erlaubt“, fügte Zander hinzu.

Mit der Großfinanzierung sollen in den nächsten vier Jahren neurotechnologische Prototypen entwickelt werden. Von den Prototypen erhofft man sich, dass diese Informationen eines Gehirns auslesen können.

Die Idee ist, dass eine Person über ihre Gedanken mit einem externen System Informationen austauscht. Durch die Gedankenübertragung soll die Maschine angeleitet werden, Aufgabe zu erledigen oder neue Fähigkeiten zu erlernen.

KI-Kooperation im Westen

Erst letzte Woche (8. Dezember) haben EU Abgeordnete der drei Institutionen: Rat, Parlament und Kommission, eine politische Einigung über das europäische KI-Gesetz getroffen. Dabei wurde sich unter anderem auf Standards zu den Bereichen Open Source, Basismodelle, Governance und sensible Strafverfolgung geeinigt.

Der Digitalminister Volker Wissing nahm am Mittwoch (13. Dezember) zu dieser wichtigen Entwicklung, die den Maßstab für KI-Regulierung weltweit setzen könnte, Stellung.

„Künstliche Intelligenz ist der große Gamechanger“, äußerte Deutschlands Digitalminister im Ausschuss.

Während Wissing versicherte, dass es wichtig sei, eine Lösung auf EU-Ebene zu finden, müsse der Ansatz ein gutes Ergebnis garantieren.

„Wir wollen auch nicht, dass wir der am schärfste regulierte Markt werden. Insofern gucken wir uns genau an, was für ein Ergebnis da schriftlich vorliegen wird und werden das konstruktiv begleiten, aber eben auch nicht unkritisch“, ergänzte Wissing.

Die deutsche Position wird auch in ähnlichem Maß von Frankreich und Italien vertreten.

Im Ausschuss hob der Digitalminister auch seine Initiative hervor, auf G7-Ebene einen KI-Verhaltenskodex ins Leben gerufen zu haben.

Im Oktober einigten sich die Digitalminister der G7-Länder auf einen KI-Verhaltenskodex, der elf Prinzipien verfolgt. Zu den Prinzipien zählt zum Beispiel eine Risikovorkehrung im Entwicklungsstadium der KI, eine Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten, und die Gewährleistung von Datenschutz und Urheberrechten.

„Dieser ‚Code of Conduct‘ [Verhaltenskodex] ist, glaube ich, schon der richtige Ansatz, um international im Gleichklang vorzugehen. Zum einen, weil das ein einheitliches ‚Level Playing Field‘ [einheitliche Wettbewerbsbedingungen] schafft und zum anderen, weil wir natürlich die Sicherheitsrisiken mit KI auch nur wirklich global gut beherrschen können, nicht nur europäisch oder national“, so Wissing.

Doch scheint die Kooperation bei der Standardsetzung von künstlicher Intelligenz zwischen der EU und den US getrübt zu sein. Das hochrangige Treffen des EU-US-Handels- und Technologierats (TTC) verliert derzeit wohl immer mehr an Bedeutung.

Erst im letzten Jahr hatte das TTC-Format eine Vereinbarung für einen gemeinsamen Fahrplan für vertrauenswürdige KI entwickelt. Doch nach dem wenig ereignisreichen Treffen in Schweden im Mai hatte Joe Biden das für Dezember angesetzte Gipfel-Treffen Ende November abgesagt.

Die Erfolgslosigkeit des Technologierats scheint wohl darauf zurückzuführen zu sein, dass die beiden Partner unterschiedliche Ziele und Prioritäten verfolgen. Für die EU ist es wichtig seine Maßstäbe auf der anderen Seite des Atlantiks durchzusetzen und die USA nutzt den Rat als Plattform gegen Russland und wohl auch China.

Das abgesagte Treffen ist für April in Belgien angesetzt, es bleibt aber fraglich, ob ein Treffen zustande kommen wird.

[Bearbeitet von Kjeld Neubert]