Kolonialismus im Kongo: Belgiens König drückt "tiefstes Bedauern" aus

Belgiens König Philippe hat am Dienstag sein "tiefstes Bedauern" für das während der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo verursachte Leid ausgedrückt. Es war das erste derartige Eingeständnis eines belgischen Königs.

EURACTIV.com
Belgian Crown Princess Elisabeth’s 18th birthday
König Philippe von Belgien, hier während einer Rede im Königlichen Palast in Brüssel am 25. Oktober 2019. [EPA-EFE/STEPHANIE LECOCQ]

Belgiens König Philippe hat am Dienstag sein „tiefstes Bedauern“ für das während der belgischen Kolonialherrschaft im Kongo verursachte Leid ausgedrückt. Es war das erste derartige Eingeständnis eines belgischen Königs. Zuvor hatte der Tod des Afroamerikaners George Floyd auch in Belgien die Debatten über Rassismus und Kolonialgeschichte wieder angefacht.

„Ich möchte mein tiefstes Bedauern über diese Wunden der Vergangenheit zum Ausdruck bringen, deren Schmerz heute durch die in unseren Gesellschaften noch immer bestehende Diskriminierung wiedererweckt wird,“ so Philippe in einem Brief an den Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo, Felix Tshisekedi, anlässlich des 60. Jahrestages der kongolesischen Unabhängigkeit von Belgien.

Es war das erste Mal, dass ein regierender belgischer Monarch öffentlich sein Bedauern über die Gewalttätigkeiten während der kolonialen Vergangenheit des Landes zum Ausdruck brachte. Das Thema Kolonialismus ist in Belgien nach wie vor hochsensibel und fand bis vor kurzem beispielsweise in den Schul- und Geschichtsbüchern kaum Erwähnung.

In den vergangenen Wochen wurden mehrere Statuen von König Leopold II., der zwischen 1865 und 1909 regierte, mit Farbe beschmiert oder demoliert. Es gab mehrere Petitionen für ihre Beseitigung.

Einige Stadtverwaltungen sind den Forderungen bereits nachgekommen und haben Statuen Leopolds entfernt und in Museen überführt, um so die Wut vieler Bürgerinnen und Bürger zu mildern.

Millionen Tote

Unter der Schreckensherrschaft Leopolds II. im Kongobecken im 19. Jahrhundert beutete Belgien die natürlichen – und menschlichen – Ressourcen des afrikanischen Landes aus, auch zum persönlichen Profit des Königs.

Laut Historikern sind mehrere Millionen Menschen in der heutigen Demokratischen Republik Kongo bei der Arbeit auf den Kautschukplantagen des belgischen Königs getötet und/oder verstümmelt worden oder an Krankheiten gestorben.

Philippe schreibt in seinem Brief – allerdings ohne seinen Ururgroßonkel Leopold II. namentlich zu erwähnen -, dass „in dieser Zeit Gewalttaten und Grausamkeiten begangen wurden, die unser gemeinsames Erinnern belasten“. Der Kolonialismus habe „Leid und Erniedrigung“ nach Afrika gebracht.

Der König erklärt weiter, er hoffe auf eine bessere Zukunft zwischen Belgien und der Demokratischen Republik Kongo, die frei von Diskriminierung sein müsse, und versprach, alle Formen des Rassismus zu bekämpfen. „Um unsere Bindungen weiter zu stärken und eine noch fruchtbarere Freundschaft zu entwickeln, müssen wir in der Lage sein, miteinander über unsere lange gemeinsame Geschichte zu sprechen – in aller Wahrheit und mit aller Ruhe.“

Der Vorsitzende des belgischen Parlaments, Patrick Dewael, nannte den Brief „einen wichtigen Schritt“ und fügte hinzu, das Parlament werde „auf der Grundlage von Forschung und Dialog bestimmen, wie wir heute und in Zukunft mit der schwierigen Kolonialgeschichte Belgiens umgehen wollen.“

Zahlreiche weitere Politikerinnen und Politiker diverser Parteien gratulierten dem König zu seinem Brief und lobten diesen als „ersten Schritt“ in die richtige Richtung. Die Ex-Parteivorsitzende der liberalen Open VLD, Gwendolyn Rutten, twitterte beispielsweise, die Aussagen des Monarchen seien „stark und bedeutend“.

Während der Parlamentsdebatte am Dienstag äußerten sich lediglich die flämisch-nationalistische N-VA und der rechtsextreme Vlaams Belang nicht zum Schreiben des Königs.

Ausbleibende Entschuldigung

Während der Großteil der öffentlichen Reaktionen positiv ausfiel, wiesen mehrere große belgische Medien darauf hin, dass „Bedauern“ nicht gleichbedeutend mit einer Entschuldigung sei. Dies schränke auch die rechtliche Reichweite des königlichen Schreibens und mögliche daraus zu schließende Folgerungen deutlich ein.

In einer Rede vor dem Parlament hatte Premierministerin Sophie Wilmès im Juni immerhin angekündigt, die Arbeit der „interministeriellen Konferenz gegen Rassismus“ werde bald wieder aufgenommen, nachdem sie während der Coronavirus-Pandemie gestoppt worden war.

Die Einrichtung einer solchen Konferenz war im Februar als erster Schritt in einem Prozess eingeleitet worden, der schlussendlich zu einem nationalen Aktionsplan gegen Rassismus führen soll.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic, Benjamin Fox und Tim Steins]